Brieffreund von Zschäpe gehörte zu gewalttätiger Nazi-Bande

Erfurt. Manche Dinge fügen sich auf so absonderliche Art, dass man an Zufälle nicht mehr glauben mag. Zum Beispiel in Dortmund: Mitte des vergangenen Jahrzehnts trifft sich die gewalttätige rechtsextreme Szene vor allem in zwei Kneipen. Es sind der "Deutsche Hof" - und der "Thüringer Hof".

Dieser Stein hält in Dortmund das Gedenken an Mehmet Kubasik wach. Foto: Bernd Thissen

Dieser Stein hält in Dortmund das Gedenken an Mehmet Kubasik wach. Foto: Bernd Thissen

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Die Adresse des "Thüringer Hofes" lautet Mallinckrodtstr. 180. Nur ein paar Häuser weiter, in der Nummer 190, besitzt Mehmet Kubasik seinen Kiosk. Der Kurde ist 1991 aus der Türkei eingewandert und verkauft Lebensmittel und alles, was man so benötigt.

Am Mittag des 4. April 2006 betreten zwei Männer den Kiosk. Sie schießen drei Mal mit ihrer Ceska-Pistole, zwei Kugeln treffen Kubasik in den Kopf. Es ist der siebte Mord des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), die mutmaßlichen Täter sind Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Zu den Neonazis, die sich in jener Zeit in der Nachbarschaft des Tatorts treffen, gehört auch Robin S. Er wird sieben Jahre später einen Brief an Beate Zschäpe schicken, den sie mit einem 26-seitigen Schreiben beantwortet, das nun im Münchner Strafverfahren gegen den NSU in München verlesen werden dürfte. Auch S. selbst könnte als Zeuge geladen werden.

Die Gründe dafür liegen in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts begründet. Damals gehörte S. einer sogenannten Combat-18-Zelle an, die den bewaffneten Kampf für die rechtsextreme "Blood & Honour"-Bewegung ("Blut und Ehre") durchführen soll. Das sagten ehemalige Mitglieder der Zelle unserer Zeitung.

Terrorismus als Vorstufe zum Genozid

Combat heißt Kampf, die Zahlen 1 und 8 stehen für die Initialen Adolf Hitlers. Die C-18, wie sie verkürzt heißt, operiert gemäß der Rassenkampf-Ideologie, die unter anderem in dem Roman "Die Turner-Tagebücher" propagiert wird. Kleine, unabhängige Zellen sollen mit Morden und Anschlägen alle Nicht-Weißen töten oder zumindest vertreiben. Der Terrorismus ist nur eine Vorstufe zum globalen Genozid.

Nicht nur der Siegener Soziologe Christoph Busch sieht die Turner-Tagebücher als ideologische Basis des NSU - und der Dortmunder Gruppe, die sich im Umfeld mehrerer Neonazi-Bands bildet.

Als ihr Anführer gilt Marco G., Mitglieder sind Micha L., Sebastian S., Stephan G., Robin S., der damals erst Anfang 20 ist.

Die Gruppe besitz Pistolen, angeblich mehrere Pumpguns und eine Maschinenpistole. "Blood & Honour" veranstaltet etliche Konzerte, um Geld für mehr aufzutreiben.

Doch dann, im Frühjahr 2006, fast parallel zum Mord an Kubasik, zerfällt die Gruppe. Es gibt persönliche Rivalitäten. Die Anschlagspläne werden aufgegeben. Wieder so ein Zufall. Ein Jahr später kommt S. ins Gefängnis. Er hat im Februar 2007 einen Plus-Supermarkt in Dortmund überfallen. Als sich ihm ein Kunde in den Weg stellt, schießt er auf ihn. Ein Schuss trifft Mustafa R. in die Lunge. Der 59-jährige Tunesier entgeht nur knapp dem Tod.

Später, vor Gericht, stellt Robin S. die Herkunft des Opfers als Zufall dar, auch wenn er in einem Brief, den er aus dem Gefängnis schreibt, den Mann als "Eselstreiber" bezeichnet. Der Richter glaubt dem Angeklagten und verurteilt ihn wegen räuberischer Erpressung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu acht Jahren Haft.

Doch zuvor wird, Zufall oder nicht, während der Verhandlung noch ein Geheimdienst-Skandal publik. Denn der Mann, der S. zu dem Überfall angestiftet haben soll, ist Sebastian S., ein Mitglied der C-18-Gruppe - und, wie sich herausstellt, Mitarbeiter des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Verfassungsschutz.

Seither sitzt Robin S. ein, zuletzt befand er sich in der Justizvollzugsanstalt in Bielefeld im offenen Vollzug. Die Sympathie der Szene ist ihm gewiss. "Vom VS-Agenten Sebastian S. wurde Robin, durch das Vorhalten einer Waffe, gezwungen, einen Raub zu begehen", heißt es auf der Internet-Seite der rechtsex-tremen "Aktionsgruppe Rheinland" in der Rubrik "Solidarität mit unseren Gefangenen". Die Aufforderung: "Schreibt den Inhaftierten."

Wer auch immer wen aufgefordert hatte - fest steht, dass sich Beate Zschäpe und Robin S. in diesem Frühjahr schrieben. "Der außergewöhnliche Briefverkehr kann Anhaltspunkte dafür geben, dass bereits ein vorangehendes Kennverhältnis bestanden haben könnte", teilt das nordrhein-westfälische Innenministerium der Generalbundesanwaltschaft am 30. April in einem Schreiben mit.

Alles andere wäre wohl, genau: ein ziemlich großer Zufall.

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