Immer mehr Schottergärten in Erfurt: Initiative will Steinwüsten verbieten

Erfurt  Die Mode, im Vorgarten Steinen den Vorzug vor blühenden Pflanzen zu geben, greift auch in und um Erfurt um sich. Das ist neben dem ästhetischen vor allem ein ökologisches Problem.

Typischer Schottergarten, wie sie gerade in den Eigenheimsiedlungen in und um Erfurt immer mehr um sich greifen.

Typischer Schottergarten, wie sie gerade in den Eigenheimsiedlungen in und um Erfurt immer mehr um sich greifen.

Foto: Michael Keller

Der Begriff hat das Zeug, um auf der Liste für das Unwort des Jahres ganz weit vorn zu landen – Schottergarten. Beschrieben wird damit die zunehmende Art und Weise vornehmlich von Eigenheimbesitzern, ihre unmittelbare Umgebung im neuen Stil zu gestalten.

Mit sterilen, grauen oder schwarzen Bruchsteinen, statt grünenden und blühenden Pflanzen. 15 Quadratmeter Schotterfläche, in deren Mitte sich ein Alibi-Bäumchen oder -Pflänzchen ob der unwirtlichen Umgebung fürchtet. Diese Marotte hat in den letzten Jahren derart zugenommen, dass sich nun die jüngste Umweltministerkonferenz in Hamburg damit beschäftigen musste und einige deutsche Städte (u.a. Rostock, Bremen, Bad Neuenahr-Ahrweiler) schon zu rigorosen Verboten gegriffen haben. Und im Internet gibt es bereits die Rubrik „Gärten des Grauens“.

Auch Erfurt hat sie in Größenordnungen, diese Schottergärten. Besonders in den Eigenheimsiedlungen sind diese monotonen Gestaltungsideen inzwischen invasiv geworden. Einen richtig geschmackvoll gestalteten Steingarten wird man dagegen recht selten antreffen.

Mit echten Steingärten hat das nichts zu tun

Hat auch Erfurts Gartenamtschef Sascha Döll beobachtet. „Das Ziel ist, weniger Arbeit zu haben“, sagt er. Ein richtiges Vorbild für diese verschotterten Vorgärten gibt es nach seinen Recherchen eigentlich gar nicht. Und mit den attraktiv angelegten Kiesgärten Japans habe das auch nichts gemein.

Mit „echten“ Steingärten schon gar nicht. „Die sind nämlich pflegeintensiv, denn bei denen spielen die Pflanzen die Hauptrolle“, sagt der passionierte Garten- und Landschaftsbauer.

Nicht anders sieht das Frank Mittelstädt vom Erfurter Naturgarten-Verein. Mittelstädt, Mitglied im BUND und auch im Lagune e.V. aktiv, lässt kein gutes Haar an dem neuzeitlichen Modetrend. Und erstaunt dennoch mit seiner Aussage, dass Schotter durchaus ein gutes Medium zur Gartengestaltung sei. „Aber nicht so, wie es jetzt überall praktiziert wird“, sagt er. Da sei der Schotter nur ein Alibi. Pflegeleicht ist das Zauberwort. Aber im Grund sei es noch eine versiegelte Fläche mehr. Man verfahre nach dem Motto „Natur gern, aber grün ist es draußen, nicht bei mir“.

Schottergärten in Erfurt verbieten

In den B-Plänen für Eigenheime stehe leider nur etwas von gärtnerischer Anlage. Wie die aussieht, bestimme aber der Bauherr. Mittelstädt macht sich daher für eine Änderung der Begrünungs- und der Grünanlagensatzung in Erfurt – ähnlich wie es andere Städte und kommunen in Deutschland inzwischen schon praktizieren – stark.

Das soll künftig solche steinreichen Vorgärten ausschließen. Er werde das jedenfalls dem Stadtrat so vorschlagen und auf eine Änderung drängen. Das, was bisher schon als Schottergarten angelegt wurde, sei davon freilich ausgeschlossen. Bestandsschutz.

Vielleicht überlegt es sich der eine oder andere Schotterfreund ja noch und steuert wieder um. Aber mit Blick aber auf die neuen Baugebiete, die jetzt für Erfurt ausgewiesen werden, sei es ein Gebot der Stunde, die weitere Verschandelung auszuschließen und das Problem nicht noch zu verstärken, findet Mittelstädt. So, wie diese Praxis um sich greife, sei das zudem alles andere als ein Aushängeschild für die Stadt, schon gar nicht, wenn jetzt die Buga vor der Tür steht.

Schlecht fürs Stadtklima

Was den Freund konventioneller Gartengestaltung mit viel Grün und blühenden Pflanzen aber am meisten stört, ist nicht der ästhetische Aspekt. Mittelstädt sieht alles unter dem Blickwinkel der Ökologie. Für Insekten wie Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Kleinstlebewesen stellen diese Modegärten ein großes Probleme dar, weil ihnen damit die Nahrungsgrundlage noch mehr beschnitten werde. Und das Stadtklima werde durch die aufgeheizten Steine negativ beeinflusst. Mittelstädt möchte daher, dass man die Häuslebauer zeitig aufklärt, um der Ideenlosigkeit der Gartenbauer etwas entgegenzusetzen.

Man hat ihn offenbar erhört. Auf der Umweltministerkonferenz in Hamburg wurde beschlossen, eine bundesweite Kampagne für insektenfreundliche, blüten- und artenreiche Gärten – zeitnah und bezahlt vom Bund – anzuschieben. Thüringen zählte zu den Ländern, die den Antrag unterstützen.

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