War es ein Wolf? Hirsch bei Volkmannsdorf zu Tode gehetzt

Volkmannsdorf/Erfurt  Der Jäger kam vor der Morgendämmerung, er drückte sich unter dem Zaun des Gatters hindurch, hetzte die drei Insassen, nahm sich schließlich den Hirsch vor, schnappte immer wieder nach dessen Geweih, das gerade neu wuchs und daher rot durchblutet war.

Züchter Niko Werner zeigt die Stelle des Gatters, wo der Eindringling den Drahtzaun nach oben drückte. Der 37-jährige Forstwirt hält verschiedene Wildarten in Gattern als Hobby. Der mutmaßlich von einem Wolf attackierte Wapitihirsch war erst vor einem Vierteljahr aus dem Nürnberger Zoo abgegeben worden.

Züchter Niko Werner zeigt die Stelle des Gatters, wo der Eindringling den Drahtzaun nach oben drückte. Der 37-jährige Forstwirt hält verschiedene Wildarten in Gattern als Hobby. Der mutmaßlich von einem Wolf attackierte Wapitihirsch war erst vor einem Vierteljahr aus dem Nürnberger Zoo abgegeben worden.

Foto: Jens Voigt

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Der Jäger kam vor der Morgendämmerung, er drückte sich unter dem Zaun des Gatters hindurch, hetzte die drei Insassen, nahm sich schließlich den Hirsch vor, schnappte immer wieder nach dessen Geweih, das gerade neu wuchs und daher rot durchblutet war. Der, in Panik ob der Schmerzen den Zaun entlang rasend, warf sich schließlich mit all seiner Kraft und 500 Kilogramm Lebendgewicht in eine Ecke des Gatters, um zu entkommen. Blieb indes mit den Geweihstümpfen hängen, schwer verletzt am Hals durch Stiche, die ihm offenbar lose Drähte des Zauns zufügten. Einer Hirschkuh, wohl ebenfalls in Panik, gelingt die Flucht durch den gesprengten Zaun. Eine andere versteckt sich in einer Kuhle am anderen Ende des Gatters.

Da war es etwa 6.30 Uhr am Dienstagmorgen, und Nico Werner hatte eine schwere Entscheidung zu treffen. „Normalerweise, wenn nur das Gehörn verletzt wäre, würde man es vom Tierarzt unter Betäubung einkürzen und versorgen lassen, denn der Hirsch könnte sich wieder erholen“, erklärt der Züchter, während er immer noch Geweihteile am Zaun des Gatters entdeckt. Doch in diesem Fall waren die Verletzungen zu schwer: Ein Ansatz des Geweihs mit einem Stück Kopf abgerissen, dazu die tiefen Stiche im Hals. „Ich habe ihn erlöst“, sagt Werner und schaut ein paar Augenblicke stumm auf den mächtigen Körper des Wapitihirschs, dessen Kopf mit den gebrochenen Augen über den Rand des Jeep-Anhängers ragt.

Der 37-Jährige ist überzeugt, dass ein Wolf der Übeltäter war. Er habe ihn am Vortag bereits gesehen, unweit des Gatters an der Waldkante. „Das war kein Hund“, sagt Werner. Auch andere Anwohner in Volkmannsdorf und Umgebung, Jäger und Landwirte hätten von solchen Sichtungen erzählt. Erst kürzlich hat sich der Züchter, der neben den aus Nordamerika stammenden Wapitis auch Rot- und Damwild sowie zwei Mufflons hält, einen Kangal besorgt. Der türkische Herdenschutzhund gilt als absolut furchtloser Kämpfer gegen alles, was Nutztieren gefährlich werden könnte. „Ich wollte sicherstellen, dass nichts ins Gatter eindringt“, erklärt Werner. Denn nicht nur der Wolf schleiche mutmaßlich über die Saalfelder Höhe, sondern bestätigtermaßen auch der Luchs. Könnte es vielleicht diesmal auch diese Raubkatze gewesen sein? „Nein, dann wären die Wunden andere“, sagt Werner. Er weiß, wie so etwas aussieht – vor acht Jahren hat er selbst ein Rinderkalb an einen Luchs verloren.

Das Gatter der Wapitihirsche misst rund 100 mal 60 Meter, umgeben von einem gut zwei Meter hohen Zaun aus stabilem Stahldraht, befestigt an dicken Stahlträgern, die einbetoniert sind. Gebaut eigentlich, um Tiere am Entweichen zu hindern.

Welche Angst den Hirsch trieb, lässt sich nur ahnen

„Ich hätte nicht gedacht, dass es auch ums Eindringen gehen könnte“, meint der Züchter. Man könne nur erahnen, welche Angst die Hirsche trieb, sagt Werner und tippt an einen der Stahlträger, der von den panischen Tieren samt Betonfuß zur Seite gedrückt wurde.

Zwischen umgerechnet 15000 und 20 000 Euro zahlen Jäger, die in den USA oder Kanada einen erwachsenen Wapitihirsch erlegen wollen. Für den Volkmannsdorfer Forstwirt bedeutet der Verlust seines einzigen männlichen Tieres aber mehr – nämlich auf absehbare Zeit keinen Nachwuchs von den sechs Wapiti-Kühen. Ersatz sei kaum zügig zu beschaffen, erklärt Werner, denn außer ihm gebe es in Deutschland nur noch einen weiteren Züchter. Zumal sich der Schaden noch ausweiten könnte. Anders als Rot- oder Damwild vertragen Wapitis kein Kraft- oder anderes Lagerfutter, sondern ernähren sich ausschließlich von frischem Grün. Sollte also der Angreifer von der Nacht zum Dienstag wiederkehren und die Hirschkühe aus Panik das Fressen im Freien verweigern, wäre ihr Ende wohl absehbar.

Umso mehr fühlt sich Werner von den Behörden verschaukelt. Von der unteren Jagd- erst an die untere Naturschutzbehörde im Landratsamt verwiesen, sei ihm dort gesagt worden, ein Wolfsriss-Nachweis per DNA sei nicht mehr möglich, weil er den Hirschkadaver vom Gatter in die Scheune verlagert habe. Und bestimmt sei es kein Wolf gewesen, die kämen in der Region ja nicht vor. Und selbst wenn, so erhalte Werner wohl keine Entschädigung, denn die gebe es nur bei Rissen in Thüringens einzigem Wolfsgebiet im 30-Kilometer-Umkreis von Ohrdruf. Von letzterer Behauptung ruderte die Behörde dann am späteren Nachmittag zurück, offenbar nach Korrekturen aus dem Landesverwaltungsamt.

Denn richtig ist, so bestätigt es OTZ auch ein Sprecher des Naturschutzministeriums in Erfurt, dass es Entschädigungen gibt in jedem Fall gibt, wenn ein Riss durch einen Wolf nachgewiesen wird. Ob das allerdings noch am Kadaver des Wapitis gelingen kann, bezweifelt Uwe Müller, der für die TLUG als Rissgutachter arbeitet. Wenn schon mehr als 24 Stunden seit dem Verenden verstrichen seien und die Verwesung bereits einsetze, sei der DNA-Nachweis kaum noch möglich.

Müller hat nach der Schilderung der Umstände des Volkmannsdorfer Falles allerdings Zweifel, dass ein Wolf agierte. Bisse nur ins Geweih seien für das Raubtier „untypisch“, desgleichen zweifelhaft die Annahme, ein einzelner Wolf attackiere einen so mächtigen Gegner wie einen ausgewachsenen Wapitihirsch. Er tippe eher auf einen verwilderten Hund als Übeltäter, sagt Müller, will sich aber gern Gewissheit verschaffen. Werner solle bitte möglichst schnell mit ihm in Kontakt treten. Der jedenfalls will sich nicht einfach abspeisen lassen von den Behörden. Er werde einen Rechtsanwalt konsultieren, um eine Entschädigung durchzusetzen, erklärt der Züchter.

Die allerdings auch nicht helfen wird gegen die Traurigkeit seiner zwei Kinder, die es liebten, den riesigen und überhaupt nicht scheuen Hirsch zu streicheln, der vor drei Monaten aus dem Nürnberger Zoo zu ihnen gekommen war und dem sie einen Namen gegeben hatten: „Manfred“.

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