Thüringer Schüler, Lehrer und Eltern fürchten um ihre Klassenfahrten

Erfurt  Erfurt. Im Juni hat das Land das Budget für Lehrer-Dienstreisen thüringenweit überraschend um die Hälfte gekürzt. Nun kann es sein, dass Klassenfahrten ausfallen müssen.

Lernort Geschichte: Die Wasserburg Heldrungen ist ein beliebtes Ziel für Klassenfahrten von Schulen nicht nur aus dem Erfurter Raum. Foto: Holger John

Lernort Geschichte: Die Wasserburg Heldrungen ist ein beliebtes Ziel für Klassenfahrten von Schulen nicht nur aus dem Erfurter Raum. Foto: Holger John

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Ein Jahr lang hat sich die Klasse auf ihre Fahrt vorbereitet. Es sind Spenden gesammelt worden. In Geografie wurden Karten vom geplanten Reiseverlauf angefertigt. Auch in Geschichte und Sport hat sich der Jahrgang von Karl Volkmar Stoy akribisch auf die anstehende Exkursion vorbereitet. Zu Fuß macht sich die Gruppe aus 22 Schülern und fünf Lehrern am 21. August auf in Richtung Inselsberg. Acht Tage dauert die Klassenfahrt und die Schüler bekommen neben der Freude am Wandern auch Wissen über ihre heimatliche Umgebung in Form von Vorträgen und Besichtigungen vermittelt.

Mit der Reise, so steht es auf dem Gedenkstein auf dem Gipfel des Brotteroder Hausbergs, begründete Lehrer Stoy im Jahr 1853 den Schul-Wandertag in Deutschland. Mehr als 150 Jahre später schafft ihn die rot-rot-grüne Landesregierung in seinem Geburtsland flächendeckend wieder ab.

Zunächst weitgehend unbemerkt von Schülern und Eltern hat das Thüringer Kultusministerium die Praxis der Dienstreisen für Lehrer in einer Weise verschärft, dass Klassenfahrten an freistaatlichen Gymnasien und Regelschulen nahezu nicht mehr genehmigt werden können. Dies Verfahren entsetzte Elternvertreter in diesen Wochen, wenn sie nach den großen Ferien erstmals wieder auf die Klassenleiter ihrer Kinder treffen.

Ministerium sah, dass noch Geld übrig war

Landesweit wurde das Schulbudget, aus dem die Übernachtungskosten für die begleitenden Pädagogen bislang bezahlt werden sollen, um rund 40 Prozent gekürzt. So kann das Heinrich-Hertz-Gymnasium mit nur noch 1700 Euro rechnen. Vergangenes Jahr war es noch doppelt so viel, sagt Schulleiterin Bettina Pfeil. Damit wären wir ausgekommen. Mit dem gekürzten Budget nicht.

Auch die Regelschulen kämpfen mit denselben Problemen, so die Information aus der Kolpingschule. Dem Albert-Schweitzer-Gymnasium stehen für 2015 nur noch 2500 Euro zur Verfügung, Große Sprünge über die Landesgrenze hinweg zur Sprachvertiefung etwa in England sind für die Schule mit ihrem teils bilingualen Unterricht nun kaum noch möglich.

Kultussprecher Gerd Schwinger: Schon 2014 blieben Gelder übrig, wurden landesweit nur 560 000 Euro abgerufen. Daher haben wir im Zuge der Haushaltsaufstellung das Budget gekürzt. Und selbst in diesem Jahr sehe es nicht so aus, als würden alle Gelder abgerufen.

Im kommenden Jahr, so berichten einzelne Schulleiter, sei ihnen bereits bedeutet worden, könne das Budget nochmals um die Hälfte gekürzt werden.

Dass jedoch Gelder übrig bleiben, hat Gründe, die unmittelbar mit der Verwaltungspraxis der vergangenen Jahre rund um die Klassenfahrten zusammenhängen. Denn die meisten Fahrten werden üblicherweise dann geplant und gebucht, wenn das Budget für die Schulen vom Landtag noch gar nicht beschlossen ist. In dieser Situation taten sich auch Schulleiter bislang schwer mit der Genehmigung der Reisekosten der Lehrer.

Freiplätze dürfen nicht mehr genommen werden

Doch mit einer Mischung aus Kreativität und aus persönlichen finanziellen Opfern mancher Lehrer hielten die Schulen bislang ihre Außer-Haus-Angebote aufrecht. So nahmen Lehrer etwa die sogenannten Freiplätze in Anspruch, die den Reiseveranstaltern in der Tourismusbranche üblicherweise gewährt werden. Als Faustregel gilt: Jeden 21. Übernachtungsplatz gibt es kostenlos. Doch seit diesem Jahr wurde das Schlupfloch mit Verweis auf die Antikorruptionsbestimmungen im öffentlichen Dienst geschlossen. Angestellten und Beamten des öffentlichen Dienstes ist es demzufolge nicht erlaubt, teure Geschenke und Rabatte anzunehmen selbst wenn sie damit nur das finanziell absichern, was ihnen der Freistaat als Dienstherr bezahlen müsste, aber nicht mehr kann oder will.

Dass es der Kultusbürokratie dabei nicht um die Pädagogik, sondern allein um die Haushaltssanierung geht, ist mehr als offensichtlich. Denn geschlossen wurde dieses Schlupfloch ausgerechnet erst, nachdem ein Lehrer, der im Vorfeld ausdrücklich auf die Kostenerstattung für eine Klassenfahrt verzichtet hatte, diese im Nachhinein einklagte. Das Bundesarbeitsgericht gab ihm in letzter Instanz recht. Die Richter hielten es schlicht für unzulässig, dass Lehrer vor die Wahl gestellt werden, die beliebten Klassenfahrten entweder auf eigene Kosten oder gar nicht durchzuführen.

Dank der verschärften Regelungen dürfen Klassenfahrten nun definitiv erst gebucht werden, wenn eine Dienstreisege-nehmigung vorliegt.

De-Facto-Abschaffung der Klassenfahren

Doch das stellt die Direktoren vor das übliche Problem. Die Höhe ihres Budgets für 2015 haben die Schulen erst nach Verabschiedung des Landeshaushalts im Juni erfahren. Da waren die Jahresplanungen an den Schulen bereits durch und die lukrativsten Angebote von Schulen aus anderen Bundesländern gebucht.

Spätestens jetzt müssten eigentlich die Angebote für die Klassenfahrten im zweiten Schulhalbjahr eingeholt werden, doch wieder kennen die Direktoren das Budget nicht. Denn das zweite Halbjahr endet im Sommer 2016. Und mit den Arbeiten am Haushaltsplan des Landes wird im Kultusministerium gerade erst begonnen.

Warum rot-rot-Grün allem reformpädagogischen Wahlkampfgetöse zum Trotz nichts gegen die De-Facto-Abschaffung der Klassenfahren unternimmt, ist nicht nur für die Schüler und Elternvertreter nicht nachvollziehbar. Landeselternsprecher Roul Rommeiß: Der Landesschulbeirat hat bereits gefordert, sofort den Budget-Stand von 2014 wieder herzustellen.

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