Wie die iga-Abwicklung in Erfurt verhindert wurde

Erfurt.  Die Politik wollte 1990 die iga als ideologisch belastet abschaffen. Und rechnete nicht mit der Erfurterin Sylvia Otto.

Ein Bild aus alten DDR-Zeiten. Die iga - und der iga-Express (Mitte) waren schon immer echte Besuchermagneten.

Ein Bild aus alten DDR-Zeiten. Die iga - und der iga-Express (Mitte) waren schon immer echte Besuchermagneten.

Foto: Peter Grimm

Es müsste, wenn man genau sucht, in den Schriftstücken der Ega eine Inventarnummer geben, auf der der Name Sylvia Otto vermerkt ist. Denn die heute 71-Jährige spielt in der Ära der Erfurter Gartenbauausstellung – heute Ega, bis 1990 Internationale Gartenbauausstellung (iga) – eine maßgebliche Rolle. Man könnte sogar so weit gehen, Erfurt hat Sylvia Otto zu danken, dass der 36 Hektar umfassende Garten- und Freizeitpark, einer der größten Deutschlands, heute immer noch steht und die Stadt damit um eine Attraktion, die zur Bundesgartenschau 2021 eine maßgebliche Rolle spielen wird, reicher ist.

In der Wendezeit gab es allerdings massive Bestrebungen in der Politik, sich der iga zu entledigen. Sylvia Otto, seit 1975 dort angestellt, seit 1988 Betriebsratsvorsitzende, kann ein Lied davon singen. „Man hat damals auch auf höchster Ebene oft genug durchblicken lassen, dass man die iga für was Sozialistisches hielt, was weg musste“, erinnert sie sich an die stürmische Wendezeit.

Betriebsratschefin schaltete in den Kampfmodus

Die ganze Diskussion sei ideologisch aufgeladen gewesen. Auch der damalige Ministerpräsident Bernhard Vogel habe eine Aktie daran gehabt. Er habe nach Amtsantritt schon 1992 durchblicken lassen, dass die iga abgewickelt werden solle. Ihr sei sogar im Aufsichtsrat bedeutet worden, „ich solle mitmachen, es werde mein Schaden nicht sein“.

Aber bei Sylvia Otto biss man vom Prinzip her in der Frage auf Granit. Die iga innerhalb zweier Jahre von 320 Beschäftigten auf zehn, die lediglich noch den Rasen mähen sollten, zu schrumpfen, das war mit ihr nicht zu machen. Auch wenn sie, und das will bei Sylvia Otto schon etwas heißen, im ersten Moment sprachlos gewesen sei. Dann schaltete die Betriebsratschefin in den Kampfmodus.

Erfurter Bürger machten mobil

Sie habe seinerzeit gemerkt, dass die iga-Abwicklung für den Rat der Stadt und das Land eigentlich schon eine beschlossene Sache waren. Sie habe aber den iga-Gegnern klargemacht, dass sich das die Erfurter Bürger so ohne weiteres nicht gefallen lassen würden. Sie hätten schließlich das Ausstellungsgelände auf der Cyriaksburg selbst mit aufgebaut. Sylvia Otto erinnert sich an einen Staatssekretär Jürgen Hartmann. Der, ein Verwaltungsjurist und Politiker (CDU) aus Bonn, habe im Landwirtschaftsministerium das Sagen gehabt, nicht der eigentliche Minister Volker Sklenar. Und sei ein Verfechter der iga-Abwicklung gewesen.

Man habe sich dennoch mit dem Aufsichtsrat auf ein Erhaltungskonzept verständigt gehabt. Reaktion gleich Null. Die Belegschaft steckte drei Nächte lang die Köpfe zusammen, erstellte ein eigenes Konzept. Aber im damaligen Stadtparlament interessierte sich keiner so richtig dafür. „Man hatte wohl keine Ahnung“, mutmaßt Sylvia Otto. Die Sache schien festgefahren und aussichtslos.

Aber das Personal machte mobil. Mit acht Demonstrationen, auf denen man den iga-Erhalt forderte. Jeweils am Dienstag. Vom Gothaer Platz quer durch die Stadt zum Anger. „Wir fanden mit unserem Anliegen viel Beachtung, denn die Iga war schon wer“, erinnert sich Otto. Hintergrund der ganzen Aktion sei das Bestreben des Mitteldeutschen Rundfunks gewesen, sich das iga-Gelände einzuverleiben. Da, wo heute das Danakil-Tropenhaus steht, sollte das Funkhaus gebaut werden. Den MDR als weiteren Gegner, Landesfunkhauschef Kurt Morneweg und der Erfurter OB Manfred Ruge in Allianz – es gibt einfachere Konstellationen.

Unterschriften gegen die Pläne

Aber mit einer Betriebsratschefin wie Sylvia Otto als Antipode nicht chancenlos, wie sich zeigte. „Sie war eine vom ganz harten Kaliber. Wenn man die vorn rausschmiss, kam sie durch die Hintertür wieder ein“, erinnert sich Peter Grimm, einer ihrer früheren Mitstreiter. Otto organisierte zum Beispiel eine Aktion, bei der man das geplante MDR-Gelände mit Flatterband absteckte und an den Ecken Ballons steigen ließ.

Als optische Vorstellung für die Besucher. „Eine Woche stand das provisorische Mahnmal, dann wurde es mit Macht abgebaut“, erinnert sich Otto. Seinen Zweck erreichte es trotzdem. In nur zwei Tagen kamen 6000 Unterschriften gegen die MDR-Pläne zusammen. Später brachte es die Bürgerinitiative „Rettet die iga“ gar auf 23.000.

1948 Bau beschlossen, 1950 erste Gartenschau

  • Im Zuge des Wiederaufbaus beschloss am 29. Januar 1948 die Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Georg Boock die Herrichtung des Areals um die Cyriaksburg: Ziel, ein ständiges Ausstellungsgelände zu schaffen.
  • Ohne staatliche Anerkennung und Förderung begannen Bauarbeiten im Frühjahr 1949.
  • Am 6. Juli 1950 wurde die erste Gartenschau unter Beteiligung von über 100 Ausstellern auf dem 35 Hektar großen Gelände der Cyriaksburg unter dem Motto Erfurt blüht eröffnet.

Nächste Woche lesen Sie, welche Rolle der Denkmalschutz auf der Ega spielt