XXL-Hausumzug nach Hohenfelden unter schwierigen Bedingungen

Hohenfelden.  Das Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden wächst: Ein fast 500 Jahre altes Lehmweller-Haus aus dem Kyffhäuserkreis wird dort wieder aufgebaut

Noch lässt sich der Anblick des Lehmweller-Hauses am neuen Standort nur erahnen.

Noch lässt sich der Anblick des Lehmweller-Hauses am neuen Standort nur erahnen.

Foto: Sibylle Göbel

Zwei Sommer lang hat sich das Team des Thüringer Freilichtmuseums Hohenfelden nichts sehnlicher gewünscht als Regen. Schließlich: Zum Museum gehört auch Landwirtschaft mit traditionell bewirtschafteter Nutzfläche, historischen Obstbäumen und alten Nutztierrassen.

Und nun? Bereitet das viele Nass der Mannschaft um Museumsleiterin Franziska Zschäck große Sorgen: Denn auf dem Museumsgelände am Eichberg soll etwas entpackt werden, das kein Wasser verträgt: ein fast 500 Jahre altes Gebäudeteil, das zu zerbröseln droht, wenn es wie aus Kannen gießt.

Dabei ist die sogenannte Lehmweller-Wand gerade die Besonderheit des Bauernhauses aus Abtsbessingen (Kyffhäuserkreis). Zerlegt in seine Einzelteile, zog es in den vergangenen Wochen von Nord- nach Mittelthüringen um.

Die Altvorderen haben beim Bau dieses Hauses damals, anno 1550, Lehm und Stroh vermengt, durchgewalkt und aus der Masse mit einer Mistgabel oder einem Spaten Klumpen abgestochen, die sie zu einer Wand aufschichteten. Die fertige Wand, rund 50 Zentimeter stark, wurde dann zum Trocknen stehen gelassen, ehe darüber Fachwerk gebaut wurde.

Nun war es schon ein Kunststück, die Lehmweller-Wand bei der Demontage des Hauses zu unterfahren, in einer Art Holzkasten zu verpacken und per Tieflader nach Hohenfelden zu bringen. Doch genauso wird es eine Herausforderung, das kostbare Wandstück im Ganzen aufzunehmen und auf den nach altem Grundriss angelegten Natursteinsockel zu bugsieren.

Doch Marcel Riedel, Vorarbeiter des Bauunternehmens Pfeiffer aus Berlstedt (Weimarer Land), strahlt Zuversicht aus: Ein komplettes Haus, sagt Riedel, hat er zwar noch nicht umgesetzt, aber Kirchtürme. Und dabei sei bisher immer alles gut gegangen.

Doch wegen des Regens konnte der Kran am Donnerstag nicht, wie er wollte – auch weil es keine richtige Baustellenzufahrt gibt. Denn mit Blick auf die Dürre in den vergangenen beiden Jahren und den knochentrockenen Untergrund schien eine solche überflüssig…

Der Kran soll nicht nur die Lehmweller-Wand aufstellen helfen. Er soll auch die originalen Deckenfelder sowohl auf das Fachwerk im rund 50 Jahre jüngeren Gebäudeteil als auch auf die Behelfsstelzen im älteren Teil des Hauses aufsetzen – zumindest zwei davon hat er gestern geschafft.

Die historische Lehmweller-Wand wird dann später in gleicher Bauweise an drei Seiten ergänzt, wobei anders als früher das Lehmgemisch erst aufgeschichtet wird, wenn das Fachwerk darüber auf den Stelzen bereits zusammengesetzt ist. Das Bauen mit Lehm übernimmt allerdings eine andere Firma. „Ich hoffe“, sagt Museumsleiterin Franziska Zschäck, „dass wir damit Anfang August beginnen können.“ Nach den Lehmarbeiten muss das Haus dann gut austrocknen, ehe der Feinschliff im Inneren beginnen und das Haus wie um 1600 ausgestattet werden kann.

„Vom ursprünglichen Erdgeschoss ist bis auf die etwa 2,70 Meter breite Lehmweller-Wand nicht mehr viel übrig“, sagt Vorarbeiter Marcel Riedel. Dafür aber sei das Obergeschoss noch zu 80 Prozent erhalten. Unter dem Putz der alten Wände fänden sich sogar noch geometrische Muster aus der Zeit, in der das Haus entstand, ergänzt Franziska Zschäck. Anhand dieser Befunde soll die historische Farbfassung rekonstruiert werden.

Die Kosten für die Umsetzung des ältesten noch erhaltenen ländlichen Wohnhauses Thüringens und seine Ausstattung belaufen sich auf rund 600.000 Euro. Das Gebäude selbst, das mit dem Umzug seinen Denkmalstatus einbüßte, kostete das Museum nur den symbolischen Betrag von 10 Euro. Anders hätte es das Kleinod von Vorbesitzer Thomas Hoffmann auch gar nicht erwerben können. Hoffmanns Familie wiederum sah keine Möglichkeit, das Haus umzubauen.

Das Bauernhaus aus Abtsbessingen ist nicht der einzige Neuzugang im Freilichtmuseum Hohenfelden: Bereits eingetroffen sind die Einzelteile des Frankenwaldhauses aus Heinersdorf bei Sonneberg, das nur wenige hundert Meter von der ehemaligen innerdeutschen Grenze entfernt stand. Allerdings hat sich die Firma, die das Blockhaus auseinanderbaute, mit dem Auftrag etwas verhoben, so dass der Vertrag mit ihr gekündigt und der Wiederaufbau neu ausgeschrieben werden musste. Auch hier hofft Franziska Zschäck auf einen Baustart im Spätsommer.

Zur Saisoneröffnung im nächsten Frühjahr soll derweil die aus dem 19. Jahrhundert stammende Hangscheune aus Alkersleben (Ilm-Kreis) eröffnet werden, deren Fachwerk derzeit mit Feldsteinen ausgemauert wird. Dort, verrät die Museumsleiterin, ist dann eine kleine Ausstellung zum Thema Bienen zu sehen.

Apropos Besucherverkehr: Vom 20. Juni an ist das Museum nicht mehr nur an den Wochenenden, sondern wieder täglich geöffnet – und zwar sowohl das Gelände im Dorf Hohenfelden als auch das Am Eichenberg. Um Engstellen in den – während der Corona-Krise einem Großputz unterzogenen – Häusern zu vermeiden, bleibt einzig das Obergeschoss der Schmiede Kott geschlossen. Franziska Zschäck hat die stille Hoffnung, dass das Museum in diesem Jahr vom Heimaturlaub vieler Deutscher profitiert.