Schützen oder jagen? Wölfin reißt in Thüringen Dutzende Schafe und Ziegen

Erfurt  Der Wolf geht um in Thüringen. Des einen Furcht ist des anderen Glück. Und die Debatte hat gerade erst begonnen. Nachgewiesen durch Fotos und Genanalyse ist seit Mai 2014 eine standorttreue Wölfin auf dem Übungsplatz Ohrdruf. Und die beißt fleißig.

Wölfe jagen vielen Menschen Schauer über den Rücken. Für Viehherden stellen die Tiere derzeit eine echte Bedrohung dar.

Wölfe jagen vielen Menschen Schauer über den Rücken. Für Viehherden stellen die Tiere derzeit eine echte Bedrohung dar.

Foto: Pauline Voß

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Das sind die Fakten: Seit Wochen häufen sich Meldungen von gerissenen Nutztieren. Das Thüringer Umweltministerium geht von einem Einzeltier in Thüringen aus. „Nachgewiesen durch Fotos und Genanalyse ist seit Mai 2014 eine standorttreue Wölfin auf dem Übungsplatz Ohrdruf“, sagt Ministeriumssprecher Tom Wetzling.

Die beißt fleißig. Erst am Mittwoch wurden zwischen Gossel und Plaue drei Schafe gerissen. Damit summiert sich die Zahl der getöteten Tiere auf 58 Schafe und 11 Ziegen. Am 9. Juli fielen bei Gossel zwölf und am 10./11. August bei Wölfis 23 Schafe auf einen Schlag den Wolfszähnen zum Opfer. Gentests weisen auf die Wölfin hin. Weitere Tests werden gerade erstellt.

Für die oppositionelle CDU im Landtag ist der Fall klar: „Der Wolf passt nicht zu der für die Thüringer Kulturlandschaft so wichtigen Weidetierhaltung“, sagt Fraktionsvize Egon Primas. Er fordert eine offene Debatte über die Jagd auf Wölfe ein, statt sie zu verharmlosen. „Wir müssen die Wolfspopulation in einen Zustand bringen, der im Einklang mit der Kulturlandschaft und dem Sicherheitsgefühl der ländlichen Bevölkerung steht“, so Primas.

Illegaler Abschuss ist eine Straftat

Das Umweltministerium weist das strikt zurück und droht mit Paragrafen. Der illegale Abschuss des Wolfes sei eine Straftat. Mit Paragraf 45, Absatz 7 des Bundesnaturschutzgesetzes existierten ausreichende gesetzliche Instrumente, um gegebenenfalls notwendige Entnahmen vorzunehmen. Nach der EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie genieße der Wolf höchsten EU-Schutzstatus. Thüringen sei verpflichtet, auf einen günstigen Erhaltungszustand der Wolfspopulation hinzuwirken.

Seit der Ausweisung des ersten Thüringer Wolfsgebietes bei Ohrdruf vor zwei Jahren können Viehalter Hilfe für Sicherungsmaßnahmen sowie Entschädigungen bei Tierverlusten beanspruchen. „Seit Inkrafttreten im Juli 2015 wurden neun Anträge für Schutzmaßnahmen bewilligt und über 21.000 Euro ausgezahlt. Die Schadensregulierung belief sich 2015 auf 624 Euro und 2017 auf bisher 2800 Euro“, erläutert Ministeriumssprecher Wetzling. Zu den Rissen der letzten Wochen lägen noch keine Anträge vor.

Als Reaktion auf die Überfälle des Sommers sagte das Umweltministerium den Weidetierhaltern bei Ohrdruf weitere Hilfen zu. So wurden höhere Zäune zur Verfügung gestellt - mit Strom. Nach Erfahrungen in anderen Bundesländern und des Wolfskompetenzzentrums des Bundes sei es bisher keinem Wolf gelungen, sie zu überwinden. „Die Schäfer können sich auf unsere Unterstützung verlassen. Nur wenn zweifelsfrei feststeht, dass ein Wolf den Schutzstandard mehrfach überwindet, kann auch ein Abschuss gerechtfertigt sein“, so Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne).

Im Wolfsland Sachsen wird offen über Abschuss diskutiert

Gemeinsam mit Thüringer Schäfern, dem Nabu und dem Landesjagdverband plane man zudem zusätzliche Wildkameras und Fotofallen. So soll geklärt werden, ob weitere Artgenossen mit der Wölfin ein Rudel bilden. Der Bereich Monitoring und Rissbegutachtung bei der Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) werde personell verstärkt und noch in diesem Monat ein Wolfstelefon eingerichtet. Schäfer können sich zudem direkt an die Natura 2000-Station Gotha-Ilm-Kreis wenden.

Thüringens Nachbarland Sachsen ist heute wieder Wolfsland. Dreizehn Rudel, zwei Paare und ein Einzeltier streifen dort durch die Wälder, Überfälle auf Viehherden inbegriffen. „Hundertprozentigen Schutz gibt es nicht“, erklärt Vanessa Ludwig, Projektleiterin beim Wolfsmanagment Sachsen. Mittlerweile wird im Nachbarland sogar offen über den Abschuss diskutiert. „In Extremfällen muss auch das möglich sein“, so Ludwig.

Abschuss von Problemwölfen

Bereits Anfang September einigten sich Naturschützer, Tierfreunde und Schäfer erstmals auf Bundesebene auf eine gemeinsame Strategie zum Umgang mit Wölfen in Deutschland. Als letztes Mittel umfasste die Einigung auch den Abschuss von „Problemwölfen“ durch Naturschutzbehörden.

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