Kormorane dürfen in Thüringen ab 2017 geschossen werden

Erfurt  Ein schwarzer Wasservogel mit großem Appetit auf Fische schien durchaus das Zeug zu haben, den rot-rot-grünen Regierungsfrieden in Thüringen empfindlich stören zu können. Bis Mittwoch.

Ein Kormoran hat sich einen Aal geschnappt. Keine heimische Fischart ist vor dem erfolgreichen Jäger sicher. Angler und Berufs­fischer sprechen deshalb nicht von natürlicher Konkurrenz, sondern von einer Plage. Foto: Bernd Settnik, dpa

Ein Kormoran hat sich einen Aal geschnappt. Keine heimische Fischart ist vor dem erfolgreichen Jäger sicher. Angler und Berufs­fischer sprechen deshalb nicht von natürlicher Konkurrenz, sondern von einer Plage. Foto: Bernd Settnik, dpa

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Ein schwarzer Wasservogel mit großem Appetit auf Fische schien durchaus das Zeug zu haben, den rot-rot-grünen Regierungsfrieden in Thüringen empfindlich stören zu können. Bis Mittwoch. Da einigte sich am Nachmittag die Mehrheit im Umweltausschuss des Landtags überraschend schnell auf eine neue Kormoranverordnung.

Entsprechend groß war die Erleichterung. Tilo Kummer (Linke), der Ausschussvorsitzende, lobte die Kompromissfähigkeit der Landesregierung. Zahlreiche Anregungen aus dem Parlament und von Betroffenen seien auf fruchtbaren Boden gefallen, sagte er. Umweltexpertin Dagmar Becker (SPD) resümierte rückblickend, es sei nie leicht, widerstreitende Interessen unter einen Hut zu bekommen. Nun sei der Ausgleich bestmöglich gelungen. Und der Grünen-Abgeordnete Roberto Kobelt vergaß nicht, seiner Parteifreundin Anja Siegesmund, Umweltministerin, herzlich Dank zu sagen. Dem Naturschutz werde mehr als bisher Rechnung getragen.

Dabei wollte Siegesmund mehr. Deutlich mehr. Noch im November schimpfte sie im Landtag, dass nirgendwo so freizügig auf Kormorane geschossen werden dürfe wie in Thüringen. Auf einen nach EU-Recht geschützten Vogel! Das könne so nicht bleiben

„Extrem selten“, aber in großen Schwärmen

Da die alte Landesverordnung zum Jahresende ausläuft, werde die neue, die das Umweltministerium zu erlassen habe, den Rote-Liste-Vogel wieder besser schützen. Weil der Kormoran hier nicht brüte, habe er als „extrem selten“ zu gelten.

Unter Anglern und Fischern löst das staunendes Kopfschütteln aus. Brutkolonien sind in Thüringen zwar tatsächlich noch nicht gesichtet worden. Aber zu beobachten sind seit Jahren scheinbar immer größer werdende Kormoranschwärme, die sich besonders im Winterhalbjahr überfallartig über Teiche, Seen und Flussabschnitte hermachen. Ihre Beute fangen sie per Tauchgang. Nach ein bis zwei Tagen, manchmal auch binnen Stunden leben im bejagten Gewässer nur noch Kleinfische und ein paar Riesen, die sie nicht verschlucken können.

Die Umweltministerin hält sich an Zahlen, die ihr von Beamten vorgelegt werden. Demnach wurden zwischen 2010 und dem vergangenen Jahr im Freistaat an 240 Gewässerabschnitten die Fischbestände untersucht. An nur 20 Prozent ist von „einem Einfluss“ durch den Kormoran auszugehen.

Ilmenauer Teiche praktisch leer gefressen

Die Dimension dieses „Einflusses“ erlebt gerade der Förderverein Ilmenauer Teichwirtschaft. Die Lokalausgabe der „Thüringer Allgemeine“ berichtete mehrfach, wie sich beim Abfischen von 28 Teichen die Enttäuschung wiederholt: In einen Teich waren 3000 kleine Karpfen eingesetzt, ganze 15 überlebten die Saison. Von erwarteten 1500 Kilogramm Beifang – Rotaugen, Schleie, Rotfedern – ließen die Kormorane nur 50 Kilogramm übrig. Überlebende Fische tragen zudem häufig die unverkennbaren Kratzwunden von scharfen Kormoran-Schnäbeln mit sich herum. Ein Einfallstor für Pilzkrankheiten.

Die oppositionelle CDU-Fraktion hatte im Landtag den Antrag gestellt, die Kormoranverordnung einfach zu verlängern. Nur so geriet das Thema überhaupt am Mittwoch in den Umweltausschuss. Genau zur selben Zeit tagte in den Räumlichkeiten des Agrarministeriums der Thüringer Landesfischereibeirat. Einziger Tagesordnungspunkt: die Kormoranverordnung. Ministerin Birgit Keller (Linke) zeigte viel Verständnis für die Belange der Fischfreunde und sicherte zu, das Thema mit Amtskollegin Siegesmund erneut zu besprechen. Wie sich am Abend zeigte, war das nicht mehr nötig. . .

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