Was vom Schaf übrig blieb: Wolf erobert sich in Thüringen Lebensraum zurück

Erfurt  „Der Wolf ist zurück - darauf müssen wir uns einstellen“, sagt Schäfer Michael Meister. In seiner Äußerung klingt Ratlosigkeit mit. Dass sich Isegrim so rasch seinen Lebensraum zurück erobern würde, das hätte der 51-Jährige nicht für möglich gehalten.

Die Wolfin bei Mühlberg hat ein sauber abgefressenes Tier auf der Weide hinterlassen.

Die Wolfin bei Mühlberg hat ein sauber abgefressenes Tier auf der Weide hinterlassen.

Foto: Sascha Fromm

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In der ersten Nacht waren es sechs Schafe. Sie lagen mit durchgebissenen Kehlen auf der Weide nahe Mühlberg. Verstreute Fell-Fetzen, auch Pansen und Gedärme. Eines der Tiere war säuberlich bis auf die Knochen abgenagt. Der Stromzaun, der den Schafen Schutz bieten sollte, war einfach niedergetrampelt. Wahrscheinlich von der verängstigten Herde.

Bereits am nächsten Tag war der Räuber wieder auf Beutezug - und wieder verendeten drei Tiere jämmerlich. „Der Wolf ist zurück - darauf müssen wir uns einstellen“, sagt Michael Meister. In seiner Äußerung klingt Ratlosigkeit mit.

Meister ist Schäfer. Aus Überzeugung und Leidenschaft, wie er sagt. Seit 2004 zieht er mit seiner Herde über die Wiesen und Felder der Gemarkung Drei Gleichen, bei Wind und Wetter. Schon von Weitem ist das Blöken zu vernehmen. Rund 1300 Tiere, robuste Merinolandschafe und ein paar Ziegen, muss Meister dabei ständig im Blick haben. Ein Pfiff, ein kräftiger Ruf - und schon rast Hütehündin Kira los, um einige wollene Ausreißer zurückzutreiben.

Es hat eine Zeit gegeben, da hat Michael Meister die Rückkehr der Wölfe ganz entspannt gesehen. Schließlich ist er ein Naturfreund. „Der Wolf ist ja scheu“, dachte ich damals, „da wird schon nicht viel passieren bei den paar Tieren“. Dass sich Isegrim aber so rasch seinen Lebensraum zurück erobern würde, das hätte der 51-Jährige nicht für möglich gehalten.

Funkelnde Augen in der Dunkelheit

Thüringen hat möglicherweise ein größeres Wolfsproblem als bislang angenommen. Denn die Übergriffe auf Tierherden im Umfeld des Truppenübungsplatzes Ohrdruf häufen sich. Espenfeld, Schwabhausen, Bittstädt - zählt man die Meldungen der letzten Wochen zusammen, dann kommt man bereits auf über 60 gerissene Schafe und Ziegen. „Ein einzelner Wolf tötet nicht derart viele Tiere in so kurzer Zeit“, ist Meister überzeugt. Offiziell aber gibt es in Thüringen bislang nur eine Wölfin.

Die Angriffe in Mühlberg passierten stets in der Nacht oder den frühen Morgenstunden: „Zuerst wurden dem Schaf die Hinterläufe weggerissen, damit es nicht fliehen kann“, erklärt Meister. Erst dann habe der Wolf mit seinem kräftigen Maul die Kehle zugedrückt. Da bei einem der jüngsten Risse mehr als zwei Schafe nahezu komplett aufgefressen wurden, deutet einiges darauf hin, dass inzwischen mehr Wölfe in der Region leben könnten.

Ein externer Rissgutachter hat die Übergriffe durch Canis lupus bereits offiziell bestätigt. Jetzt wartet Schäfer Michael Meister noch auf die abschließenden Ergebnisse des DNA-Tests. „Erst dann wird auch die Entschädigung gezahlt“, erklärt er. Diese soll bei rund 150 Euro pro Tier liegen.

Wolf lässt sich von 90 Zentimeter hohem Schutzzaun nicht mehr abhalten

Die CDU-Fraktion hat sich bereits auf den Wolf eingeschossen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der agrarpolitische Sprecher Egon Primas erklärte, seine Fraktion fordere von der Landesregierung eine Wolfsverordnung, die auch eine sogenannte Schutzjagd vorsehe. Nur diese könnte der Vertreibung von Wölfen dienen - und Nutztieren wie auch Menschen schützen.

Sicherheit und Schutz ist auch das große Thema von Michael Meister. Denn es scheint, als ob sich Isegrim von einem 90 Zentimeter hohen Schutzzaun nicht mehr abhalten lässt. Deshalb hat der Schäfer bereits drei Nächte hintereinander bei seiner Herde gewacht. „Die Tiere waren ungewöhnlich unruhig - aber mehr als ein paar funkelnde Augen habe ich nicht gesehen“, erklärt er.

Eine Frage beschäftigt derzeit alle - Tierschützer, Landwirte, Politiker: Wie lange hält sich der Wolf von den Dörfern fern? Und was passiert, wenn immer mehr Tiere nach Thüringen kommen? Keiner scheint darauf eine befriedigende Antwort zu haben. Also bleibt es bei hochemotionalen Diskussionen.

Der Naturschutzbund Thüringen warnt vorsichtshalber schon mal vor Stimmungsmache. Bislang gebe es keinen einzigen Fall, in dem sich ein freilebender Wolf gegenüber Menschen aggressiv verhalten hätte. Schon gar nicht in Thüringen mit bislang nur einer amtlich nachgewiesenen Wölfin. „Wer mit solchen Argumenten in der Öffentlichkeit hausieren geht, schürt den Hass gegen den Wolf in der Bevölkerung“, sagt Martin Schmidt, der stellvertretende Landesvorsitzende des Nabu.

Vor allem mehr Hirtenhunde und bessere Zäune, mindestens 1,20 Meter hoch, sollen die Herden der Bauern und Schäfer künftig schützen.

Meister kennt all diese Forderungen - und hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Denn die Vorschläge bedeuten für den Schäfer, der den Zaun jeden Tag auf- und abbauen muss, eine deutliche Mehrarbeit. Und natürlich steigende Kosten. „Hinzu kommt die Anschaffung und Haltung der Hunde“, erklärt Meister weiter. Die Preise für Herdenschutzhunde sind in der letzten Zeit bereits sprunghaft gestiegen. Ein ausgebildetes Tier kostet bis zu 5000 Euro.

Also bleibt doch nur der Abschuss als letztes Mittel? Auch dazu hat Meister einen klaren Standpunkt: „Das ist sicher keine Lösung - andere Tiere werden nachkommen“, erklärt er.

Für ihn steht aber auch fest, der Truppenübungsplatz, auf dem sich die Wölfin wohl zu fühlen scheint, ist mit knapp 5000 Hektar für ein Rudel zu klein. Deshalb sei es wichtiger, dass man den oder die Wölfe in dem Gebiet jetzt vergrämt. Bedeutet: Bei dem Tier muss durch geeignete Maßnahmen ein Lerneffekt einsetzen, dass die Nähe von Menschen unangenehm ist. „Voraussetzung dafür muss die Politik schaffen.“

Es wird Zeit. Michael Meister muss weiter. Seine Tiere sind die Stars in der Landschaftspflege, sie sollen die Flächen von störendem Bewuchs befreien, damit sich die ursprüngliche Pflanzenwelt wieder entfalten kann. Ein kurzer Pfiff, dann bringt Hütehund Kira die Herde in Bewegung. Noch in der Ferne hört man das Blöken der Schafe.

120.000 Schafe in Thüringen

  • In Thüringen arbeiten derzeit etwa 150 Schäfer im Haupterwerb mit einem Tierbestand von 250 bis rund 3000 Mutterschafen.
  • Insgesamt gibt es in Thüringen 120.000 Schafe, im Jahre 2000 waren es noch 244.000 Tiere.
  • Im Freistaat werden vorwiegend Merinolandschafe, Merinolangwollschafe, Schwarzköpfige Fleischschafe, Suffolk und Charollais-Schafe gehalten.
  • Das Auftreten des Wolfes erfordert eine noch höhere Arbeitsbelastung der Halter durch einen aufwendigeren Herdenschutz.
  • Entschädigt wird nach einem Wolfsbiss zu 75 Prozent der Wert der gerissenen Tiere sowie Präventionsmaßnahmen. Der Rest ist Eigenanteil.
  • Nach einem Wolfsangriff entstehende Folgekosten, wie etwa durch Stress verursachte Lämmerverluste.

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