Tschernobyl: Als es in der DDR plötzlich Tomaten gab

Als vor einem Vierteljahrhundert der Reaktor in Tschernobyl explodierte, erfuhren die Menschen in der DDR offiziell kaum etwas. Stattdessen gab es auf einmal Gemüse zu kaufen. Martin Debes erinnert sich.

Der Reaktor Nummer Vier des Kernkraftwerkes in Tschernobyl in der Ukraine, der am 26. April 1986 explodiert war, aufgenommen in Tschernobyl (Foto vom 17.09.07). Foto: dapd

Der Reaktor Nummer Vier des Kernkraftwerkes in Tschernobyl in der Ukraine, der am 26. April 1986 explodiert war, aufgenommen in Tschernobyl (Foto vom 17.09.07). Foto: dapd

Foto: zgt

Der 1. Mai war ein sonniger Tag. In dem Dorf, in dem ich wohnte, war wie immer eine Demonstration organisiert worden. Wir mussten uns die FDJ-Hemden anziehen, dazu hatten die üblichen Genossen die üblichen Transparente aus dem Speicher hervorgekramt, und vorwärts ging es zum Wohle des Volkes in Richtung Schule, wo recht jämmerlich eine zusammengezimmerte Tribüne stand.

Für viele wirkte das alles schon grotesk genug - auch ohne das Thema, das alle Gespräche bestimmte. Irgendwo in der Sowjetunion hatte es schon vor Tagen einen Atomunfall gegeben. Das wurde jedenfalls im Westfernsehen gemeldet, das ja fast alle über die in den letzten Jahren aufgestellten Gemeinschaftsantennen empfingen.

Allerdings wusste der Westen auch nicht sonderlich viel. Dass sich am 26. April 1986 in Tschernobyl die bislang schwerste Atomkatastrophe ereignet hatte, war nur zu erahnen. Jene riesige radioaktive Wolke, die nach der Explosion im Reaktor Nummer 4 entstand, wurde erst bekannt, als in Skandinavien die Geigerzähler ausschlugen. Von den Hunderten Toten wusste niemand, schon gar nicht von den Tausenden Verstrahlten.

Während in der Bundesrepublik Jodtabletten verteilt wurden, erschien bei uns in den Zeitungen eine kleine Meldung, in der von einer "Havarie" die Rede war, bei der ein Reaktor "beschädigt" worden sei. Auf den Sportseiten wurde von der Friedensfahrt berichtet, die in Kiew startete und an deren Ende unser Mann aus Gera gewann. Olaf Ludwig wurde von da an insgeheim nur noch "der strahlende Sieger" genannt.

Doch das Merkwürdigste war etwas anderes. Es gab plötzlich in den sonst so leeren Obst- und Gemüseläden Gurken, Paprika und vor allem: ganz, ganz viele Tomaten. Alles Erzeugnisse der sozialistischen Landwirtschaft, die nicht mehr für Valuta im Westen absetzbar waren.

Doch die Tomaten aus Bulgarien wurden kaum gekauft, was unser Staatsbürgerkundelehrer allein der Feindpropaganda zuschrieb. Er war es auch, der in der Schule als einziger die Salat variationen aß, die es in diesem Frühjahr an jedem verdammten Mittag in der Kantine gab.

Wie haben Sie den Mai 1986 erlebt? Schreiben Sie an Thüringer Allgemeine, Leserbrief-Redaktion, Gottstedter Landstraße 6 in 99092 Erfurt oder an leserbriefe@thueringer-allgemeine.de

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