Thüringen bietet gute Lebensräume für Wölfe

Bad Frankenhausen (Kyffhäuserkreis). Ein Jäger berichtet über seine Erfahrung mit zwei Wölfen in Thüringen: in Ohrdruf und in Bad Frankenhausen.

Ein Wolfsrudel besteht in der Regel aus acht Tieren: den Elterntieren, zwei Jungwölfen aus dem Vorjahr und vier Welpen. Das Revier eines Rudels ist im Durchschnitt 250 Quadratkilometer groß. Das ist eine Fläche, 16 Kilometer lang und 16 Kilometer breit. Foto: Lutz Ebhardt

Foto: zgt

Hans, der Jäger, saß auf dem Hochsitz und beobachtete das Treiben. "Die Hunde gingen auf Sauen", sagt er, "ich habe Rehwild gesehen, ich habe Schwarzwild gesehen."

Trotzdem, etwas war anders bei dieser Drückjagd auf dem Truppenübungsplatz von Bad Frankhausen am 10. Januar des Jahres. Die Jäger, die nicht wussten, was im Gehölz geschah, sie wunderten sich nur. "Das ist ganz komisch heute", meinten sie: "Die Hunde jagen nicht richtig. Die Hunde sind heute gar nicht von uns weggegangen." Das kannten die Jäger so nicht.

"Da habe ich das vom Wolf erzählt", sagt Hans. Da war klar: "Das ist das typische Verhalten von Jagdhunden, wenn der große Bruder im Revier ist."

Der Jagdhund versteckte sich unter dem Hochsitz

Es war gegen elf, die Jagd lief knapp zwei Stunden, als Max, der Jagdhund, wiederkam. Max liebt das Jagen auf Sauen. Einer Schwarzwildbracke wie ihm steckt das Jagen im Blut. Der Kopov, heißt es, ist ausdauernd und schnell, wendig und schlau. Dieses Mal duckte sich die slowenische Bracke unter den Hochsitz.

"Ich gucke nach links, auf einmal kommt aus dem Unterholz was an", berichtet Hans. "Ich denke noch, ist das ein Fuchs oder was? Das ist ja riesengroß. Es kam direkt auf mich zu und ging so 40 Meter an mir vorbei ins Laubholz. Da sah man eindeutig, das war ein Wolf." Max unterm Hochsitz war irritiert. "Er fing an zu knurren", sagt Hans. "Dann ist er mal ein Stückchen hingelaufen, aber nicht richtig."

Ein anderer Jagdhund, eine deutsche Bracke, schlich dem Wolf hinterher. "Etwa 50, 60 Meter dahinter. Die Bracke hat immer ganz vorsichtig geguckt, nach dem Motto: Was ist denn das? Die ist nicht hinterhergerannt, sondern hat geguckt, hat sich gestreckt, ist wieder ein Stück gelaufen, hat geguckt, hat sich geduckt. Das war ihr nicht geheuer. Die Hunde hatten gehörig Respekt." Bei 20 Kilo gegen 70 leuchtet das ein.

Für Hans, den Jäger war der Wolf von Bad Frankenhausen nichts Besonderes. "Die Wölfin von Ohrdruf habe ich schon ein paarmal gesehen. Wir haben dort ein eigenes Jagdrevier."

Allein sein Vater habe die Wölfin drei-, viermal gesehen. Thüringens erster Wolf hat den Truppenübungsplatz bei Ohrdruf inzwischen zu ihrem Revier erklärt.

"Die Wölfin ist merkwürdig", meint Hans, der Jäger, "sie ist viel zu zahm. Man kann sie sogar nachts mit der Taschenlampe anleuchten. Die interessiert das gar nicht, die haut nicht ab."

Einmal, da hat der Vater die Wölfin beim Jagen erlebt. Es war in diesem Winter, im Mondlicht sah man die Sauen. "Es war eine Rotte mit Frischlingen. Plötzlich zeigten die ein ganz komisches Verhalten", erzählt Hans, der Jäger. "Die Tiere waren fürchterlich aufgeregt und rannten mit hoher Geschwindigkeit Richtung Übungsplatz." Dann erst sah der Vater den Wolf, in der Ferne, oben, wo die Asphaltstraße liegt. "Er kam und machte den Schweinen hinterher. Dann hörte mein Vater einen Frischling klagen."

Ein anderes Mal hatte ein befreundeter Jäger die Wölfin beobachtet. "Da waren zwei Füchse auf der Wiese und haben gemäuselt. Auf einmal sind die davongejagt, wie von der Tarantel gestochen", berichtet Hans, der Jäger. Es dauerte nicht lange, da erschien am Horizont des Truppenübungsplatzes der Wolf. "Erst saß er auf einem kleinen Hügel, dann lief er weg."

Wölfe sind flexibel: Es gibt sogar Pizza-Wölfe in Rom

Man muss den Wolf nicht sehen, um zu wissen, dass er in der Gegend ist, erklärt Jäger Hans - der übrigens seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, weil es viele Jäger gibt, die den Wolf nicht wollen. "Wenn wir Rehwild dahaben, können wir sagen: Der Wolf ist nicht da. Wenn das Wild aber ganz vorsichtig ist oder gar nicht auftaucht, dann weiß man: Jetzt könnte man den Wolf mal wieder sehen."

Kommt der Wolf, verschwindet das Wild? "Nein", behauptet Silvester Tamas, der Wolfsexperte des Thüringer Naturschutzbundes Nabu: "Der Zusammenhang wird manchmal behauptet, aber wir haben festgestellt: Das Wild kommt jetzt nur zu anderen Zeiten, und zwar in Massen."

Wie viele Wölfe in Thüringen leben, ist schwer zu bestimmen. Die Wölfin kam im Mai 2014 nach Ohrdruf und gilt nun als standorttreu. Der Wolf von Bad Frankenhausen wurde einmal im Januar 2015 gesehen. Zuvor hatte dort ein Bundesförster Spuren entdeckt, die auf einen Wolf hindeuteten. Der schäferhundgroße Wolf von Bad Frankenhausen trage eine "graubraunes Fell", die junge Wölfin von Ohrdruf wirke dagegen heller, sagt Hans, der Jäger, der beide Tiere sah. Ob es sich bei dem Tier, das vor wenigen Tagen bei Teistungen im Eichsfeld gesichtet wurde, um einen dritten Thüringer Wolf handelt, ist unklar.

Fest steht: "Im Vergleich zu anderen Bundesländern mit einer hohen Siedlungsdichte bietet Thüringen gute Bedingungen für Wölfe", sagt Tamas. Besonders wolfsgeeignet sind der Thüringer Wald, das Schiefergebirge, der Südharz, der Hainich, der Saale-Orla-Kreis, der Saale-Holzland-Raum.

"Wölfe sind generalisierte Anpassungsspezialisten", sagt Tamas. "Wir werden Wölfe hier haben." Sogar am Rande der ewigen Stadt Rom - deren legendäre Gründer Romulus und Remus vor 2768 Jahren von der Wölfin gesäugt wurden - tauchen Wölfe auf, sogenannte Pizza-Wölfe.

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