Zum Tode von Helmut Schmidt: Der Jahrhundertmann

Die deutsche Geschichte hat Helmut Schmidt tief geprägt – und er prägte die deutsche Nachkriegsgeschichte. Einer der letzten großen Zeugen des 20. Jahrhunderts ist tot.

Am 24. Mai 2005 kam Helmut Schmidt zu einem Gespräch in unsere Zeitung. Im Anschluss signierte er den Ledersessel,in dem er gesessen hatte. Seither heißt dieses Möbelstück in der Redaktion nur noch Kanzlerstuhl. Foto: Marco Schmidt

Am 24. Mai 2005 kam Helmut Schmidt zu einem Gespräch in unsere Zeitung. Im Anschluss signierte er den Ledersessel,in dem er gesessen hatte. Seither heißt dieses Möbelstück in der Redaktion nur noch Kanzlerstuhl. Foto: Marco Schmidt

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Am Ende kamen ihm fast die Tränen. Die Herbstsonne schien an diesem 2. Oktober 1982 auf den Exerzierplatz beim Bundesverteidigungsministerium in Bonn. Das Musikkorps spielte die Nationalhymne. Und in einer Schleife marschierte das Wachbataillon um den scheidenden Verteidigungsminister Hans Apel und Bundeskanzler Helmut Schmidt, der einen Tag zuvor im Bundestag durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt worden war.

Das sozialliberale Bündnis war nach 13 Jahren am Ende, die FDP lief mit fliegenden Fahnen zur Union über, erstmals in der Nachkriegsgeschichte wurde der wichtigste Mann der Repu-blik gestürzt. Helmut Schmidt, der letzte Kanzler der Kriegsgeneration, musste abtreten und Helmut Kohl Platz machen.

Es waren turbulente Zeiten, in denen Helmut Schmidt Kanzler wurde – und noch turbulentere Tage, in denen er seinen Arbeitsplatz als „leitender Angestellter der Bundesrepublik“ wieder verlor. 1974 musste er das Kanzleramt relativ überraschend vom amtsmüden Willy Brandt übernehmen, der nach der Spionageaffäre um Günter Guillaume zurückgetreten war.

Helmut Schmidt sagte später, er habe das Amt „nur aus Pflichtgefühl“ übernommen; hinter den Kulissen aber hatte er mit dem SPD-Fraktionschef Herbert Wehner eifrig am Sturz Brandts mitgewirkt. Sein Weg ins Kanzleramt war vorgezeichnet: 1967 hatte Schmidt den Fraktionsvorsitz der SPD übernommen, zwei Jahre später wurde er Bundesverteidigungsminister. 1972 beerbte er seinen Förderer Karl Schiller als Superminister, einem Ressort, das Wirtschaft und Finanzen bündelte.

Es folgten die schwersten Jahre, die ein deutscher Bundeskanzler bislang zu bestehen hatte. 1973 hatte die Ölkrise das Wirtschaftswunder jäh beendet. Der Terror der „Roten Armee Fraktion“ forderte die noch junge Demokratie heraus. Im Deutschen Herbst 1977 ermordete die RAF mehrere Vertreter des öffentlichen Lebens und entführte Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, Palästinenser entführten die Lufthansa-Maschine „Landshut“.

Bis ins Private prägte die Terrorbedrohung sein Leben; zeitweise bewachten vier Bodyguards mit Maschinenpistolen die Familie, das Doppelhaus im Hamburger Stadtteil Langenhorn glich einer Festung mit Kameras und permanenter Polizeipräsenz. Tochter Susanne wurde quasi ins Exil nach London gezwungen, um dort ein normales Leben führen zu können. Für das Ehepaar Loki und Helmut Schmidt, die 68 Jahre lang verheiratet waren, ein hoher Preis.

Die Bankmanagerin Susanne blieb ihre einzige Tochter; Sohn Helmut Walter war noch vor seinem ersten Geburtstag 1945 gestorben. Andere zerbrechen an diesen Schicksalsschlägen. Helmut Schmidt nicht. Er war hart zu anderen und zu sich selbst; gejammert hat er nie.

Nicht einmal in den Stunden des bittersten Verrats seiner Parteifreunde und des liberalen Koalitionspartners im Oktober 1982.

Schmidts Abstieg begann mit dem Aufstieg der Friedensbewegung. Als einer der Architekten hatte er den Nato-Doppelbeschluss Ende der 70-Jahre vorangetrieben. Nach der Aufrüstung des Warschauer Paktes drängte der Kanzler auf Verhandlungen zum Abbau von Atomsprengköpfen oder – im Falle eines Scheiterns – die Nachrüstung.

Daran entzündete sich eine innenpolitische Krise. Beim SPD-Parteitag im November 1983 stimmten von rund 400 Delegierten nur 15 Sozialdemokraten für die Stationierung der Raketen. Stoisch hielt Schmidt Kurs – unfähig wie unwillig, die Ängste der Jugend zu verstehen.

Was er sagte, wurde begierig aufgesogen

Nach dem Machtwechsel in Bonn war rasch klar, dass Helmut Schmidt weder als Fraktionschef der SPD noch als Kanzlerkandidat bei den Neuwahlen 1983 antreten würde. Gesundheitlich nach einer Herzoperation 1981 angeschlagen, der Partei entfremdet, plante er schon für sein neues Leben.

Dieses führte ihn zurück in seine Heimatstadt Hamburg. Im Mai 1983 wurde er Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“, war Referent im In- und Ausland und Buchautor. Je älter Schmidt wurde, je konsequenter er bei öffentlichen Auftritten an seinen geliebten Mentholzigaretten zog, umso verzückter reagierten seine Zuhörer.

Was Schmidt sagte, wurde begierig aufgesogen, auch wenn er sich weit vom politischen Mainstream entfernte. Die multikulturelle Gesellschaft lehnte er ab, das Anwerben von „Gastarbeitern aus fremden Kulturen“ hielt er später für einen Fehler. Die Regierung in China verteidigte er engagiert gegen Kritik, er war von der Atomkraft überzeugt, den Umweltschutzgedanken hielt er lange für eine „Marotte gelangweilter Mittelstandsdamen“. Schmidt schrieb Dutzende Bücher, er nahm Klavierkonzerte auf Schallplatte auf. Sein Bild auf Zeitungs-Covern versprach Rekordauflagen, seine Besuche in Talkshows Traumquoten.

Zuletzt war Helmut Schmidt ein Geschichte-Erzähler. Geboren 1918, als der Erste Weltkrieg wenige Tage vorbei war. Heirat 1942, als der Zweite Weltkrieg tobte. Innensenator im Wirtschaftswunderland, Wirtschaftsminister in der Ölkrise, Kanzler im Deutschen Herbst, Publizist zu Zeiten der Wiedervereinigung, der Terroranschläge vom 11. September, der Eurokrise. Welcher Deutscher hatte den Deutschen so viel zu sagen?

Seit gestern ist die Stimme aus Hamburg-Langenhorn verstummt. Sie wird fehlen.

Wie Helmut Schmidt in Thüringen Gesicht zeigte

Wie kann man verhindern, dass Neonazis in ein Parlament einziehen?

Demokraten sind sich einig: das klappt immer auch durch eine möglichst hohe Wahlbeteiligung. Deshalb entschloss sich unsere Zeitung vor den Thüringer Landtagswahlen 2009, eine besondere Aktion zu starten.

Eine Woche lang erschienen Titelseiten, die wie ein Plakat gestaltet waren. „Gehen Sie wählen!“, so waren diese Seiten überschrieben. Dazu zeigte jeden Tag ein Prominenter aus Politik, Kultur und Sport sein Gesicht. Unter ihnen war auch Helmut Schmidt; ihm war diese Aktion eine Herzenssache.

Einige Monate später wurde die „Thüringer Allgemeine“ für diese Titelseiten mit einem europaweit ausgelobten Zeitungs-Oscar ausgezeichnet.

Zum Tode von Helmut Schmidt: 1981 - Arbeitsbesuch in der DDR

Leitartikel: Helmut Schmidt wird fehlen

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