Thüringer Aktivisten gegen Verschwendung – Retten, was noch essbar ist

Erfurt  Nach einer aktuellen Studie werden zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland im Jahr weggeworfen. Auch in Thüringen kämpfen Aktivisten gegen die Verschwendung.

Anne und Lisa beim Containern.

Anne und Lisa beim Containern.

Foto: Marvin Reinhart

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Während sich der Abend wie ein Schutzmantel über die Dächer und Straßen einer Stadt in Thüringen legt, werden die Einkaufstüten zusammengesucht. Aufgeregt sind die beiden – wir nennen sie Lisa und Anne, weil sie ihre richtigen Namen nicht nennen möchten – lange nicht mehr. Zielstrebig gehen sie an den Fenstern eines Supermarktes vorbei. Routine. Das Licht wird gecheckt. Der Laden hat zu. „Die wissen eh, dass wir vorbeikommen“, sagt Lisa. Eine Art stillschweigende Übereinkunft. „Deswegen sind die Mülltonnen im Hinterhof auch nicht abgeschlossen“, ergänzt Lisa.

Dort angekommen, schiebt sie den dicken Kunststoffdeckel auf. Zum Vorschein kommen etliche Lebensmittel, die der Supermarkt am Abend aussortiert hat. „Wir nehmen nur so viel mit, wie wir selbst brauchen können. Hier kommen auch andere her und nehmen den Rest mit“, flüstert Anne. Den beiden geht es nicht darum, einige Euro zu sparen, sondern darum, die weggeworfenen Lebensmittel zu retten.

In Deutschland landen im Schnitt zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall. Dies geht aus einer jüngst erschienen Studie des Thünen-Instituts über das Jahr 2015 hervor. Mehr als die Hälfte aller Lebensmittelabfälle fallen demnach im Haushalt an. Umgerechnet wirft jeder Einwohner rund 75,2 Kilogramm Lebensmittel weg.

Seminare zum Retten von Lebensmitteln

Zu gering seien diese Zahlen, schätzen Anne und Lisa. „18 Millionen Tonnen sind viel näher an der Realität, weil bei einigen Studien die Lebensmittel, die erst gar nicht geerntet werden, nicht mit ins Gewicht fallen“, sagt sie. Hintergrund seien die Methoden der verschiedenen Studien. „Jede Studie hat ihre Berechtigung“, sagt Thomas Schmidt, Autor der Studie vom Thünen-Institut. „Da wir zum Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gehören, hält sich unsere Studie an die Abfallrahmenrichtlinien der EU“, sagt er. Diese besagt, dass Lebensmittel erst als Lebensmittel gezählt werden, wenn sie geerntet wurden.

„Für Thüringen gibt es bisher kein Monitoring“, sagt Thomas Schmidt. Das hänge damit zusammen, dass das Landwirtschaftsministerium, und somit der Bund, der EU gegenüber auskunftspflichtig sei, die Bundesländer aber nicht.

Neben dem Monitoring sei vor allem Aufklärungsarbeit wichtig, finden Anne und Lisa. „Wir geben Seminare zum Retten von Lebensmitteln“, sagt Anne. Dabei gehe es auch um das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD). „Es sagt nämlich nichts über den essbaren Zustand von Nahrungsmitteln aus“, sagt Lisa.

Das kann Manon Struck-Pacyna vom Lebensmittelverband Deutschland bestätigen. „Tatsächlich sind die meisten Lebensmittel, sofern sie ungeöffnet sind, auch nach Ablauf des MHD noch genießbar.“ Das stelle lediglich eine Art Qualitätsgarantie dar, nach dessen Ablauf Lebensmittel leichte optische Veränderungen aufweisen könnten, die aber keinen Einfuss auf Geschmack und Sicherheit hätten, sagt sie. Weiter seien Einzelhändler nicht dazu verpflichtet, Lebensmittel nach Ablauf des MHDs zu entsorgen. „Es liege in der Verantwortung des Lebensmittelunternehmens, ob und wie lange das Lebensmittel weiter in den Verkehr gebracht wird“, so Manon Struck-Pacyna.

„Wenn Nahrungsmittel kaputt sind, dann merkt man das“

Ein Umstand, den Raphael Fellmer, Mitgründer der deutschlandweit aktiven Food-sharing-Initiative, mit seinem Projekt nutzt: „Wir haben mittlerweile drei Rettungsmärkte in Berlin und einen Online-Shop. 2020 wollen wir unser Projekt als Franchise-Konzept nach ganz Deutschland bringen, hoffentlich bald auch nach Thüringen“, sagt er über seine durch Crowdfunding finanzierten Supermärkte, die nur gerettete Lebensmittel verkaufen. Containerte Nahrungsmittel werden nicht angeboten. „Wir müssen alle Lebensmittel, die wir retten, bezahlen, das liegt an der Umsatzsteuerkette, die eingehalten werden muss.“ Dennoch sei er jahrelang „Mülltaucher“ gewesen und schätze deren Engagement.

Zu Hause bei Anne und Lisa. Gemütliche Dachgeschoss-Wohngemeinschaft. Ein kleiner Holztisch, zwei noch kleinere Hocker passen gerade so in die Küche. Es gibt Kaffee.

„Gesundheitliche Probleme hatten wir noch nie wegen containertem Essen“, sagen sie. „Wenn Nahrungsmittel kaputt sind, dann merkt man das. Nutze deine Sinne. Wir haben monatelang vom Containern gelebt und ernähren uns zu 90 Prozent von geretteten Lebensmitteln“, sagt Anne.

„Auch wenn das Containern illegal ist, fühlen wir uns moralisch dazu verpflichtet. Unser Ziel ist es, dass die Lebensmittel verwendet werden.“ Eine Einstellung, die lange nicht in der Gesellschaft angekommen sei. „Verbraucher haben keinen Bezug zu den Produkten, auch weil die Nahrungsmittel zu günstig sind“, findet Anne. Da gehe es um Wertschätzung und Gewissenhaftigkeit. „Der öffentliche Diskurs darüber fehlt. Und auf freiwilliger Ebene passiert nichts“, kritisieren die beiden.

Supermärkte in die Pflicht nehmen

Diskussionen darüber gibt es auch in Berlin: Der Thüringer Minister für Migration, Justiz und Verbraucherschutz, Dieter Lauinger (Grüne), forderte am Freitag vor dem Bundesrat die gesetzliche Verpflichtung des Lebensmittelhandels, nicht verkaufte und dennoch genießbare Lebensmittel an gemeinnützige Organisationen zu spenden, wie es bereits in Frankreich der Fall sei. Bisher war das Spenden von Lebensmitteln, beispielsweise an die Tafeln, freiwillig. „Rund 14 Prozent der Verluste entlang der Wertschöpfungskette entstehen auf der Ebene des Groß- und Einzelhandels“, so der Minister.

„Gründe für den Verlust im Handel sind vor allem Marketingentscheidungen der Händler und Konsumerwartungen an Frische, Verfügbarkeit und Optik der Lebensmittel“, sagt er. Ziel des Bundesministeriums für Ernährung sei es indes, die Menge vermeidbarer Lebensmittelabfälle bis 2030 zu halbieren, sagt Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel. Dabei müsse die komplette Wertschöpfungskette betrachtet werden. „Die Reduzierung von Lebensmittelabfällen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Ausrichtung auf nur einen Sektor ist nicht zielführend“, sagt er. „Die Tafeln retten in Deutschland jedes Jahr rund 260.000 Tonnen Lebensmittel“, so der Staatssekretär. „Die erste Reaktion sollte nicht immer das Gesetz sein.“

„Wir haben schon einen ganzen Kleinwagen voller Lebensmittel aus einem Supermarkt containert und da wäre noch mehr drin gewesen“, sagt Lisa. Die Supermarktketten halten dagegen: „Die Rewe-Group engagiert sich seit Jahrzehnten erfolgreich dafür, dass so wenig Lebensmittel wie möglich vernichtet werden“, sagt Kristina Schütze von der Rewe-Group. 99 Prozent der Lebensmittel würden verkauft, das eine Prozent an Tafeln und Initiativen gespendet. Was weggeworfen wird, gehöre auch in den Müll: Zum Beispiel Lebensmittel, bei denen die Kühlkette unterbrochen wurde. „Gerade Schimmel wird oft unterschätzt. Diese und andere Hintergründe können Mülltaucher nicht kennen“, so Kristina Schütz.

Angst vor rechtlichen Konsequenzen

Zu den wichtigsten Förderern der bundesweit rund 900 Tafeln gehöre nach eigener Aussage Edeka. Dabei entscheiden die einzelnen Kaufleute eigenständig über eine Zusammenarbeit mit den Tafeln, sagt Kerstin Hastedt von der Edeka-Zentrale. Ein generelles Problem, findet Günther Sattler, Vereinsvorstand der Tafel in Arnstadt. „Meist entscheiden die Filialleiter von Supermarktketten darüber, ob gespendet wird. Und oftmals ist das Wegwerfen von Lebensmitteln einfacher“, sagt er. „Dann muss nicht noch ein Formular ausgefüllt werden“, ergänzt Simone Matthey, ebenfalls im Vorstand der Arnstädter Tafel.

Aus ihrer Sicht hätten die Kaufleute Angst vor rechtlichen Konsequenzen, wenn ein Produkt über dem MHD verkauft werde: „Die Verantwortung liegt ja aber bei uns“, sagt Sattler. Lisa und Anne sind mittlerweile mit vollen Tüten wieder zu Hause. Viele Zwiebeln haben sie gerettet, Käse und Salat. „Die Menschen haben sich einen gewissen Überfluss angeeignet. Jeder Einzelne ist dafür verantwortlich“, sagt Lisa.

Dabei seien die Handlungsmöglichkeiten so einfach: „Einen Einkaufszettel schreiben, den Kühlschrank richtig sortieren, im Supermarkt nach abgelaufenen Nahrungsmitteln fragen, auf Aufbewahrung und Portionsgrößen achten, einfrieren, einkochen, kreativ verwerten“, zählt Anne auf.

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