Alperstedter Ried soll wieder zum Sumpfgebiet werden

Experten aus ganz Deutschland nehmen das Alperstedter Ried unter die Lupe.

Der Quelltopf im Alperstedter Ried. Hier wirkt das Gebiet schon wieder sehr urwüchsig. Zu DDR-Zeiten war ihm das Wasser abgegraben worden. Foto: Matthias Thüsing

Der Quelltopf im Alperstedter Ried. Hier wirkt das Gebiet schon wieder sehr urwüchsig. Zu DDR-Zeiten war ihm das Wasser abgegraben worden. Foto: Matthias Thüsing

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Alperstedt. Drei Dutzend Damen und Herren in festem Schuhwerk und bequemer Freizeitkleidung schlagen sich im Gänsemarsch durch das Unterholz. Unmittelbar vor jenem Schild, das die dahinter liegende Landschaft als Naturschutzgebiet ausweist, liegt ein Waschbär.

Objektive schnurren aus den Digitalkameras hervor. Es ist dunkel hier, ein Blitzlichtgewitter entlädt sich. Die Bilder werden bundesweit die Sammlungen von Naturparkverwaltungen, Forstbehörden oder Umweltschutzverbänden bereichern. Doch der zu Lebzeiten scheue Waschbär kann seine fünf Minuten Ruhm nicht einmal mehr genießen. "Der hat es hinter sich", mit einer Mischung aus Interesse und leichtem Ekel blickt eine Dame mittleren Alters auf das tote Tier.

Kurz darauf steht die kleine Gruppe auf der Mönchswiese im Alperstedter Ried. Der Deutsche Naturschutztag hat die Tagungsgäste zur verschiedenen Exkursionen gebeten. Hier auf halber Strecke zwischen Sömmerda und Erfurt soll den Fachleuten aus ganz Deutschland nahegebracht werden, wie eine einstmals bedeutende Moorlandschaft nach Jahrzehnten der Trockenlegung wieder renaturiert werden kann.

Überraschend fester Untergrund

Für ein Moor ist der Untergrund überraschend fest - fast schon sandig - zu dieser Jahreszeit. Schwankungen des Wasserspiegels auf der Fläche habe es schon immer hier gegeben, berichtet Indrid Werres. Um die zwei Meter betragen diese Unterscheide. "Doch in den 60er-Jahren wurden hier die Entwässerungskanäle gegraben, um die angrenzenden Felder für die Landwirtschaft nutzbar zu machen", Frau Werres zeigt Fotos aus dieser Zeit herum. Ein Traktor zieht einsam seine Furchen auf einem Feld.

"Die Kanäle haben entscheidend zum Niedergang des Biotops beigetragen", sagt Frau Werres. "Das Wasser läuft einfach zu schnell ab, wo es früher wochenlang stehen blieb." Immerhin die Quelltöpfe, aus denen das Wasser heute noch an die Oberfläche drückt, existieren noch. Doch sei das ehemals größte Kalkmoor Thüringens nur noch an wenigen Stellen wirklich intakt.

Einst größtes Kalkmoor Thüringens

Ingrid Werres ist Projektmanagerin des Vorhabens "Moorlandschaft Alperstedter Ried." Der Plan der Naturschützerin klingt einfach: "Die Entwässerungsgräben müssen weg. Dem Moor muss es erlaubt sein, wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzukehren." Es ist leichter gesagt als getan.

Kurz nach der Wende, Anfang der 90er-Jahre, kam die Idee auf, das einst 100 Hektar große Moor wiederzubeleben. Denn nicht nur die Hauseigentümer im zwei Kilometer entfernten Alperstedt fürchteten Anfangs um die Unversehrtheit ihrer Keller, wenn die Entwässerungsgräben im Ried tatsächlich zugeschüttet werden sollten. Die vielen Eigentümer der Flächen und insbesondere die beiden großen Landwirtschaftsbetriebe in der Region erhoben Einspruch. Eine Renaturierung des Moors habe zur Folge, dass rund 50 Hektar wertvolles Ackerland im Frühjahr unter Wasser ständen. Für den Pflanzenanbau seien sie damit verloren.

Die Stiftung Naturschutz Thüringen - seit 2008 ist sie verantwortlich für das Projekt - hat daher nach und nach Tauschflächen erworben und ein Flurbereinigungsverfahren eingeleitet. In wenigen Wochen schon könnten der Stiftung die fehlenden letzten 20 Hektar überschrieben werden, um die heutigen Eigentümer aus dem Moor und den angrenzenden Flurstücken rauszutauschen. Dann könnte mit der Renaturierung begonnen werden - eine gute Nachricht für Sumpfwolfsmilch, Wiesenknopf und Sumpfengelwurz. Letzteren gibt es in Thüringen nur hier.

Erwin Schmidt von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Sömmerda zeigt seinen Gästen zwei vertrocknete Pflanzen. Er weist auf den geriffelten Stängel hin, der die Unterscheidung von anderen Engelwurz-Vertretern ermöglicht. Anschließend reicht er sie herum. Seine Zuhörer befühlen prüfend die Pflanze. Andere staksen storchenähnlich über die Fläche. Die Augen am Boden, immer auf er Suche nach botanischen Raritäten. Manche Pflanzen, die hier Wurzeln geschlagen haben, sind in Thüringen so selten, dass sich Schmidt nicht einmal den deutschen Namen hat behalten können.

Nicht jeder Schatz der Natur erschließt sich dem Betrachter sofort. Für den Laien sieht die Wiese dagegen aus wie - eine Wiese. Etwas ungepflegt vielleicht. Ermöglicht habe dies die naturnahe Mahd der Wiese. Noch diskutieren er und die anderen Mitglieder der Naturschutzstiftung, ob im kommenden Jahr eine Beweidung der Flächen sinnvoll ist. Für einige seltenen Arten sei es wohl vorteilhaft, für andere weniger.

Beweidung naturnaher Wiese möglich

"Am Ende müssen wir uns für diejenigen Pflanzen- und Tiergesellschaften entscheiden, die uns wichtiger erscheinen", sagt Schmidt. Und außerdem müssten immer auch die Vorgaben der Fördermittelbestimmungen von Land und EU berücksichtigt werden. Ohne diese Gelder würde niemand mehr die Flächen pflegen. Heu lässt sich woanders billiger machen.

Naturschutz ist schon lange nichts mehr für reine Romantiker. Wohl aber das Ergebnis der Jahrzehnte langen Mühen. Denn tief im Inneren der alten Bruchwälder, dort wo der Boden den größten Teil des Jahres feucht ist, dort wo die Quelltöpfe das Wasser an die Oberfläche drücken, spüren Ingrid Werres und ihr Team noch die Mystik, die von einem intakten Moor ausgehen kann.

Eine Postkutsche soll vor Hunderten von Jahren hier versunken sein. Gefunden hat man sie nie. Weil auch die Ortschroniken den Fall nicht beschreiben. Aber wer weiß, wenn die Naturschutzstiftung in einigen Jahren den geplanten Lehrpfad über einen Holzsteg durch das Moor baut, vielleicht finden die Naturschützer noch einen kleinen Rest - und damit das Körnchen Wahrheit, das bekanntlich jede Legende umschließt.

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