Thüringen verliert in diesem Jahr drei Millionen Fichten

Erfurt  Frische Daten zeigen das ganze Ausmaß der Waldzerstörung in Thüringen. Laut Experten werde das Baumsterben bei weiterer Dürre im nächsten Jahr um ein Vielfaches höher sein.

Wie hier bei Eisenberg mussten in diesem Jahr zahlreiche Fichten wegen starkem Befall durch den Borkenkäfer gefällt werden.

Wie hier bei Eisenberg mussten in diesem Jahr zahlreiche Fichten wegen starkem Befall durch den Borkenkäfer gefällt werden.

Foto: Angelika Munteanu

Allmählich wird das ganze Ausmaß der Waldzerstörung deutlich. „Zwei Millionen Festmeter Fichte, etwa drei Millionen Bäume, gehen bis zum Jahresende verloren“, sagte, auf Basis druckfrischer Daten, Thüringenforst-Vorstand Volker Gebhardt unserer Zeitung auf Anfrage. „Hinzu kommt eine Million Festmeter Buche. Es sind vor allem die alten Buchenbestände, die absterben.“

Düster klingt auch die Prognose für 2020: „Selbst wenn wir einen niederschlagsreichen Winter und günstigste Bedingungen haben, werden im nächsten Jahr erneut bis 1,5 Millionen Festmeter Fichte absterben“, sagte Gebhardt. „Sollten wir das dritte Dürrejahr in Folge bekommen, wird das Ausmaß des Baumsterbens um ein Vielfaches höher sein als 2019.“

Wolfgang Heyn, Geschäftsführer des Waldbesitzerverbands Thüringen, teilt die Einschätzung Silbe für Silbe.

Zudem besteht die Gefahr, dass die ökonomischen Schäden der Dürrekrise das ökologische Problem potenzieren. Betroffen davon sind vor allem private Waldbesitzer, von denen es etwa 190.000 in Thüringen gibt.

Holzpreise drastisch gefallen

Holzvermarktung lohnt sich kaum noch; denn der Markt ist überschwemmt mit Holz. Die Preise für Premiumqualitäten sind in anderthalb Jahren von 90 Euro auf knapp 35 Euro je Festmeter gefallen. Parkettholz und minderwertiges Industrieholz sind zum Teil gar nicht mehr vermarktbar.

Dieses ist die Reaktion darauf: „Die ersten Waldbesitzer fangen jetzt an, ihr Holz im Wald stehen zu lassen“, sagt Heyn. „Das ist eine Katastrophe. Wenn man den Borkenkäfer erfolgreich bekämpfen will, muss man auch die Randbäume entfernen, damit sich der Käfer darin nicht vermehren kann.“

Erste Panikreaktion wird sichtbar. „Bei Schmalkalden hat sich die erste Waldbesitzergemeinschaft aus Bodenreformwald aufgelöst“, berichtet Heyn. „Jetzt ist jeder einzelne Waldbesitzer in der Verantwortung. Aber jeder Einzelne für sich ist schon gar nicht in der Lage, das Problem anzugehen. Die Auflösung von Waldbesitzergemeinschaften ist der Gau.“

Weitere Katastrophe kündigt sich für die Laubwälder an

In ruhigen Zeiten wird der Staat aktiv, wenn private Waldbesitzer nicht handeln können oder wollen. „Ersatzvornahme“ heißt das Agieren, welches der Staat danach in Rechnung stellt.

„Das hält man in dieser Situation aber nicht durch“, sagt Thüringenforst-Chef Gebhardt. Die Staatsforst-Mitarbeiter arbeiten im eigenen Bereich bereits an der Leistungsgrenze. Die Folge: Noch mehr Holz, das vom Borkenkäfer bereits befallen ist, verbleibt im Wald. Noch mehr Bäume, die jetzt noch gesund sind, werden bald schon befallen.

Eine weitere Katastrophe kündigt sich an, und zwar für die Laubwälder, auf die Thüringen besonders stolz ist: der Buchenborkenkäfer, mit dem man bisher keine Probleme in Thüringen hatte. „Wir beobachten stellenweise massivste Vermehrungen des Buchenkorkenkäfers“, sagt Gebhardt. „Er bringt grüne Buchen zum Absterben.“ Im Forstamt Sondershausen sind bereits hundert Prozent der Buchenbestände abgestorben. Dort war es nicht der Buchenborkenkäfer. „Wir wissen nicht warum.“

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