Wie die Orte im Thüringer Wald um Touristen kämpfen

Oberhof/Neustadt/Masserberg  Die Orte im Thüringer Wald kämpfen im Sommer um ihre Gäste. Freude und Ärger von Urlaubern liegen unter anderem in Oberhof nahe beieinander.

Gute Aussicht: Oberhof, gelegen im Landkreis Schmalkalden-Meiningen, aus der Vogelperspektive.

Gute Aussicht: Oberhof, gelegen im Landkreis Schmalkalden-Meiningen, aus der Vogelperspektive.

Foto: Sascha Fromm

Manuela Schäfer knuddelt Schneemann „Flocke“. Bis vor vier Jahren war ihr das Plüsch-Maskottchen von Oberhof überhaupt kein Begriff, da lebte sie noch in der Eifel. Einige Monate später lernte sie bei einem Urlaub in Thüringens bekanntestem Wintersportort den Mann ihres Lebens kennen.

Sie zog nach Oberschönau, das rund zehn Kilometer entfernt von Oberhof liegt, und arbeitet seit rund anderthalb Jahren im dortigen Haus des Gastes. Ihr Urteil über Land und Leute fällt fast ein wenig überschwänglich aus. „Ich habe das Gefühl, dass ich schon eine Ewigkeit hier bin. Die Menschen sind ungemein freundlich, ich habe noch keinen unangenehmen Oberhofer kennengelernt und mich gleich zu Hause gefühlt.“ Zudem sei sie ihr allergisches Asthma losgeworden. „Ja, die Luft ist einfach Klasse.“ Das bestätigt ein Ehepaar aus Leipzig, das letztmals vor über 40 Jahren in Oberhof war: „Man kann hier in der Höhe so wundervoll tief durchatmen.“

Thüringer Wald

  • Der Thüringer Wald als das größte Reisegebiet im Freistaat musste 2018 einen Gästerückgang von 1,5 Prozent verbuchen. Er hatte 1,37 Millionen Urlauber.
  • Auch die Zahl der Übernachtungen (4,1 Millionen) lag 2018 mit einem Minus von 0,9 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres.
  • Am längsten verweilten die Gäste mit 4,0 Tagen dabei in der Thüringer Rhön.
  • Der Bruttoumsatz im Thüringer Wald stieg jedoch von 31,7 Millionen Euro (2017) auf 33,2 Millionen (2018).
  • Im vom Regionalverbund Thüringer Wald angebotenen Tourenportal kann der Gast derzeit zwischen 122 Wander- und 22 Fahrradrouten wählen.

Und doch – um im Bild zu bleiben – es gibt noch reichlich Luft nach oben. Ein junges Lübecker Paar, das gerade am Kanzlergrund staunend in Richtung der majestätischen Schanzen schaut, könnte angesichts mancher Erfahrung in den letzten Tagen eine Schnappatmung bekommen. „Unsere Unterkunft ist nicht sauber, die Gastfreundschaft lässt insgesamt sehr zu wünschen übrig.“ Sie wüssten nicht, ob sie nach ihrem Thüringer Premieren-Besuch nochmals wiederkommen würden. Wenn, dann schon eher in die Städte Erfurt, Weimar oder Jena. Zumal sie auch unzufrieden mit der Beschilderung der Wanderwege sind. „Vor allem hat uns gestört, dass kaum Bänke stehen. Auf dem gestrigen 18-Kilometer-Stück waren es gerade mal drei“, sagt der Mathe-Lehrer. „Da tun uns vor allem die älteren Leute leid“, sagt seine Freundin, eine Architektin.

Sie hätten die Ruhe im Thüringer Wald gesucht und auch gefunden. Angesichts der Fernseh-Bilder vom Menschengewimmel beim Biathlon-Weltcup hatten sie fast ein wenig Bammel, dass das nicht gelingt. Doch Oberhof zeigt sich in den jetzigen Sommertagen anders – gediegen, beschaulich, zurückhaltend, teilweise auch verschlafen. Vor allem in der Woche.

„Aber wir sind gut gebucht“, sagt Manuela Schäfer – eine hoffnungsvolle Nachricht, denn Unterkünfte und Händler erzielen durchschnittlich 70 Prozent ihres Umsatzes außerhalb vom Winter. In den Straßen wird dabei oft über den neuen Glanz vom altehrwürdigen Panorama-Hotel geredet, den dieses nach dem Betreiberwechsel zu Ahorn allmählich wieder verbreitet.

Und auch die Angebote für die Freizeitgestaltung – wozu unter anderem der Bike-Park am Skihang zählt – scheinen im Vergleich zu den vergangenen Jahren mehr geworden zu sein. Anziehungspunkt sind in den jetzigen Ferien ebenfalls stets die Sportstätten, einschließlich der Skihalle, die im Innern eine konstante Temperatur von minus vier Grad hat. „An der Schanze zu stehen und beim Training zuschauen zu dürfen, das ist schon großzügig und beeindruckend“, urteilen die Lübecker mit Blick auf einen gerade vollzogenen Trainingssprung, der rund 100 Meter weit geht.

Beeindruckt wirken diesbezüglich auch Jessica und Manuel aus Halle/Saale. Sie sind um die 30 und ebenfalls erstmals in Thüringen auf Tour. „Wir wollten mit unserer anderthalbjährigen Tochter nicht so weit fahren, nachdem wir 2018 in den Alpen waren.“ Sie unternehmen viel. „Wir sind oft in der Natur, aber auch auf dem Spielplatz, um das Chaos in der Ferienwohnung zu vermeiden.“ Und sie finden die Angebote der geführten Wanderungen „außerordentlich gut“. Bitter sei nur, wenn das Wetter zu wünschen übrig lasse. „In Österreich geht man bei Regen in eine Käserei, hier eben in die Therme“, sagt Manuel lachend, als er schwungvoll den Rucksack schultert.

In die H2O-Therme wird es auch den 10-jährigen Erik aus Leipzig ziehen. Er weilt mit Oma Brigitte in Oberhof. Sie kommt aus Ilmenau und er hofft, genug Möglichkeiten für Spaß zu finden – eine Woche ohne richtige Abenteuer kann schließlich lang werden.

Die Therme mit ihrer Riesenrutsche wäre für ihn jedenfalls immer eine Alternative zu langen Wanderungen. Das Haus scheint die schwierigsten Zeiten hinter sich zu haben. Das sagen unisono die beiden Geschäftsführer der Oberhofer Freizeit- und Tourismus GmbH, Tobias Feickert und Rainer Mahn. Im ersten halben Jahr hatte die Einrichtung 48.000 Besucher, 2500 mehr als 2018. Seit rund sechs Monaten agieren sie als Doppelspitze. Gleich zu Beginn ihrer Amtszeit mussten sie sich mit schon lange währenden Gehaltsforderungen der Angestellten auseinandersetzen. „Die Probleme sind mittlerweile geklärt“, so Feickert. „Wir haben auch alle offenen Stellen besetzt“, ergänzt Mahn.

Ohnehin hätten sie das Gefühl, dass sich allmählich ein Miteinander im 1500-Einwohner-Ort einstellt, der jährlich mehr als 420.000 Übernachtungen vorweisen kann. Und sie wollen für die Vermarktung innerhalb Thüringens etwas tun, möchten bald eine Image-Kampagne starten. Helfend ist dabei natürlich, dass Oberhof die Biathlon- und Rodel-WM 2023 ausrichtet, das mache die Überzeugungsarbeit einfacher.

Der Blick nach vorn ist auch für die Gemeinde Masserberg hoffnungsvoll. Spätestens Anfang 2020 soll Baubeginn für die Sanierung der seit mehr als vier Jahren geschlossenen Therme sein. Für 2021 ist die Fertigstellung geplant. „Klar, davon profieren alle“, sagt Bürgermeister Denis Wagner. Voraussetzung für die Planungen war, dass die insolvente Reha-Klinik von Regiomed übernommen wurde. Und durch die spazierenden Patienten wirkt der Ort manchmal ebenso lebhaft wie der nahe Rennsteig, wo sich Hunderte von Wanderern tummeln. Ob sie mit den Einkehrmöglichkeiten zufrieden sind? „Wir alle müssen im Thüringer Wald dafür sorgen, dass Qualität und Service noch besser werden“, gibt Denis Wagner eine Antwort und zugleich unbewusst auch die Richtung für das 1000 Quadratkilometer große waldreiche Mittelgebirge vor.

Beste Stimmung herrscht an diesem Tag jedenfalls in Neustadt am Rennsteig beim Köhler- und Schwämmklopferfest. Die größten Raritäten von Baumschwämmen werden gesucht. „Das ist eine Riesentradition bei uns“, sagt Manfred Kastner vom organisierenden Verein. Und der 73-Jährige zeigt auf einen im Umfang etwa 1,20 Meter großen Einzelschwamm, der aus den rund 40 Schwämmen besonders herausragt. Nebenbei erfährt jeder Interessierte, dass es sich dabei um einen meist grauen, gedungenen, hufförmigen Pilz handelt, der an Buchen wächst und für die Herstellung von Zunder, dem Vorläufer des Streichholzes, genutzt wurde.

Fernab des kleinen Standes wird getrunken, gegessen und getanzt – eine gemütliche Atmosphäre im Ortsteil von Großbreitenbach. Von dort stammt Biathletin Andrea Henkel.

Sie dürfte ihren Anteil daran haben, dass Manuela Schäfer im Oberhofer Haus des Gastes auch im Sommer Schneemann „Flocke“ gut verkauft . . .

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