Kormorane plündern Thüringer Seen und müssen deshalb sterben

Erfurt. Die Abschuss-Erlaubnis der fischfressenden Raubvögel, um die heimischen Fischbestände zu schützen, entzweien jedoch die Naturschützer.

Dieser Kormoran fischt gegenwärtig am Angelhäuser Teich in Arnstadt. Foto: Werner Demuth

Dieser Kormoran fischt gegenwärtig am Angelhäuser Teich in Arnstadt. Foto: Werner Demuth

Foto: zgt

Tückisch bilden sie einen schwimmenden Kreis um die im Wasser stehenden Fische. Wie auf ein lautloses Kommando tauchen sie blitzschnell ab um genauso blitzschnell wieder aufzutauchen. Jeder mit einem zappelnden Fisch im Schnabel. Sie nehmen alles, was sie kriegen können. Bachforellen, Äschen, Aale, Barben.

Gerhard Kemmler hat dutzendfach solche Beutezüge beobachtet. Es gibt unzählige Fotos, die Beweislage ist erdrückend. Er ist Vizepräsident des Thüringer Verbandes für Angeln und Naturschutz. Im Großraum Jena, weiß er zu berichten, hätten allein 200 Vögel in nur zwei Wintern die Fischbestände der Saale komplett leer gefressen. Und das ist nur einer der vielen Anklagepunkte.

Ihr Jagdverhalten, heißt es vom Anglerverband, stelle Fische unter Stress, dezimiere Fischarten, entziehe Raubfischen ihre Nahrungsgrundlage und verbreite Krankheiten.

Der Delinquent: Phalacrocorax carbo aus der Ordnung der Ruderfüßer, gänsegroß. Der Kormoran. Ende des 19. Jahrunderts war er in Deutschland nahezu ausgerottet. Dass es ihn wieder gibt, müsste jeden Naturschützer freuen. Eigentlich.

Wo Laien ein majestätisches Naturschauspiel vermuten, ist für Gerhard Kemmler nur Gefahr im Verzug. Wenn man ihn nach den jüngsten Abschussplänen für Kormorane im benachbarten Sachsen-Anhalt fragt, fällt seine Antwort knapp und bestimmt aus: Endlich.

In Thüringen ist der Kormoran kraft ministerieller Verordnung schon lange zum Abschuss freigegeben. "Zur Abwendung erheblicher fischereiwirtschaftlicher Schäden sowie zum Schutz der heimischen Tierwelt", wie es heißt. Gerade erst wurden die 2008 erlassenen Regelungen um drei Jahre verlängert. Ohne diese Verordnung, ist sich Gerhard Kemmler sicher, würde sich in Thüringen niemand mehr die Mühe machen, Fischbestände zu hegen und zu bewirtschaften.

Versuche mit akustischen Störsignalen

Zwar gibt es zeitliche Einschränkungen und auch an Brutplätzen haben Waffen zu schweigen, doch immerhin wurden nach Auskunft des Thüringer Umweltministeriums allein von 2009 bis 2011 im Schnitt 1200 Kormorane jährlich abgeschossen.

Das entspricht ungefähr dem derzeitigen Bestand der Kormorane, die sich aus Skandinavien und Weißrussland jährlich für die Wintermonate in Thüringen niederlassen. Oder durchfressen, je nach Standpunkt.

Denn kaum eine andere Kreatur in unseren Breiten vermag so tiefe Gräben zwischen Naturschützern zu schaffen. Vogelschützer gegen Fischfreunde. Luft gegen Wasser. Als vor vier Jahren der Kormoran vom Nabu zum Vogel des Jahres erklärt wurde, witterte man beim Deutschen Anglerverband darin gar einen "Schlag ins Gesicht aller Demokraten und wirklicher Naturschützer".

Erwin Schmidt vom Thüringer Ornithologenverband versucht es diplomatischer. Gefährdete wirtschaftliche Existenzen seien eine Sache, doch wenn es um Hobbyfischerei geht, müsse man schon nach dem Sinn des Vogelschießens fragen.

Beim Nabu Thüringen ist man sich sicher, dass die Freigabe der geschützten Kormorane zum Abschuss den gefährdeten Fischbeständen nicht hilft. Gegen die geltende Kormoranverordnung hatten die Naturschützer seinerzeit heftig polemisiert. "Die Kormorane tauchen an wertvollen Fischbeständen auf, die sie ohne die flächendeckende Schießerei nie aufgesucht hätten", heißt es in der Begründung. Man verweist auf andere Möglichkeiten, Kormorane von bedrohten Fischarten fernzuhalten. Eine davon trägt den stolzen Namen "Seeadler K1". Ein futuristisch anmutendes Wasserfahrzeug, dessen akustischen Störsignale die Raubvögel vertreiben. Der Nabu hatte es an den Plothener Teichen in Ostthüringen getestet.

"Das funktioniert alles nicht", setzt Gerhard Kemmler vom Thüringer Verbandes für Angeln und Naturschutz dagegen, Kormorane seien lernfähig. Am Ende helfe nur eines: abschießen.

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