Thüringer Sagen: Das geheimnisumrankte Gründelsloch

Thüringens stärkste Quelle entspringt nicht in einem Gebirgstal, sondern dort, wo die Landschaft fast so flach wie ein Kuchenbrett ist. Das Gründelsloch, eine sagenumwobene Karstspaltquelle im Thüringer Becken, schüttet enorme Wassermengen aus und soll für den Kindersegen der Region von großer Bedeutung sein.

Kindelbrück. Am westlichen Ortsrand von Kindelbrück kann man in einer kleinen Parkanlage einen merkwürdigen Wasserspiegel blinken sehen. Je nach Sonnenstand und Bewölkung leuchtet er in Grün-, Türkis- oder Blautönen zwischen Bäumen. Steht man direkt davor, erweist sich das Wasser als kristallklar und lässt einen tief dahin blicken, wo irgendwo am Grunde des Quellbeckens mächtige Wasserströme zu wallen und zu wirbeln scheinen.

Die Farbenspiele und das unheimliche Strudeln des Wassers regten schon immer die Fantasie an. Was man sich über das Kindelbrücker Naturwunder einst erzählte, hat Paul Rödiger 1930 in seinen "Heimatsagen" aufgezeichnet:

"Als kleiner Knabe hörte ich von meiner Großmutter, wie einst das Gründelsloch entstand. Fuhr da einmal ein Fuhrmann mit Geschirr von Kindelbrück nach Oberbösa hinauf. Als er an jene Stelle kam, wo heute die Quelle ist, geschah plötzlich ein Erdrutsch, so daß Mann, Pferde und Wagen in die Tiefe sanken. Das Quecksilber aber, mit dem der Wagen zufällig beladen gewesen war, fraß sich immer weiter in die Erde hinein, bis schließlich ein ungemein tiefes, schier grundloses Loch entstand. Mit Gewalt schoss zugleich auch das Wasser hervor und ergoss sich in der Stadt. Die Leute verwunderten sich nicht wenig darüber, weil doch kein Regen diese Überschwemmung veranlaßt haben konnte, bis schließlich der Flurschütze in die Stadt kam und erzählte, was sich draußen zugetragen hatte. Nun wurde für Abhilfe gesorgt und das Wasser in einem Graben durch die Stadt geleitet."

Diese Sage geht auf ein ungewöhnliches geologisches Ereignis zu Beginn des 17. Jahrhunderts zurück. Im Jahre 1611 brach an dieser Stelle eine zuvor unbekannte Quelle auf, die alle Welt in Erstaunen versetzte. Woher nur kamen diese Wassermassen?

Was damals rätsel- und sagenhaft erschien, wird dem Besucher des Gründelsloches heute auf einem Lehrpfad als Phänomen der Karstlandschaft erklärt. Danach speichern die das Thüringer Becken umge-benden Gebirge bei Niederschlag beträchtliche Wassermengen. Das Wasser sickert durch Poren und Ritzen in die Tiefe, wäscht Höhlen und Spalten aus und vereint sich zu kilometerlangen unterirdischen Flüssen, die weit ins Thüringer Becken reichen. Diese unterirdischen Gewässer stehen unter Druck, der das Wasser irgendwo wieder ans Tageslicht treibt.

So auch im Jahre 1611 bei Kindelbrück. Seither sprudelt es dort gewaltig, 15 600 Liter Wasser schütten die Spaltquellen des Gründelsloches pro Minute aus. Den Wassersegen haben die Bürger schon immer klug zu nutzen gewusst. So trieb der Gründelsbach einst eine Wassermühle an. Heute speist das Quellwasser den benachbarten Angelteich, das Forellen-Zuchtbecken eines Binnenfischereibetriebes und im Sommer das Schwimmbad.

Der Gründelsloch-Park ist eine gern besuchte Sehenswürdigkeit. Darüber hinaus soll das Gewässer eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für den Kindersegen der Kindelbrücker haben. "Aus ihm holt nämlich, wie jederman weiß, der Klapperstorch die kleinen Jungen. Er nimmt die Knäblein unter seine Flügel und fliegt nach der Stadt. Ein Stück Würfelzucker im Fenster zeigt ihm das Haus an, in dem ein kleines Brüderchen erwünscht ist. Flugs wirft er es zum Schornstein hinein, läßt für die kleinen Geschwister noch ein paar Zuckertüten zurück und verschwindet wieder." So hat es Paul Rödiger überliefert, und so wird es bis heute erzählt. Warum der Storch aus dem Gründelsloch allerdings nur Jungen fischt und woher dann die Kindelbrücker Mädchen kommen, weiß die Sage nicht zu berichten.

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