Wenn man helfen will: Zermürbende Odyssee eines Geraers

Gera  Bei dem Versuch, einem jungen Marokkaner den Weg in die ihm zugewiesene Erstaufnahmestelle in Thüringen zu zeigen, ging ein junger Mann aus Gera bis an seine Grenzen und erlebte dabei vielerorts institutionellen Rassismus.

René Köhler steht vor der Straßenbahnunterführung am Hauptbahnhof. Hier bat ihn ein in Gera gestrandeter junger Flüchtling am Abend des 7. Februar um ­Hilfe. Der Beginn einer Odyssee.

René Köhler steht vor der Straßenbahnunterführung am Hauptbahnhof. Hier bat ihn ein in Gera gestrandeter junger Flüchtling am Abend des 7. Februar um ­Hilfe. Der Beginn einer Odyssee.

Foto: Peter Michaelis

Als ich am Donnerstag, dem 7. Februar, um 23 Uhr am Geraer Hauptbahnhof ausstieg und das Gebäude in Richtung Straßenbahnhaltestelle/Unterführung verließ, bat mich ein junger Mann um Hilfe. Auf meine Nachfrage hin gab er an, ein paar wenige Worte Deutsch zu verstehen, aber kaum zu sprechen. Auch Englisch brächte nichts. Er gab mir ein offizielles Schreiben, eine Weisung der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) Neumünster in Schleswig-Holstein. Sie war auf den gleichen Tag datiert und besagte, dass sich Tarik – so hieß der junge Mann – illegal in der EAE Neumünster aufgehalten habe und sich bis 8. Februar in der für ihn zuständigen EAE Gera, Dr.-Schomburg-Straße 19, zu melden habe. Tarik – wir duzten uns intuitiv – trug eine dünne Lederjacke über seinem T-Shirt; die Außentemperatur lag um den Gefrierpunkt. Ich sagte ihm zu, mich um sein Anliegen zu kümmern und ihm zu helfen.

Freund half am Computer beim Recherchieren

Mit meinem Smartphone suchte ich die Adresse heraus und stellte fest, dass kein Bus mehr fuhr und ein Fußmarsch von 3,2 Kilometer / 47 Minuten nötig sein würde. Ich entschied erstens Tarik nicht alleine zu lassen und zweitens in dieser Nacht nicht dorthin zu laufen. Ich rief erfolglos die Nummer der EAE Neumünster aus dem Schreiben an. Die Nummer der EAE Gera ließ sich nicht ermitteln. Ich beschloss drittens für Tarik eine Bleibe für die Nacht zu finden, ihn aber nicht mit zu mir zu nehmen, sondern spontan recherchierte Notunterkünfte / Obdachlosenasyle, Flüchtlingshilfevereine und ähnliches telefonisch abzuklappern und mich dem Ämterwahnsinn am nächsten Morgen zu widmen, falls das dann noch nötig sein sollte. Zwischen den Telefonatversuchen bemühte ich mich um Verständigung. Ich war mir nicht sicher, wie viel er davon begriff, aber es entstand immerhin eine Vertrauensbasis. Er erwähnte das Wort Polizei, und ich schloss zunächst kurz, dass er einen Kontakt mit dieser vermeiden wolle. Während der folgenden Telefonate liefen wir Richtung Stadtzentrum, um uns zu bewegen, weniger zu frieren und einer Unterkunft näher zu kommen. Ich erfuhr, dass Tarik seit einem Monat in Deutschland war und aus Marokko stammt.

Zunächst rief ich einen Freund an, der zu Hause am Computer parallel mögliche Notunterkünfte recherchieren half und mir die Nummern zuarbeitete. Ich versuchte erfolglos, folgende Einrichtungen zu erreichen: Awo Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer, Awo Jugendmigrationsdienst, Migrationsberatung Diako Thüringen, Caritasverband für Ostthüringen, DRK Kreisverband Gera, Volkssolidarität Gera, DO Diakonie Ostthüringen, Asylverfahrensberatung Diakonie Ostthüringen, Freundeskreis für Flüchtlinge Gera sowie AufAndHalt Gera. Zu Wohnungs- und Obdachlosenhilfe fanden sich zwar zahlreiche Pressemeldungen und Webseiten der Stadtverwaltung, aber keine Telefonnummern. Über diese Recherche erfuhren wir auch, dass die Erstaufnahmeeinrichtung Gera Ende des Jahres 2017 geschlossen wurde. Es war mittlerweile 23.30 Uhr, uns war kalt, und rege fluchend kam ich zu dem Schluss, noch mal das Gespräch auf die Polizei zu bringen; diesmal in Verbindung mit den Handzeichen „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“. Tarik hatte gar nichts dagegen. Die Polizei Gera vermeldete am Telefon, nicht zuständig zu sein und empfahl, das Bundespolizeirevier am Geraer Hauptbahnhof. Also wieder zurück. Dort ging ich der Telefonnummer an der verschlossenen Tür nach und erfuhr von einem Bundespolizisten aus Erfurt, dass das Revier nur tags über besetzt sei und ich mich wieder bei den Kollegen in der Stadt melden solle. Diese erklärten mir, dass die neue EAE für Thüringen in Suhl, Weidbergstraße 10, zu finden sei, und ich solle diese Adresse auf Tariks Schreiben notieren und ihn in die nächste Bahn dorthin „stecken“. Ich beharrte darauf, Tarik in dieser Nacht auf keinen Fall in die Bahn nach Suhl zu geleiten, da eine sechsstündige Reise durch die Nacht mit zwei Umstiegen und vier Stunden Wartezeit am eisigen Erfurter Bahnhof für niemanden in Frage kommt. Zudem wäre die 4,5 Kilometer vom Suhler Bahnhof entfernte EAE am frühen Morgen nur in einem einstündigen Fußmarsch und nicht ohne Karte zu erreichen gewesen. Ja, dann könne die Polizei auch nicht weiterhelfen, eine Unterbringung durch sie sei eine illegale Freiheitsberaubung. Auf meine Frage, ob eine unterlassene Hilfeleistung weniger illegal sei, vermittelte mich die genervte Beamtin an eine Streifen-Kollegin, die mir mehr Hilfe anbot und nach fünf Minuten zurückrief: Ein Bett in der Obdachlosenunterkunft „Obolus“, Geschwister-Scholl-Straße 20, stünde für fünf Euro zur Verfügung. Da sich die Hilfe der Polizei darauf beschränkte, uns im „Obolus“ anzumelden, Tarik kein Geld bei sich hatte und es nun Mitternacht war, entschied ich, für die zwei Kilometer in die Unterkunft ein Taxi zu nehmen.

Wenig später kamen wir dort um zehn Euro erleichtert an, um von einem Nachtdiensthabenden der Sicherheitsfirma empfangen zu werden. Der zunächst raue Ton („Aber ein Einzelzimmer gibt‘s nicht für den“) glättete sich durch meine Beharrlichkeit und das Versprechen, dass ich Tarik am Morgen, 7 Uhr, zum Frühstück abholen würde. Nach 15 Minuten Schreibkram, Quittungszettelchen und einer aufgrund der Sprachbarriere reichlich überflüssigen Belehrung zur Hausordnung wurden schon wohlwollender Bettbezüge und Handtücher ausgegeben und uns das Bad und der Raum mit zwei Mitbewohnern gezeigt. Tarik tat mir leid, als er sagte, dass er Hunger habe und sich von mir auf den Morgen vertrösten lassen musste. Zum Abschied umarmten wir uns herzlich. Ich musste wiederholt zusichern, auch wirklich zu erscheinen.

In der Nacht arbeitete ich einen Ausdruck für Tarik aus, auf dem die Adresse in Suhl, eine Karte und die Aufforderung, ihm zu helfen, auf Deutsch und Arabisch stand. Zur Sicherheit kam noch meine Mobilnummer mit auf das Blatt.

Am Freitag, dem 8. Februar, 7 Uhr, klopfte ich vorsichtig an die Tür des Zimmers und öffnete. Tarik hatte in seinen Sachen geschlafen und das Bett nicht bezogen. Ich drückte ihm die zusammengelegten Handtücher in die Hand und er ging duschen. Ich nutzte die Zeit, um erneut alle Nummern der letzten Nacht durchzutelefonieren und erreichte als einzige das Büro der Migrationsbeauftragten der Stadt Gera. Nachdem ich ihr die Erlebnisse der letzten Nacht geschildert hatte, bekam ich folgendes zu hören: Mein Engagement sei zwar rührig, setze aber genau die falschen Zeichen. „Die“ seien erwachsene Leute, welche nicht „gepampert“ werden müssten; schließlich hätten sie es auch alleine von Afrika hierher geschafft, der Katzensprung nach Suhl wäre da eine Kleinigkeit. Fassungslos nahm ich entgegen, wie meine Hinweise auf das Behördenversagen mit der falschen Zieladresse abgebügelt wurden.

Nach dem Morgenspaziergang ins Stadtzentrum aßen wir in einem Café Frühstück. Am Bahnhof druckten wir einen Fahrplan nach Suhl aus, ich gab Tarik noch einen Zehner mit auf den Weg, und um 8.05 Uhr rollte er mit der Bahn ins Ungewisse.

Bis zum Mittag versuchte ich vergeblich, bei einer der beiden Nummern der EAE Suhl durchzukommen, um Tarik anzukündigen. Mehr Glück hatte ich bei der Verfasserin seiner Weisung aus Neumünster. Zunächst nahm sie interessiert die seit über einem Jahr gültige Adresse der Thüringer EAE in Suhl entgegen und erkundigte sich nach Hausnummer und Postleitzahl – eine Information, die eine Suche im Internet in wenigen Sekunden erbracht hätte. Mir wurde zu Verstehen gegeben, dass meine Fürsorge überflüssig gewesen sei, Tarik durchaus Deutsch verstehe und es in den Sternen stünde, ob er in Suhl ankomme.

Nach meinem Erlebnis mit institutionellem Rassismus stelle ich die Menschenkenntnis der beteiligten Behörden in Frage. Es ist mir als einem mit allen technischen Möglichkeiten ausgestatteten Einwohner der Stadt Gera in einer Stunde schwerlich gelungen, eine Notunterkunft für einen Hilfsbedürftigen zu finden. Für jemanden mit Sprachbarriere und ohne Kontakte oder Zugang zum Internet dürfte sich dies als aussichtslos erweisen. Solange Hilfsbedürftige gleich welcher Herkunft auf das zufällige, individuelle und private Engagement Einzelner angewiesen sind, handeln die zuständigen Behörden nicht nur fahrlässig, sondern menschenunwürdig.

René Köhler, Bürger des Stadt Gera

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