Thüringer Landleben (2): Das Dorf Berlstedt - damals und heute

Berlstedt (Weimarer Land). Mehr Stadt, mehr Dorf oder gar beides in einem? Berlstedt war einmal ein Drecknest. Das sagen etwas spöttisch jene, die den Ort noch aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts kennen.

Dieses Luftbild entstand für unsere aktuelle Serie "Thüringen vermessen". Die historischen Fotos stammen aus dem Archiv der Heimatstube Berlstedt. Foto: Alexander Volkmann

Dieses Luftbild entstand für unsere aktuelle Serie "Thüringen vermessen". Die historischen Fotos stammen aus dem Archiv der Heimatstube Berlstedt. Foto: Alexander Volkmann

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Zu Beginn der 1970er-Jahre fing Berlstedt an, sich herauszuputzen. Es ging auf die Kulturfesttage der sozialistischen Landwirtschaft zu. Das Dorf in der Nähe von Weimar war als Veranstaltungsort auserkoren.

Geld floss reichlich. Berlstedt bekam richtige Bürgersteige und im zeitgemäßen Betonkasten-Stil ein opulentes Kulturhaus, das - erst recht auf dem Lande - einmalig war.

Im Dorf wirkten Bürgermeister und Landwirte, die etwas erreichen wollten. Für den Ort - und für sich. Besonders bekannt wurde Karl Thoma, "der große Karl", der in höchste Ämter der DDR kam und bestrebt war, aus Berlstedt ein sozialistisches Musterdorf zu machen. Einfluss und Ideen, auch Druck und Zumutung, vor allem der Wille, etwas zu bewegen, brachten in Berlstedt und den umliegenden Orten Macher zueinander.

So wurde das auserkorene Musterdorf zu einem Ort, an dem wohl Besonderes geschah.

Dabei war die Rolle beinahe vorherbestimmt. Es gibt eine lange Geschichte.

Bereits im Jahre 1894 wurde Berlstedt zu einem Zentraldorf. Die Molkerei wurde gebaut. Die Nachbarn in Neumark wollten sie nicht haben.

Im Jahr 1968, als Berlstedt noch das Drecknest und der Feldbau auf den Dorfstraßen gut zu sehen war, gründete sich hier der erste Gemeindeverband der DDR. Auf seiner Grundlage taten sich dann nach 1989 die Orte Ettersburg, Krautheim, Neumark, Ballstädt Hottelstedt, Ramsla, Schwerstedt und Vippachedelhausen mit Berlstedt zu einer Verwaltungsgemeinschaft zusammen. Knapp 5000 Menschen leben hier. Ungefähr 1800 sind es allein in Berlstedt, dem Stadtdorf. Es hat eine Infrastruktur, auf die viele Dörfer und manche Kleinstadt nur neidisch sein können.

1 Die Landwirtschaft

DAMALS: Die LPG Vorwärts Berlstedt betrieb ab 1972 die erste Milchviehanlage in Thüringen mit 2000 Tieren. Dazu gehörten Verwaltung und Hochsilos. Es war nach dem brandenburgischen Dedelow die zweite derart industrielle Anlage für Kühe in der DDR. In Berlstedt kam kurze Zeit später eine zweite 2000er-Milchviehanlage hinzu. Außerdem bestand der Stammkuhstall und die Milchviehanlage mit 400 Tieren in Vippachedelhausen. In Neumark stand der Färsenstall.Mit Berlstedt als Zentrum wurde 1975 die erste Agrar-Industrie-Vereinigung (AIV) der DDR gegründet - eine Verbindung von Vieh, Milch, Futter und auch anfallender Gülle. Zur AIV gehörten das VEG Großobringen, die LPG Vereinte Kraft Vippachedelhausen, die LPG Großbrembach und Sömmerda und die LPG Schlossvippach, das Agrochemische Zentrum Schwerstedt, die Verarbeitung Heichelheim und die Abteilung Melioration.

HEUTE: Ab dem Jahr 1990 wurde nach Landeigentum neu geordnet. Die Erzeugergenossenschaft Neumark vereint seitdem Pflanzenbau und Milchproduktion. Sie ist mit knapp 100 Arbeitskräften der größte Arbeitgeber der Region. Ungefähr 2300 Kühe liefern täglich 35 .000 Liter Milch. 4000 Hektar Feld werden bewirtschaftet. Es gibt die Tierzucht van Asten in Neumark und den Geflügelhof Hottelstedt.

2 Das Haus am Unteranger

DAMALS: Hier eröffnete 1957 das ländliche Einkaufszentrum, in dem es Mehl, Butter, Zucker, Nudeln, Seife und Waschmittel, aber auch Kinderschuhe, Waschmaschinen, Geschirr und die mitunter schwer zu habende Bettwäsche gab.

HEUTE: In der Zeit von 1990 bis 1999 waren hier Supermarkt und Getränkemarkt. Im Mai 2001 eröffnete die Familie Pfaffe das Gasthaus "Zur Linde" und führt es seitdem. Gegenüber steht ein gut 200 Jahre alter, stattlicher Lindenbaum. Er heißt Zigeunerlinde. Direkt hier, über den Unteranger, führte die Via Regia, die königliche Straße von Frankfurt über Erfurt und Leipzig bis Breslau und weiter in den Norden. Im Jahr 768 erstmals urkundlich erwähnt, verlief sie auch durch Tausende von Dörfern wie Buttelstedt und Berlstedt.2003 wurde an der Zigeunerlinde der Kreisverkehr eingerichtet.

3 Die Molkerei

DAMALS: Die Milch hat Tradition. Bereits im Jahr 1894 schlossen sich Berlstedter Bauern zu einer Molkereigenossenschaft zusammen. In diesem Haus wurde abgeliefert. 70 Jahre später kamen 28. 000 Liter pro Tag zusammen. Daher bauten die erfinderischen Berlstedter 1966 eine unterirdische Milchleitung auf fünf Kilometern bis Vippachedelhausen, wo Butter, Quark, Sahne und Frischmilch mit 2,5 Prozent Fettgehalt hergestellt wurden.

HEUTE: Über eine steile Treppe geht es in die Heimatstube Berlstedt. Hier ist eine historische Dorfwohnung komplett eingerichtet. Dazu kommen Bänke aus der alten Dorfschule und weitere ansehnliche Stücke. In zwei Räumen werden Diskussionen und Leseabende veranstaltet. Außerdem fanden in der alten Molkerei Platz: Kirmesverein, Keramikzirkel, Wohnungen, Friseur und Kosmetik, Lohnsteuerhilfeverein und hinter dem Haus der Bauhof.

4 Das Kulturhaus

DAMALS: Zu den Kulturfesttagen der sozialistischen Landwirtschaft im Jahr 1974 wurde das Kulturhaus feierlich eröffnet. Im Saal, aber auch im Jäger- und Weinzimmer gab es Betriebsfeiern und Treffen mit Gästen aus anderen Ländern, die das Musterdorf besichtigten.Es kamen befreundete Delegationen aus der damaligen Sowjetunion, aber auch aus Kuba sowie Vertreter von Arbeiterparteien etwa aus Portugal. Wer nicht auf den Feldern oder im Stall arbeitete, der aß im Kulturhaus zu Mittag. Für die Abende gab es eine Kegelbahn und Proberäume der Volkskunstgruppen. Das waren zwei gemischte Chöre, Frauenchor, Pionierchor, Vokalgruppe, Streichorchester, Jugendtanzkapelle, Tanzkapelle, zwei Blasorchester, Tanzgruppe, Mal- und Zeichenzirkel, Spielmannszug.1981 wurde bei Radio DDR "Alte Liebe rostet nicht" live aus dem Berlstedter Kulturhaus gesendet, unter anderen mit Herbert Roth, Frank Schöbel und Peter Wieland als Solisten.

HEUTE: 1994 übertrug die Treuhand das Kulturhaus der Gemeinde Berlstedt. Bis 2001 fand darin eine Großraumdiskothek Platz. Seit 2004 gehört das Kulturhaus der Familie Pfaffe. Im Saal feiern unter anderem die umliegenden Schulen Abschlussbälle. Es gibt Hochzeiten und Tanzabende. Außerdem fanden eine Physiotherapie und ein Reisebüro Platz.

5 Das Ärztehaus

DAMALS: Das ehemalige Landambulatorium wurde im Juni 1956 übergeben. Ursula Püschel zählt im Buch genau auf, was alles vorhanden ist: "Es gibt die Röntgen- und die EKG-Abteilung, das medizinisch-technische und das zahntechnische Labor, die Massagen- und Bäderabteilung, die Apotheke. Ständig zwei Ärzte der Allgemeinmedizin, einer Inneres, drei Zahnärzte. Einmal wöchentlich ein Gynäkologe und ein Orthopäde, zweimal ein Kinderarzt. Ärztliche Hilfe gibt es zu ausnahmslos jeder Zeit. Da ist manches besser als in mancher Stadt: ärztlicher Dienst, der Schichtarbeit berücksichtigt, schnelle Hausbesuche, keine endlosen Voranmeldungen.Das Ambulatorium wird vom Gemeindeverband finanziert, der die Mittel von den Betrieben bekommt."

HEUTE: Zwei praktische Ärzte und drei Zahnärzte behandeln die Patienten auch aus umliegenden Dörfern. Die Physiotherapie ist in das Kulturhaus umgezogen.

6 Die Schule

DAMALS: Die hohe Tür in der Hauptstraße 30 war bis 1990 der Eingang in die Kurt-Funke-Oberschule Berlstedt, eine Polytechnische Oberschule. 1977 wurden in der Schule rund 750 Kinder aus zwölf Dörfern von 54 Lehrern und Erziehern bis zum Abschluss der 10. Klasse betreut. Sie kamen mit der Zuckertüte vom ersten Schultag an hierher. Aus den umliegenden Dörfern fuhren Schulbusse. Im Buch von Ursula Püschel merkt der Schulleiter an, dass mit der Konzentration auf Berlstedt in elf Dörfern der Lehrer weggefallen ist, auch wenn in manchem Dorf noch ein Lehrer wohne.Der Lehrer habe keineswegs mehr den "Leuchtturmeffekt als geistige Autorität": "Er ist auch nicht mehr der eine, schon gar nicht der einzige geistige Kopf. Die Urbanisierung macht den Lehrer zu einem unter vielen."

HEUTE: Die staatliche Aktivschule an der Via Regia ist derzeit ein Verbund aus Grund- und Regelschule mit angeschlossenem Hort.

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