Erneute Durchsuchung: Kika-Betrugsskandal weitet sich aus

Nur wenige Tage nach dem Urteil gegen den ehemaligen Herstellungsleiter des Kinderkanals werden neue Vorwürfe gegen Marco K. und weitere Mitarbeiter des Senders bekannt. Der zusätzliche Schaden aus mehreren Scheinaufträgen soll bei mindestens einer halben Million Euro liegen.

Der ehemaligen Herstellungsleiter des Kinderkanals Marco K. (im Bild) wurde am Dienstag zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Foto: Sascha Fromm

Der ehemaligen Herstellungsleiter des Kinderkanals Marco K. (im Bild) wurde am Dienstag zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Foto: Sascha Fromm

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Erfurt. Nur wenige Tage nach dem Urteil gegen den ehemaligen Herstellungsleiter des Kinderkanals werden neue Vorwürfe gegen Marko K. und weitere Mitarbeiter des Senders bekannt. Der zusätzliche Schaden soll bei mindestens einer halben Million Euro liegen.

Wie die Staatsanwaltschaft Erfurt am Donnerstag unserer Zeitung bestätigte, wurden erneut Büros des Kinderkanals durchsucht. Die Aktion im Landesfunkhaus des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), in dem auch der Kika untergebracht ist, fand bereits am 21. Juni statt. Hintergrund waren in diesem Fall neue Verdachtsmomente gegen den Herstellungsleiter K. und den freien Sender-Mitarbeiter Ronny D.

Der beim Kinderkanal federführende MDR hatte bereits Mitte Juni den freien Mitarbeiter Daniel H. aus der Kika-Herstellungsleitung entlassen. Auf die gestrige Anfrage unserer Zeitung bei der Leipziger Senderzentrale, ob mit weiteren personellen Konsequenzen zu rechnen sei, reagierte der MDR einige Stunden später mit einer offiziellen Presseerklärung.

Auch "ein zweiter freier Mitarbeiter" sei nach den Untersuchungen verdächtiger Firmen ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten, teilte darin Sprecher Dirk Thärichen mit. Dem MDR sei immer klar gewesen, "dass wir nach dem Prozess gegen den ehemaligen Kika.-Herstellungsleiter nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern in alle Richtungen intern weiter ermitteln werden".

Auf die konkrete Nachfrage unserer Zeitung, ob auch Ronny D. entlassen worden sei, wollte sich Thärichen "mit Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen" nicht äußern.

Insgesamt ermittelt die Staatsanwaltschaft einschließlich K. gegen fünf Mitarbeiter des Senders. Dazu stehen die Geschäftsführer von sieben Produktionsunternehmen unter Verdacht. In den meisten Fällen geht es um Untreue und Bestechlichkeit beziehungsweise um Bestechung. Bei zwei Personen lautet der Verdacht bisher allerdings nur auf Beihilfe.

Erst am Dienstag dieser Woche war Marko K. vom Landgericht Erfurt zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Der 44-Jährige soll von 2005 bis 2010 in 48 Fällen Rechnungen einer Berliner Produktionsfirma über mehr als 4,6 Millionen Euro zur Bezahlung angewiesen haben - ohne dass dafür Leistungen erbracht wurden. Die Hälfte des Geldes kassierte K. laut Geständnis selbst.

Begonnen hatte die Betrugsaffäre im vorigen Jahr, nachdem sich der Geschäftsführer einer in die Scheingeschäfte verwickelten Produktionsfirma selbst angezeigt hatte. Der MDR hatte den entstandenen Schaden in einem internen Prüfbericht auf insgesamt rund 8,2 Millionen Euro beziffert, wovon jedoch ein Teil verjährt war.

Die Thüringer Grünen übten heftige Kritik am MDR. Es stelle sich die Frage, warum die interne Revision diesen Tatbestand nicht erkannt habe und erst die Staatsanwaltschaft direkt tätig wird, sagte der Landtagsabgeordnete Carsten Meyer. Zudem seien die Aufsichtsgremien wie der Rundfunkrat, der Anfang dieser Woche getagt habe, nicht über die Durchsuchung informiert worden.

Die Linke-Fraktion forderte eine Sondersitzung des für Medienpolitik zuständigen Landtagsausschusses. Man verlange umfassende Informationen über die neuen Entwicklungen, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer Andre Blechschmidt.

Die Geschichte des Skandals

  • Im Oktober 2010 werden erste Vorwürfe MDR-intern bekannt, im November informiert das Landeskriminalamt den Sender über die Ermittlungen.
  • 7. Dezember: Die Ermittler durchsuchen Büroräume des Kika in Erfurt und beim MDR in Leipzig. Der Herstellungsleiter Marko K. wird verhaftet.
  • 21. Dezember: Der MDR ändert die Zuständigkeiten und beginnt eine interne Untersuchung.
  • 18. März 2011: Der vorläufige Abschlussbericht der Revisionen von MDR und ZDF liegt vor.
  • April: Weitere Durchsuchungen in Erfurt, Berlin und Baden-Württemberg.
  • 2. Mai: Die Staatsanwaltschaft Erfurt erhebt Anklage gegen K. Der Prozess beginn am 6. Juni.
  • 15. Juni: Der MDR entlässt einen weiteren Kika-Mitarbeiter.
  • 5. Juli: K. wird zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt.

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