Begegnungen mit dem Wildschwein: Bittere Zeiten für den Artenschutz

Wildschweine sind nicht nur in Thüringen zu einem Problem für den Artenschutz geworden. Jetzt droht außerdem die Afrikanische Schweinepest.

Ein Wildschwein liegt auf dem Waldboden im Gehege eines Wildparks. Archivfoto: Patrick Pleul

Ein Wildschwein liegt auf dem Waldboden im Gehege eines Wildparks. Archivfoto: Patrick Pleul

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Die Eingangstür flog auf und knallte vor die Innenwand – blutend stand das Wildschwein im Friseurgeschäft. Das Tier war schwer verletzt.

„Es war riesig. Es lief von Ecke zu Ecke. Es hat überall randaliert, hat alles umgeschmissen, die Stühle, den Wagen, die Vasen“, sagte Inhaberin Hannelore Heinrich unserer Zeitung. „Das Schwein hat furchtbar geblutet. Als ob ich es hier geschlachtet hätte.“

Drei Minuten vergingen, fünf Minuten. Die Kunden, zwei Damen, ein Herr, standen „still und steif an den Wänden und haben sich nicht bewegt“, sagt Hannelore Heinrich.

Sie selbst stand auf den Stufen einer Treppe an der Tür. „Das Wildschwein kam langsam auf mich zu“, erinnert sie sich. Doch sie schaffte es, die Tür nach innen aufzuziehen und mit dem Stopper festzustellen. Das Wildschwein rannte raus, nach links und über die belebte, befahrene Straße hinweg. Niemand hat es seither gesichtet. „Der Förster sagte mir, ein verletztes Wildschwein würde sich von der Rotte absondern und verstecken“, berichtet Friseurmeisterin Heinrich. Es werde wohl nicht wiederkommen. „Es war ein Horrortag.“

Drei Wildschweinrotten streifen regelmäßig durch die Stadt

Mitten in Stahnsdorf, zwischen Potsdam und Berlin, ist das vor wenigen Tagen geschehen, es war spät am Vormittag. Drei Wildschweinrotten, jeweils 20, 30 Tiere stark, berichtet der Bürgermeister, streifen regelmäßig durch die Stadt, wo 15.000 Menschen leben.

Auch eine Rentnerin, die ihren Dackel Gassi führen wollte, hat es im Wohngebiet erwischt. Die Wildsau fiel sie rücklings an – „wie ein schwarzer Schatten“, wird ein Augenzeuge zitiert – und rammte die Frau auf dem Gehweg zu Boden. Ihr Krückstock lag daneben.

Die Geduld der Stahnsdorfer ist dahin. Sie wollen nun im Stadtgebiet mit Pfeil und Bogen jagen. Der Antrag ist gestellt.

„Wir schießen nicht genug Schweine.“

Hans-Dieter Pfannenstiel, Zoologie-Professor an der Freien Universität Berlin, kennt nicht nur die Lage in Stahnsdorf, wo er wohnt. In Jena, bei einer Fachtagung, zu der Martin Görner, Leiter der Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen, neulich eingeladen hatte, räumte Pfannenstiel, selbst Jäger, selbstkritisch ein: „Wir schießen nicht genug Schweine.“ Das gilt für Brandenburg, das gilt überall in Deutschland – auch für Thüringen. 836.000 Wildschweine wurden im vergangenen Jagdjahr zur Strecke gebracht – absoluter Rekord seit Beginn der Auszeichnungen in den 1930er-Jahren!

300 Prozent beträgt die Reproduktionsrate bei Wildschweinen in Deutschland. „Wenn man am Jahresanfang hundert Tiere hat, sind es am Jahresende 400“, rechnet, „vereinfacht gesagt“, Pfannenstiel vor. Wenn, um im Beispiel zu bleiben, nicht 300 Sauen irgendwie verschwinden übers Jahr, wächst der Bestand.

Für den starken Anstieg gibt es einige Gründe. Eisige lange Winter wie einst, in denen vor allem Frischlinge dahingerafft wurden, haben mittlerweile Seltenheitswert.

Die fast schon ständige Vollmast im Wald hat weitreichende Folgen

Steigende Durchschnittstemperaturen führen dazu, dass im Wald immer mehr Nahrung anfällt, vor allem Bucheckern und Eicheln. „Früher gab es alle sieben Jahre eine Vollmast, inzwischen fast jährlich“, sagt Steffen Liebig, der Präsident des Thüringer Landesjagdverbands. „Das liegt einmal an der globalen Erwärmung und zweitens an dem hohen Stickstoffeintrag aus der Luft“, erläutert Wissenschaftler Pfannenstiel.

Die fast schon ständige Vollmast im Wald hat weitreichende Folgen. Da sich die Sauen regelrecht „mit Eiweiß vollpumpen“ können, so Jägerchef Liebig, wiegen die meisten Frischlinge nach nur neun Monaten 27 Kilogramm und mehr. „Dann sind sie geschlechtsreif.“

Bis zu 80 Prozent der Frischlingsbachen würden von Keilern tatsächlich „beschlagen“, betont Professor Pfannenstiel. „Es gibt im Leben einer Bache nicht einen Tag im Jahr, an dem sie nicht entweder beschlagen ist, also trächtig, oder führt, das heißt abhängige Junge hat – oder beides.“

Deshalb, fordert Pfannenstiel, gebe es nur einen effizienten Weg, das Schwarzwild dauerhaft zu dezimieren: „Wenn das beim Schwarzwild nicht anders geht, als dass wir Jäger auch Frischlinge schießen, die wir nicht verwerten können, dann müssen wir das tun. Frischlingsbejagung so scharf und so früh wie möglich! Bitte machen! Ohne falsche Scheu und falsche Scham.“ Bereits den Kleinen also soll es an den Kragen gehen. Vor allem den Kleinen.

Wo Wildschweine sich rasant vermehren, ist das für viele andere Tiere nicht gut. Artenschützer wie Martin Görner und Karsten Schmidt, Präsident des Thüringer Anglerverbands VANT und selbst Jäger, beklagen das seit langem.

Uhu-Experte Görner aus Jena hat selbst mehrfach beobachtet, wie Wildschweine an einem Steilhang junge Uhus rissen und fraßen. „Kein Stück Schwarzwild geht an irgendeinem Bodenbrütergelege oder an einem Junghasen vorbei“, sagt Hans-Dieter Pfannenstiel.

Schwarzwild auf die Artenvielfalt in seinem Lebensraum einen erheblichen Einfluss hat

Bis zu 30 Prozent der Wildschweinnahrung sei tierische Nahrung. „Die Tatsache, dass wir in Deutschland eine unglaubliche Anzahl von Wildschweinen haben, und zwar flächendeckend, bedeutet, dass das Schwarzwild auf die Artenvielfalt in seinem Lebensraum einen erheblichen Einfluss hat.“

Das sind die allgemeinen Nachteile des hohen Schwarzwildbestands. Jetzt, „im Zeichen der herannahenden Afrikanischen Schweinepest“ kommt eine weitere Bedrohung hinzu: die Gefahr, dass sich Wildschweine mit dem ASP-Virus infizieren – und dass dann die Seuche auf irgendeinem Wege auf die Abermillionen Hausschweine in den Masttierbetrieben überspringt.

Die Afrikanische Schweinepest, die erstmals 1921 in Kenia beschrieben wurde und 1957 in Portugal das europäische Festland erreichte, ist hochgradig infektiös. Nach sechs bis zehn Tagen tritt der Tod ein. Die ab dem dritten Ansteckungstag fiebernden Wildschweine ziehen sich, oft schon mit torkelndem Gang, gern noch in Tümpel zurück, um den 41 Grad heißen Körper am Ende ein wenig zu kühlen. Das erleichtert das Sterben. Aber es gibt keinen Impfstoff, kein Mittel, das heilt.

Bei Andreas Brauer, dem Projektleiter des im Oktober 2018 eingerichteten Schwarzwild-Kompetenzzentrums Thüringen, dreht sich dieser Tage alles um die ASP. Brauers Büro in Erfurt ist so etwas wie die Schaltzentrale zur Bekämpfung der Schweinepest in Thüringen. Rechts des Fensters stapeln sich die Kisten an der Wand. Inhalt: Weitere 2700 Exemplare von die „Kleine ASP-Fibel. Praxishinweise für Jäger.“ Herausgeber: Thüringer Landesjagdverband und Gesundheits­ressort.

In der Fibel steht Erschreckendes: dass das ASP-Virus 18 Monate in gekühltem Blut überleben kann, im blutverseuchten Boden, wo das Wildschwein starb, bis zu 205 Tage und an Holz bis zu 190 Tage. Auch in Lebensmitteln bleibt das Virus aktiv: 15 Wochen in gekühltem Fleisch, sechs Monate in konserviertem Schinken, deutlich länger als ein Jahr in Parma-Schinken.

Die Seuche kann jederzeit überall ausbrechen. Dass das ASP-Virus nach 2000 Kilometern ohne Zwischenstopp vor wenigen Wochen in Belgien auftrat, hat wahrscheinlich mit dem Rücktransport belgischer Soldaten nach einem Manöver im Baltikum zu tun.

Die Jägerschaft ist alarmiert. Entdeckt ein pflichtbewusster Jäger in Thüringen ein totes Wildschwein, schafft er es – gegen 25 Euro freistaatliche Aufwandspauschale – zum Landesamt für Verbraucherschutz nach Bad Langensalza. Dort wird der Kadaver auf ASP hin untersucht. „Verendete Wildschweine sind die wichtigsten Indikatortiere zur Früherkennung der Einschleppung der Tierseuche nach Thüringen“, teilt Landwirtschaftsministerin Birgit Keller mit. Bisher blieb Thüringen verschont.

Tiere könnten in Panik den Stromzaun niederrennen und die Seuche verschleppen

„Der Elektrozaun, der um das erste an ASP gestorbene Wildschwein in Thüringen aufgestellt würde, ist für den Ernstfall eingelagert“, sagt Andreas Brauer. Der Zaun ist 25 Kilometer lang. Entfernung zum Fundort des Schweins: vier Kilometer. Durchmesser der Hochrisikozone: acht Kilometer. In dieser 50 Quadratkilometer großen Hochrisikozone würden die Wildschweine mindestens drei Wochen lang nicht bejagt. Denn die Tiere könnten in Panik den Stromzaun niederrennen und die Seuche verschleppen.

Stattdessen würde man warten, bis die Seuche alle Wildschweine im Kerngebiet dahingerafft hat.

Kein Feld dürfte dort bestellt, kein Fisch gefangen, kein Holz vermarktet werden. Mindestens vier Wochen lang dürfte kein Bürger das innerste Seuchengebiet betreten. Hunde müssten noch ein halbes Jahr später an der Leine geführt werden.

Hinter dem Elektrozaun der Hochrisikozone erstreckt sich die 200 Quadratkilometer große Randzone des Seuchengebiets. Abstand vom Fundort: acht Kilometer. Hier wird das Schwarzwild so intensiv wie möglich bejagt. „Ziel wird es sein, die Population im gefährdeten Gebiet auf Null zu setzen“, heißt es in der kleinen ASP-Fibel.

In der dritten und letzten Sicherheitszone, der 1800 Qua­dratkilometer großen Pufferzone, die sich im Abstand von acht bis 24 Kilometern kreisrund um den Fundort zieht, soll der Wildschweinbestand um 70 bis 90 Prozent reduziert werden.

In den Zonen zwei und drei, also sowohl in der Rand- wie auch in der Pufferzone, sollen Saufangeinrichtungen eingesetzt werden. Futter lockt die Schweine hinein. Die kleinsten Saufänge messen etwa vier Quadratmeter und sind wie ein Stahlkäfig mit Fallklappe kons­truiert. Der Schütze soll die gefangenen Schweine in der Regel mit einem aufgesetzten Kopfschuss töten.

Größere Saufänge sind etwa 20 bis hundert Quadratmeter groß und an den Wänden zwei Meter hoch, damit die Tiere nicht hinüberspringen können. Außen steht ein mobiler Hochsitz. Nach etwa drei Minuten ist es wieder still.

„Das ist ein hochsensibles Thema“, sagt Matthias Neumann vom Thünen-Institut in Eberswalde, einer Forschungseinrichtung des Bundes in Brandenburg. Die Jagdmethode sei unter Jägern sehr umstritten. Wer das einmal erlebt hat, will das in der Regel kein zweites Mal mitmachen. „Aber der Saufang ist tierschutzgerecht möglich.“ Auf keinen Fall dürften Schweine durch das Gitter die Freiheit erblicken. „Wenn die Wildschweine die Freiheit sehen, wollen sie dahin. Sie versuchen dann mit aller Gewalt, aus dem Fang herauszukommen“, sagt Thünen-Forscher Neumann. Dann könnten tatsächlich Szenen provoziert werden, „die absolut tierschutzwidrig sind“.

Der Saufang in Nordthüringen, vor einem halben Jahr errichtet, wurde deshalb mit blickdichten Blechen verblendet. Wie dieser Saufang funktioniert, ist dennoch nicht erprobt. Noch hat das Futter im Innern kein Wildschwein in die Falle gelockt. Im Eichenwald gleich nebenan leben die Schweine wie im Schlaraffenland. „Aber jetzt, im Februar und März beginnt die Phase, in der man die Wildschweine gut fängt“, weiß Matthias Neumann. „Die Eicheln werden jetzt bitter.“

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