Zufallsbekanntschaften: Weltenbummler lassen sich in Ringleben nieder

Es dauert einen Augenblick, ehe sich die Tür öffnet. Die Straße in Ringleben ist kurz und schmal. So schmal, dass nicht einmal zwei Autos aneinander vorbei passen.

John und Isa Spendelow mit Hund Lucky sind nun in Ringleben zu Hause. Foto: Kerstin Fischer

John und Isa Spendelow mit Hund Lucky sind nun in Ringleben zu Hause. Foto: Kerstin Fischer

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"Hallo, ich bin John", unterbricht eine freundliche Stimme mit starkem britischem Akzent die Gedanken. In der Tür steht lächelnd John Spendelow, die wilden Haare im Nacken mit einem Gummi gebändigt. Genau so, aber mit Gitarre, stand er auf dem Bauernmarkt in Braunsroda und heimste mit seinen Songs viel Beifall ein. "Komm rein", bittet er herzlich.

Das Haus scheint klein, die Decke hängt tief. Es ist verwinkelt und hat etliche Stufen; ein Zeichen für mehrere Anbauten. Doch klein ist was anderes. Nach allen Seiten gehen Zimmer ab. Durch das Fenster der Wohnstube fällt der Blick wieder hinaus zur Straße.

"Hier sind wir eher selten", sagt Isabel "Isa" Österberg-Spendelow, die mit zwei Tassen Kaffee hereinkommt. "Meist sitzen wir in der Küche oder, wenn es das Wetter erlaubt, im Hof." Der hat seit dem Einzug wohl die größten Fortschritte gemacht. Dort gibt es nun sogar einen Garten. Im Gewächshaus gedeihen Tomaten. Bergeweise Schutt wurde dafür abgefahren. Aus den vielen Steinen am Rand soll noch eine Feuerstelle werden, erzählt John .

Düsseldorf, Paris, London, Barcelona – und nun Ringleben. Im Herbst siedelten der umtriebige Straßenmusikant und seine Frau, 42 Jahre alt und eine gebürtige Sauerländerin, aus Haltern in Nordrhein-Westfalen in den Kyffhäuserkreis über. Zufall, dass es sie ausgerechnet hierher verschlug.

Den Hof haben sie gekauft. "It’s great", wird der in Hannover geborene Brite in nächster Zeit noch des Öfteren sagen, wenn er von seiner neuen Wahlheimat spricht.

Ein befreundeter Musiker hatte sich ein Anwesen zugelegt, wie es auch den Spendelows schon länger vorschwebte. Bezahlbar sollte es sein. "Im Westen findet man so was aber kaum noch", sagt der 61-Jährige und zündet sich eine Zigarette an. Die neuen Länder gelten als Geheimtipp für günstige Preise.

Kyffhäuserkreis gefiel wegen guter Anbindung

Die Suche führte das Paar auch nach Thüringen. Hier gefiel ihnen der Kyffhäuserkreis, auch wegen der guten Verkehrsanbindung über die A 38.

Im Internet stießen sie auf ein Haus in Ringleben - und nahmen dann ein ganz anderes. Das stand ebenfalls leer und gefiel ihnen sofort. "Da konnten wir wenigstens gleich einziehen", erinnert sich die Mediengestalterin, die den Job in einer Grafikabteilung an den Nagel gehängt hat. Es soll eines der ältesten Häuser im Ort sein.

Natürlich wird auch dieser Hof mit dem vielen Nebengelass die Eheleute jahrelang beschäftigen. Wände im Haus sollen raus, Zuschnitte verändert werden, erzählt John. Um zwei Schrauben in die Wand zu kriegen, geht hier schon mal ein ganzer Tag drauf, zeigen sie schmunzelnd auf blankes Gestein, das vor Kurzem noch unter Putz lag. Aber alles Stück für Stück, wie es sich einrichten lässt. Hier treibt sie niemand, hier haben sie Ruhe.

Auch wenn man es sich kaum vorstellen kann - die Spendelows genießen das einfache Leben. Den kreisenden Rotmilan über ihren Köpfen, den Storch im Landeanflug. Und dass Lucky, der zottelige Hund, auf seine alten Tage noch so neugierig durchs Tor in den Ort guckt. Er sei richtig ’relaxt’ geworden, beschreibt John in seiner lustigen Aussprache sich selbst.

"Mein Kopf ist frei!", freut er sich. "It’s great."

Großartig finden die Spendelows noch viel mehr: die freundliche Aufnahme, die netten Menschen in der Region - "hier haben wir in sechs Monaten mehr Leute kennengelernt als in Haltern in sechs Jahren", das ehrliche Interesse an ihren Personen, an seiner Musik, die Menschlichkeit, die Nähe zu Halle/Leipzig und "unserer Lokaltown Erfurt" sowie Kaiser Barbarossa und im Bad den alten Wasserboiler aus DDR-Zeit. Selbst die Behörden loben sie - und dass hier im Osten Geld längst nicht alles sei.

Zwei bis drei Mal die Woche, meist an Wochenenden, ist der Straßenmusikant unterwegs, bis zu 250 Kilometer legen sie dafür zurück. Er spielt auf Plätzen, vor Restaurants, in Fußgängerzonen und bei Stadtfesten Beatles, Simon & Garfunkel, Cat Stevens, eigene Songs. Die 1960er- und 70er-Jahre sind seine Welt, sieben CDs hat er bespielt, seine Frau unterstützt ihn. Sie managt, fährt ihn zu den Auftritten, hat die Termine im Blick, kümmert sich um Papier- und Behördenkram.

Auch Isabels Mutter ist von der Gegend angetan, hat Tochter und Schwiegersohn schon oft besucht - wenn es klappt, dürfte Ringleben bald wieder einen Zuzug verzeichnen.

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