Chronik: Tagebuch des NSU-Prozesses in München (Teil 9)

München. Eine junge Ärztin erzählt vor Gericht, wie sie sich nach dem Sprengstoffanschlag trotz schwerer Verbrennungen wieder ins Leben zurück gekämpft hat.

 Polizeibeamte kehren nach dem Bombenanschlag auf ein Lebensmittelgeschäft am 19. Januar 2001 in der Kölner Probsteigasse die herumliegende Scherben zusammen. Nichts deutete von außen darauf hin, dass der Laden von einer aus dem Iran stammenden Familie betrieben wurde. Foto: Henning Kaiser/dpa

Foto: zgt

Anfang Mai des Vorjahres begann vor dem Oberlandesgericht (OLG) in München einer der größten Prozesse gegen Neonazis in Deutschland. Der rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) werden schwere Verbrechen vorgeworfen. Der Staatsschutzsenat soll unter anderem über zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge, 15 Raubüberfälle sowie eine besonders schwere Brandstiftung urteilen. Eine der Fragen im Prozess ist, ob die untergetauchten Neonazis aus Jena mit dem NSU unbemerkt eine Terrorzelle gebildet haben. Neben der 39-jährigen Hauptangeklagten Beate Zschäpe, der Mittäterschaft bei zehn Morden sowie die Bildung einer terroristischen Vereinigung und besonders schwere Brandstiftung vorgeworfen wird, sind Ralf Wohlleben (39) und Carsten S. (34) wegen Beihilfe zu neun Morden angeklagt. Holger G. (40) wirft die Bundesanwaltschaft in drei Fällen Unterstützung des NSU vor. André E. (34) wird der Beihilfe zum versuchten Mord und zu einem Sprengstoffanschlag beschuldigt.

112. Verhandlungstag: 19. Mai 2014

"Böhnhardt wäre auch bereit gewesen, Waffen gegen Ausländer einzusetzen. Das denke ich nicht erst seit heute, das war bereits damals die Meinung über ihn." Der 38-jährige Jürgen H. druckste lange herum, bis er sich so deutlich vor Gericht äußert. Der Mann aus der rechtsextremen Szene in Jena war mit dem Angeklagten Ralf Wohlleben befreundet und ein früherer Kumpel von Uwe Bönhardt.

Nach der Flucht von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Januar 1998 aus Jena hielt unter anderem er Kontakt zu den Untergetauchten und organisierte Kurierfahrten.

Ende 1999 interessierte sich dann während seines Wehrdienstes auch der Militärische Abschirmdienst (MAD) für ihn. Den Beamten will der Zeuge damals erzählt haben, dass er das flüchtige Trio weiter unterstützten würde und er stellte diese laut MAD-Protokoll damals auf einer "Stufe mit Rechtsterroristen", die eine "Veränderung des Staats herbeiführen" wollten. Er habe das damals "aus Trotz" gesagt, erklärte sich der Zeuge, als Richter Manfred Götzl ihm diese Aussagen vorhält.

Ob Jürgen H. 1998 in Jena einem ihm Unbekannten bei einem Treffen im Auftrag von Böhnhardt womöglich eine Pistole in einem Beutel übergab, ließ sich an diesem Tag vor Gericht nicht klären. Der Zeuge soll einen Beutel mit etwas "Festem" darin von Wohlleben erhalten haben. Dieser soll ihm aber später die Antwort auf die Frage, ob das eine Waffe war, schuldig geblieben sein.

113. Verhandlungstag: 20. Mai 2014

Ganze sechs Minuten benötigten am 4. November 2011 zwei Bankräuber, um eine Sparkasse in Eisenach fast komplett auszurauben. Die beiden Männer mit Kapuzenjacken und Gesichtsmasken sollen bei ihrem Überfall konsequent und brutal vorgegangen sein. So erinnerten sich vor Gericht zwei der früheren Mitarbeiter der Filiale. Die Beute betrug 71"925 Euro. Laut Anklage waren Mundlos und Böhnhardt die Täter.

Mundlos und Böhnhardt waren sofort tot

Mindestens einer von ihnen war mit einer Pistole bewaffnet.

Am Nachmittag schilderte der 79-jährige Egon S. dem Gericht, wie er der Polizei in Eisenach den entscheidenden Tipp zum Auffinden der Bankräuber gab. Auf dem Rückweg vom Supermarkt waren ihm damals zwei Radfahrer aufgefallen, die ihre Räder in ein Wohnmobil gepackt hatten und mit quietschenden Reifen losgefahren waren. Er konnte der Polizei das "V" als Anfangsbuchstaben des Nummernschildes nennen. Zweieinhalb Stunden später entdeckten Beamte das Wohnmobil in Eisenach-Stregda.

114. Verhandlungstag: 21. Mai 2014

Mundlos und Böhnhardt waren sofort tot. Beide hatten jeweils eine Schussverletzung einer großkalibrigen Waffe am Kopf. Das Gehirn sei regelrecht explodiert, beschreibt Reinhardt Heiderstädt, Rechtsmediziner der Universität Jena die Wirkung des Projektils.

Nach Angaben des Gutachters wurden in den Lungen beider Toter keine Rußpartikel gefunden. Das deutet darauf hin, dass die beiden vor dem Ausbruch des Feuers im Wohnmobil bereits tot waren. Die Kleidung, aber auch die Körper beider Leichen, wiesen dagegen Brandspuren auf.

Unmittelbar nach dem Tod der Männer soll ihr Wohnmobil in Flammen aufgegangen sein.

Die beiden Beamten, die das Wohnmobil als erste entdeckt hatten, schilderten, dass erst ein und gleich darauf noch ein zweiter Schuss gefallen sein, als sie sich zu Fuß dem Wohnmobil näherten. Als sie in Deckung gingen, hörten sie noch einen dritten Schuss und kurz darauf brach das Feuer im Wohnmobil aus.

Kurz vor dem Mittag sorgte im Gericht die Kleidung des Angeklagten André E. für einen kurzen Eklat. Auf seinem Kapuzenshirt war eine vermummte Gestalt zu erkennen, die zwei Schusswaffen in die Höhe reckt. Die Anklage wirft ihm unter anderem Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor.

Nachdem der Aufdruck fotografiert worden war, durfte er das Kapuzenshirt während der Verhandlung weiter anbehalten.

115. Verhandlungstag: 26. Mai 2014

Mit einer Handfessel am rechten Arm wird Andreas R. in den Gerichtssaal geführt. Der 57-Jährige sitzt seit 2006 eine elfjährige Haftstrafe ab. Als Mitglied der sogenannten Schlapphut-Bande war er an mehreren Banküberfällen beteiligt.

Zum Zeugen im NSU-Prozess macht ihn eine Aussage von Krysztof S., einem früheren Bandenmitglied. Der in einem polnischen Gefängnis sitzende Schwerkriminelle hatte 2012 deutschen Ermittlern mitgeteilt, er kenne Ralf Wohlleben.

Es sei Wohlleben gewesen, mit dem er damals über das Knacken von Wegfahrsperren bei Autos gesprochen habe. Wohlleben soll ihm für ein Gerät zum Ausschalten dieser Sperren eine Pistole gegeben haben.

Der 59-Jährige Häftling erinnerte sich kaum an Details. Er sprach von einer "Mauschelei" von Krysztof S., bei der es auch um das Überbrücken von Wegfahrsperren gegangen sein könnte.

27. Mai 2014

Dieser Verhandlungstag fiel kurzfristig wegen Erkrankung eines Zeugens aus.

116. Verhandlungstag: 28. Mai 2014

Der wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagte Wohlleben soll wieder auf freien Fuß kommen. Das fordern seine Verteidiger. Sie stellten einen entsprechenden Antrag, weil für den Beihilfevorwurf aus Sicht der beiden Anwälte bisher keine Beweise erbracht wurden.

Bewegende Aussage des Anschlagopfers

Die Auswertung des Handys vom Angeklagten André E. ergab, dass nur wenige Minuten, nachdem Beate Zschäpe die gemeinsame Wohnung mit Mundlos und Böhnhardt in Zwickau in Brand gesteckt haben soll, vier Anrufe eingegangen waren. Diese sollen alle von Zschäpe stammen. Der Inhalt der Gespräche ist nicht bekannt.

Die Nachfrage von Nebenklageanwalt Sebastian Scharmer an einen BKA-Experten, ob dieser etwas darüber wisse, ob André E. eine Vertrauensperson des Bundeskriminalamtes gewesen sei, verneint dieser. Das wisse er nicht, so der Zeuge.

117. Verhandlungstag: 3. Juni 2014

Der mögliche NSU-Sprengsatz in der Kölner Probsteigasse hätte töten können - wenn jemand von Schrapnellen getroffen worden wäre. Das erklärt ein Sprengstoffexperte vom LKA in Düsseldorf vor Gericht.

Warum die Polizei damals keine Mordkommission gebildet hat, konnte der Beamte nicht sagen. Für die Ermittlungen sei das Polizeipräsidium Köln zuständig gewesen.

Bei der Explosion am 19. Januar 2001 wurde eine 19-jährige Gymnasiastin iranischer Herkunft mit deutschem Pass schwer im Gesicht verbrannt.

Der Sprengsatz lag in einer Christstollendose. Diese hatte ein Mann wenige Tage vor Weihnachten 2000 in dem Geschäft samt eines Geschenkkorbs hinterlassen. Der mutmaßliche Attentäter gab damals an, sein Geld vergessen zu haben und wollte den Geschenkkorb kurz darauf abholen und seine Einkäufe bezahlen.

Der LKA-Experte geht von einem Abreißzünder in der Dose aus, der beim Öffnen ausgelöst hat. Eine am Tatort gefundene Nylonschnur deute darauf hin.

Die Ermittlungen endeten bereits nach sechs Monaten. Fünf Jahre später verfügte die Staatsanwaltschaft Köln das Vernichten der Asservate. Laut Anklage soll damals entweder Mundlos oder Böhnhardt den Sprengsatz in das Geschäft gebracht haben.

118. Verhandlungstag: 4. Juni 2014

Mit einem emotional bewegenden Auftritt schilderte das Anschlagsopfer seinen Weg zurück ins Leben. Die heute 32-jährige Ärztin erlitt schwerste Verletzungen. Anderthalb Monate lag die 19-jährige Gymnasiastin im künstlichen Koma. Ihr Gesicht war von Verbrennungen entstellt. Noch heute stecken Holzsplitter im Bereich ihres Kiefers.

"Ich bin ein Muster an Integration", betont die Deutsche iranischer Abstammung selbstbewusst. "Ich habe die Schule besucht, das Abitur gemacht. Wenn man Leute wie mich bekämpft, was soll ich dann noch hier?" Diese Gedanken seien ihr gekommen. Doch sofort folgt mit ruhiger Stimme ihre Frage: "Was war die Absicht? Ich habe mir hier alles aufgebaut. Ich bin hier zu Hause. Jetzt erst recht. So leicht lasse ich mich nicht aus Deutschland rausjagen."

Wie perfide der Sprengsatz geplant war, wird erst mit der Schilderung der jungen Frau so richtig deutlich. Aus Neugier habe sie kurz in die Geschenkdose geschaut, erzählt sie. Bei dieser Beschreibung entsteht das Bild eines Mädchens, das irgendwann nicht mehr widerstehen kann. Wen wollten die Attentäter treffen, die kurz vor Weihnachten im Jahr 2000 den Geschenkkorb mit der Christstollendose in dem kleinen Laden hinterlassen hatten?

Die Zeugin beachtet Zschäpe nicht. Auf die Eingangsfrage des Richters, ob sie mit den Angeklagten verwandt oder verschwägert sei, kommt ein abfälliges "nein". Die junge Frau hat sich ins Leben zurück gekämpft. Zschäpe schweigt seit zweieinhalb Jahren, statt bei der Aufklärung der Verbrechen zu helfen.

119. Verhandlungstag: 5. Juni 2014

Mundlos und Böhnhardt sind von zwei Zeugen nicht als Bombenleger für die Kölner Probsteigasse wiedererkannt worden. Sowohl der Vater wie auch die Schwester der schwer verletzen Gymnasiasten schlossen im Gericht aus, dass einer der beiden inzwischen Verstorbenen damals den Korb mit dem Sprengsatz im Lebensmittelladen hinterlassen hat.

Statt der beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen verwies der Vater beim Betrachten von Phantombildern auf eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Angeklagten Holger G. Auch bei mehreren Polizeifotos bemerkte der Zeuge, dass das Bild von Holger G. eine gewisse Ähnlichkeit mit dem damaligen Mann habe, besonders bei der Statur. Seine jüngere Tochter schloss diese Möglichkeit ebenfalls nicht aus, machte aber deutlich, sich nicht sicher zu sein.

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