Ehemaliges Stasi-Gefängnis Bautzen war großflächig verwanzt

Ein Akustik-Spezialist vom Fraunhofer Institut für Digitale Medientechnologie in Ilmenau untersucht die Abhörtechnik der Sonderhaftanstalt Bautzen II. Zunächst fahndete er im einstigen Isolationstrakt nach versteckten Mikrofonen - und wurde fündig.

Der Akustikspezialist Dr. Daniel Beer vom Fraunhofer IDMT in Ilmenau. Foto: TA-Archiv

Der Akustikspezialist Dr. Daniel Beer vom Fraunhofer IDMT in Ilmenau. Foto: TA-Archiv

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Die Arbeit als Akustik-Spezialist am Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT in Ilmenau ist für den 35-jährigen Dr. Daniel Beer alles andere als eintönig. Er entwickelt zum Beispiel Lautsprecher, testet Audioanlagen oder erstellt Gutachten zu Lärmbelastungen. Vor wenigen Wochen kam eine ungewöhnliche Beschäftigung hinzu - die als Wanzenjäger im einstigen Stasi-Knast von Bautzen.

Heute ist die ehemalige Sonderhaftanstalt Bautzen II, in der zwischen 1956 und 1989 politische Gefangene inhaftiert waren, eine Gedenkstätte. Doch sind die Forschungen am Gebäude längst nicht abgeschlossen. Insbesondere interessiert die Gedenkstätte die von der Stasi illegal verwendete Abhörtechnik. "Wir möchten klären, was mit der Technik möglich war", sagt Cornelia Liebold von der Gedenkstätte.

Bereits vor einigen Jahren wurden in Zellen mit Mehrfachbelegung unter dem Putz versteckte Wanzen entdeckt. Auch die anstaltseigene Rundfunkanlage könnte zum Abhören genutzt worden sein. Doch für ein genaues Urteil wurde ein Fachmann benötigt, der zugleich herausfinden sollte, ob im gesamten ehemaligen Stasi-Gefängnis Bautzen II Wanzen installiert worden waren - ein Fall für Beer und sein Team vom Fraunhofer IDMT.

Auf die Suche nach den Mikrofonen im Isolationstrakt - einer Art Gefängnis im Gefängnis - begab sich Beer wie ein Detektiv, der zuerst Zeugen befragt, bevor er den Tatort besichtigt. Statt Zeugen standen ihm Stasi-Unterlagen zur Verfügung. Allerdings war die in den Unterlagen verwendete Sprache teilweise schwer zu verstehen.

Beer arbeitete sich durch unsortierte Zeichnungen, Skizzen und Kabelpläne und versuchte, aus den verstreuten Angaben über die Mikrofone verwertbare Orientierungshilfen zu ermitteln. Auch die von der Stasi im Übermaß verwendeten Abkürzungen musste er erst mühsam enträtseln. Als er nach Bautzen reiste, war er sich daher nicht sicher, was er in der Gedenkstätte finden würde.

Mit der Errichtung des Isolationstraktes wollte die Stasi Ende der 70er Jahre durch zusätzliche Abschottungs- und Sicherheitsmaßnahmen ein Gefängnis im Gefängnis errichten, um unerwünschte Kontakte der Häftlinge untereinander und zur Außenwelt zu unterbinden. Denn dem Häftling Rudolf Bahro (1935 bis 1997), als einstiger SED-Musterschüler und späterer kritischer Autor besonders prominent, war es 1978 gelungen, Briefe aus dem Gefängnis in den Westen zu schmuggeln.

Bedeutende Gefangene in Einzelhaft wie Bahro, der schließlich nach internationalen Protesten 1979 freigelassen wurde, sollten künftig noch stärker überwacht werden. Dass Wanzen in den Zellen installiert wurden, erschien bei diesem Hintergrund wahrscheinlich.

Zeitzeugenaussagen wie die von Bodo Strehlow, der 1979 wegen eines Fluchtversuchs mit einem Patrouillenboot zu lebenslanger Haft verurteilt worden war und ebenfalls im Isolationstrakt einsaß, unterstützten die These, dass die Zellen abgehört wurden. Strehlow wurde im Dezember 1989 entlassen.

Um die Mikrofone zu finden, griff Daniel Beer auf einen Metalldetektor zurück. "Beim zweiten Durchgang schlug er an", erinnert sich der Akustikspezialist. Die Fahnder lösten die Scheuerleiste, kratzten die Latexfarbe ab und fanden so die über dem Fußboden in die Wand eingegipste Wanze. Sie sah aus wie eine winzige Brotbüchse aus Metall, eingepackt in Plastik. Die Rückseite zeigte die Prägung "Made in Germany". Von der Seite führten Kabel in die Wand.

Weil zusätzliche Elektronik zur Signalaufbereitung und Weiterleitung fehle, handele es sich nicht um eine Wanze im eigentlichen Sinn, erläutert Beer: "Es ist ein einfaches Miniaturmikrofon, wie es damals auch in Hörgeräten verwendet wurde."

Die Herkunft scheint unsicher. Ein Abgleich mit Mikrofonen aus der Sammlung der Leipziger Gedenkstätte "Runde Ecke" per Internetrecherche deutet an, dass es sich um westdeutsche Massenprodukte der 70er Jahre handeln könnte.

In der nur wenigen Quadratmeter großen Zelle fand Beer noch ein weiteres Mikrofon. Auch in einer zweiten Zelle des Isolationstraktes hatten sich zwei Mikrofone hinter der Scheuerleiste eingenistet. Eine dritte Zelle dient als Ausstellungszelle und wurde daher nicht untersucht.

Die Mikrofone bilden die ersten Glieder einer Indizienkette, mit der sich die systematische Überwachung der Zellen durch die Stasi nachvollziehen lässt. Das zweite folgte: In der Badezelle des Isolationstraktes hackten die Wanzenjäger Steine aus der Wand. Am Boden des Lüftungsschachtes stießen sie auf ein Knäuel aus sechs Kabeln, die zu den Mikrofonen aus den Zellen zu gehören schienen.

Auf dem Dachboden - am oberen Ende desselben Lüftungsschachtes - identifizierten sie zudem ein dickes Kabel, das abgeschnitten war. Beer vermutet, dass die dünneren Mikrofonkabel dort zusammenliefen. Abhör- oder Sendetechnik fanden die Fahnder nicht. "Die gesamte Signalkette ist nach derzeitigem Wissensstand nicht mehr nachweisbar", sagt Beer. Er hält es aber für möglich, dass die Signale im Nachbargebäude, einem inzwischen sanierten Gerichtsbau, ausgewertet wurden.

Über den Sinn von Mikrofonen in Einzelzellen kann nur spekuliert werden. Hinweise auf konkrete Aufnahmen aus den Zellen finden sich weder auf Band noch in erhaltenen Dokumenten. Vielleicht ging es den Überwachern um Geräusche. "Die Stasi wollte zu 100 Prozent wissen, was zu jeder Tages- und Nachtzeit passiert", sagt Liebold.

Was die Mikrofone tatsächlich leisten konnten, ist abschließend noch nicht geklärt. Die Tests und das Gutachten stehen noch aus. Doch wird das Mikrofon hinter Gips und Scheuerleiste möglicherweise nur grobe Signale aufgezeichnet haben. Grundsätzlich verließ sich die Stasi bei der Überwachung vor allem auf das Personal und auf Spitzel unter den Häftlingen.

"Vielleicht", sagt Daniel Beer, "hat die Stasi einfach die Mikrofone geplant, sie eingebaut - und dann ge-guckt, was möglich ist."

Sonderhaftanstalt Bautzen II

"Wer Bautzen hört, der denkt an Knast!" So titelte eine Regionalzeitung im Sommer 1999. Der Name der sächsischen Kleinstadt Bautzen steht im öffentlichen Bewusstsein wie kein anderer für Unrecht und politische Verfolgung in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) und in der DDR.

Im Gebäude des ehemaligen Stasi-Knastes Bautzen II befindet sich heute die Gedenkstätte Bautzen. Hier wird an die Opfer der beiden Bautzener Gefängnisse erinnert.

In den Haftanstalten Bautzen I und II wurden während des Dritten Reiches, der sowjetischen Besatzungszeit und der SED-Diktatur politische Gegner unter unmenschlichen Haftbedingungen gefangen gehalten.

Die ständige Ausstellung, die sich teilweise noch im Aufbau befindet, dokumentiert die Leiden der Opfer und zeigt die politisch-historischen Zusammenhänge auf. Zu besichtigen sind neben den Ausstellungen u. a. die Arrestzellen, der Isolationstrakt und die Freiganghöfe.

Der Ausstellungsteil zum Stasi-Gefängnis (1956 bis 1989) ist in acht thematische Abschnitte unterteilt. Sie dokumentieren die gesamte Geschichte von Bautzen II als Sonderhaftanstalt der Staatssicherheit: von der Verhaftung und Einweisung, vom Alltag der Gefangenen, dem Personal, der Abschirmung der Haftanstalt von der Öffentlichkeit bis hin zur Entlassung der politischen Gefangenen 1989/90.

Neben zahlreichen Exponaten gibt es Ton- und Filmdokumente von Schauprozessen sowie Zeitzeugenschilderungen über die Haft.

Das Fraunhofer IDMT in Ilmenau

Das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT ist eine Einrichtung der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V. (FhG). Das Institut hat seinen Hauptsitz in Ilmenau.

Seine Aktivitäten sind der angewandten Forschung und Entwicklung in den Fächern Ingenieurwissenschaft und Mathematik auf den Gebieten Informatik und Medienwissenschaft zuzuordnen.

Das Schlüsselthema des Fraunhofer IDMT ist die Entwicklung neuer Medientechnologien für professionelle Märkte und für den Unterhaltungssektor.