Massensterben von geschützten Muscheln in Talsperren der Saalekaskade

Erfurt  Thüringens größte Stauseen sind betroffen. Wegen Bauarbeiten wurden Pegelstände abgesenkt. Das Umweltministerium sieht Hegepflicht durch Landesanglerverband verletzt.

Muscheln am Hohenwarte-Stausee.

Muscheln am Hohenwarte-Stausee.

Foto: Frank Schauka

An den Ufern der Talsperren der Saalekaskade sterben momentan Abertausende Muscheln, die auf der roten Liste der bedrohten Arten stehen.

„An der Hohenwarte droht ein Massensterben. An der Bleilochtalsperre dürfte schon alles zu spät sein“, sagte Rolf Kleemann aus Nordhausen, einer der anerkanntesten Muschelexperten des Landes, gestern unserer Zeitung. „Wenn die Tiere nicht stumm wären, sondern grunzen könnten, was wäre das für ein Lärm! Was gäbe es für einen Aufschrei in der Öffentlichkeit!“

Ob die Muscheln weiterhin vertrocknen, ist nicht ganz sicher. Vielleicht erfrieren oder ersticken sie bald auch. „Schon bei einem Grad Frost löst sich der innere Mantel von der Schale“, erläutert Rolf Kleemann. „Die Tiere können dann nicht mehr atmen und ersticken.“

Eindeutig klar ist für den Muschelspezialisten eines: „Man müsste die Tiere jetzt sofort ins Wasser werfen. Es sollte mindestens ein Meter tief sein.“

Wer handeln müsste, steht für das Umweltministerium nach dem Thüringer Fischereigesetz unzweifelhaft fest: der Fischereiberechtigte – „in diesem Fall der Anglerverband als Pächter“. Denn „alle Muschelarten unterliegen dem Fischereirecht und damit der Hegepflicht durch den Fischereiberechtigten“.

Beim Landesanglerverband Thüringen (LAVT) sieht man das jedoch anders. Die gepachteten Gewässer der Saalekaskade seien künstliche Stauanlagen, sagt Hauptgeschäftsführer André Pleikies. „Pegelstandschwankungen sind dort völlig normal. Darauf haben sich Flora und Fauna in Jahrzehnten eingestellt.“

Behördliche Rückendeckung erhält der LAVT von der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) sowie von der beim Agrarministerium angesiedelten obersten Fischereibehörde. „Stauseen sind keine natürlichen Gewässer, sondern Betriebs- und Funktionsgewässer“, sagt TLUG-Sprecher Lutz Baseler – mit folgender Konsequenz für die Tiere: „Hier geht der Hochwasserschutz vor.“

Den ähnlichen Standpunkt der obersten Fischereibehörde umreißt Leiterin Sigrun Müller so: „Tiere, die in einer technischen Anlage leben, müssen mit dem Betriebsgeschehen klarkommen.“ Allerdings räumt sie ein: „Wenn man frühzeitig weiß, dass der Pegel in einem Stausee abgesenkt wird, kann man etwas tun.“ Im konkreten Fall verhält es sich so: Das Energieunternehmen Vattenfall als Eigentümer der Saalekaskade teilte am 21. August 2018 mit, dass wegen Arbeiten an der Staumauer der Talsperre Bleichloch die Pegel bis voraussichtlich Ende Februar 2019 gesenkt werden müssten – in der Talsperre Bleiloch auf 398 Meter und in der Hohenwarte auf 296 Meter über Normalnull. In der Hohenwarte wurde deshalb der Pegel um etwa sechs Meter gesenkt. In der Bleilochtalsperre fiel der Wasserspiegel sogar noch stärker, berichtete LAVT-Chef Pleikies.

Eine derart starke Absenkung des Pegels hatten wir noch nicht

„Wir sind über die Veränderungen der Pegelstände informiert worden und haben dies auf der Facebook-Seite des Verbands bekannt gegeben“, berichtet Pleikies. „Eine derart starke Absenkung des Pegels hatten wir noch nicht, seitdem wir die Gewässer der Saalekaskade pachten.“

Vor einigen Wochen, sagt Pleikies, habe er Mitarbeiter an die Talsperre Bleiloch geschickt. „Sie sollten sich einen Überblick verschaffen und schauen, was es für Probleme gibt, weil wir so eine Situation noch nicht hatten.“ Eine Fischereiaufseherin habe an einer Stelle tatsächlich Muscheln entdeckt, die außerhalb des Wassers auf dem Uferschlamm lagen.

Aber Menschen in den gefährlichen Schlammbereich zu schicken, um Muscheln zu retten, sei für ihn „nicht zu verantworten“ gewesen, sagte Pleikies unserer Zeitung.

Tierschützer versuchen auf eigene Faust, Muscheln zurück ins Wasser zu werfen

Einige Tierschützer haben sich nach Informationen unserer Zeitung inzwischen trotzdem aufgemacht. Sie versuchen auf eigene Faust, Muscheln zurück ins Wasser zu werfen. Ein Tierschützer rettete nach eigenem Bekunden auf einer zehn mal fünfzehn Meter großen Fläche mehr als 430 Teichmuscheln. Das ist kein Einzelfall.

Tilo Kummer, Vorsitzender des Umweltausschusses im Thüringer Landtag, warnt vor der Gefahr solcher individuellen Rettungsaktionen.

Staatliche Stellen teilten unserer Zeitung auf Anfrage mit, man sei dabei, den Fall zu prüfen.

Martin Görner, Leiter der Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen, sagte: „Es ist ein Massensterben, das ganz offensichtlich keinen ernsthaft interessiert. Aber solch ein Artensterben können wir uns nicht leisten.“

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