Die seltene Moorlandschaft des Alperstedter Rieds

Das Alperstedter Ried ist das größte Durchströmungsmoor Thüringens, das durch den Eingriff des Menschen zurückgedrängt wurde. Das einzigartige Habitat soll wieder leben, auch mithilfe von robusten Rassen wie Wasserbüffeln und Exmoor-Ponys.

Die verwunschene Landschaft soll bald auch über einen Bohlenweg für Besucher erlebbar werden. Foto: Elena Rauch

Die verwunschene Landschaft soll bald auch über einen Bohlenweg für Besucher erlebbar werden. Foto: Elena Rauch

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"Freilaufender Bulle" – die Warnung auf dem Schild klingt ernst. Carlotta Schulz, Referentin bei der Stiftung Naturschutz, öffnet trotzdem furchtlos das Tor im Weidenzaun. Kein Bulle weit und bereit. Dafür wesentlich kleinere Biester in Stechlaune. Carlotta Schulz bietet Mückenspray an. Ihre Füße stecken in Gummistiefeln. Wird es nass? Hoffentlich! Je feuchter, desto besser. Je feuchter, desto mehr Moor.

Das Moor. Ein geheimnisumwitterter, gefürchteter Ort. Jahrhundertelang hat der Mensch Geschichten um ihn gesponnen. Von Irrlichtern, Hexen und verlorenen Seelen. In Alperstedt haben sich die Bewohner in früheren Jahrhunderten ein Zubrot verdient, indem sie Fremde sicher durch das tückische Grün führten. Eine Postkutsche, erzählt man sich, soll hier einmal versunken sein.

Aber wir versinken nicht. Nicht mal ein bisschen. Im Gegenteil. Die riesige Wiese hinter dem Weidezaun wirkt so fest und trocken, als könnte hier ein Hubschrauber landen. Vor zwei Jahren noch, hat die ortsansässige Universal-Agrar GmbH die Fläche als Wirtschaftsgrünland genutzt. Jetzt soll hier wieder wachsen, was die Natur auf einer Feuchtwiese will, aber das dauert. Die benachbarte Schutzfläche wurde als Samenbank genutzt, aber der vergangene Sommer war einfach zu trocken. Man muss, sagt Naturschützerin Schulz, viel Geduld haben mit dem Moor.

Unterirdische Quellen speisen das Moor

Das Alperstedter Ried ist ein Kalkflachmoor, das größte im Thüringer Becken, gespeist von unterirdischen Quellen. Die Leute haben Torf gestochen und später Gräben angelegt, um das Land nutzen zu können. Der hohe Grundwasserspiegel, der das Moor am Leben hält, sank.

Renaturierung bedeutet hier zuallererst die Schließung der Wassergräben. Damit der Grundwasserspiegel wieder ansteigt, der das Moor am Leben hält. Begonnen wurde damit auf einigen Flächen schon in den 1990er-Jahren. Wie das Wasser die Landschaft verändert, kann man wenige Schritte vom einstigen Grünacker entfernt sehen.

Wir laufen jetzt durch kniehohes Gras, das langsam in Schilf übergeht. Versteckt sich hier das Moor? Carlotta Schulz zupft hier an einem Blättchen, da an einem Halm. Zufrieden? Zufrieden. Sumpfengelwurz, Binsen, Wiesenknopf, Kratzdistel. . .

Für den ahnungslosen Wanderer unscheinbare Gewächse, er merkt nur, dass es feucht wird unter den Füßen. Für die Naturschützerin sind grüngewordene Beweise, dass hier das Moor wieder lebt.

Mit den Pflanzen kehren Tiere zurück, die von der Existenz bestimmter Arten abhängig sind. Das hier zum Beispiel, Carlotta Schulz wiegt einen Blütenstand in der Handfläche, kaum größer als eine Haselnuss, rostbraun und ziemlich unspektakulär. Ein Wiesenknopf, ohne den wiederum der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling nicht überleben kann. Die Schmetterlingsart, die als bedrohte Art gelistet wird, legt ihre Eier nur in die Knospen des Wiesenknopfs, weil deren Blüten das Einzige sind, was die Raupen fressen.

Das Moor lockt die Pflanze, die rettet den Falter, alles in der Natur hängt zusammen, eine schöne Lektion. Aber da reißt die Naturschützerin das Fernglas hoch. Etwas gesehen? Nein, flüstert sie, aber gehört. Ein Bruchwasserläufer, der aus dem Schilf aufgeflogen ist. Das Moor klingt besonders, ob ich es höre? Ein Summen, ein Zirpen, Brummen, ein Wispern. Zikaden, Heuschrecken... der Ton ist anders, als auf einer Wiese, satter, voller. Das Moor hat einen besonderen Klang.

Auf der Grünfläche hinter dem Waldstreifen zeichnen sich dunkle Tierleiber gegen den Horizont ab. Auch keine Bullen, es ist die kleine Herde Exmoor-Ponys, die um ein Schlamm- loch herum ruhen. Die Natur erobert sich hier zwar ­­­­­­­­­­­­­ ­­­­­­­­ihr Recht zurück, doch der Mensch muss ihr dabei helfen. Der robuste Appetit dieser Rasse, die noch nah am Wildpferd ist, soll dafür sorgen, dass neben dem Schilf auch die zarteren Pflanzen in diesem Biotop eine Chance haben.

Die vier Wasserbüffel, die hier vor drei Wochen vom Ministerpräsidenten höchstselbst medienwirksam in die Freiheit entlassen wurden, weiden künftig in gleicher Mission. Eine Milchkuh, erklärt Gert Venus mit Blick auf das Schilf, beißt da nicht rein. Er ist der Weidewart des Agrarbetriebs und kennt die Büffel und ihre Lieblingswege inzwischen am besten. Am Wehr erklimmt der Weidewart den Zaun und hält durch das Fernglas Ausschau. Negativ. Nix zu sehen. Er zuckt bedauernd mit den Schultern. Wahrscheinlich lümmeln sie irgendwo im Schilf. Ein gutes Zeichen, findet er, sie fühlen sich wohl. Nächstens soll noch eine Herde Heckrinder hinzukommen.

Zeit, das Revier zu betrachten. Schilfdickicht, dass sich im Teich spiegelt, Wasserpflanzen, die wie Teppichfetzen darauf treiben, dazwischen ein Stück totes Holz, das wie ein Urtier aus dem Wasser ragt. Wasserläufer huschen schwerelos über die Oberfläche. Fehlt nur noch die Nacht und ein Vollmond. Hier dämpft man unbewusst die Stimme, hier bekommt man eine Ahnung davon, wie sie entstanden sind, die mystischen Geschichten um das Moor.

Im vergangenen Jahr, sinniert der Weidewirt, haben hier Kiebitze gebalzt. Ob sie gebrütet haben, ist ungewiss. Im Idealfall, träumt die Naturschützerin, kommen sogar große Brachvögel, wie man sie sonst nur vom Urlaub an der Nordsee kennt. Sie sprechen vom Pirol, von Kranichen, der Rohrweihe, Gelbbauchunken. . . Der Mensch kann ein Habitat herstellen und dann hoffen, dass sich die Tiere ansiedeln. Vielfalt ist Reichtum. Die Renaturierung solcher Flächen, sagt Carlotta Schulz, ist ja immer Pionierarbeit.

Es lässt sich Zeit, das Moor.

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