Erster Zeuge nach Sommerpause im NSU-Prozess soll über Bombenattrappen aussagen

München. Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sollen am 26. Januar 1998 untergetaucht sein, nachdem die Polizei bei einer Razzia Teile von Rohrbomben und Sprengstoff gefunden hatte. Zwar waren die Sprengkörper nicht funktionsfähig, aber die Drei sollen die Garage genutzt haben, in der die brisanten Gegenstände entdeckt wurden.

Am Donnerstag wird der NSU-Prozess in München fortgesetzt. Archiv-Foto: Peter Kneffel/dpa

Am Donnerstag wird der NSU-Prozess in München fortgesetzt. Archiv-Foto: Peter Kneffel/dpa

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Bereits zuvor hegte die Polizei den Verdacht, dass sich Mitglieder der rechtsextremen "Kameradschaft Jena" schon früher mit dem Bau von Sprengsätzen und Bombenattrappen beschäftigt hatten.

Darüber fertigte ein Ermittler des Thüringer Landeskriminalamtes (LKA) im Oktober 1997 einen zusammenfassenden Vermerk. Der Erste Kriminalhauptkommissar war damals Leiter der "EG Tex" – der "Ermittlungsgruppe: Terrorismus, Extremismus" beim LKA in Erfurt. Für heute ist er als erster Zeuge nach der Sommerpause im Münchner NSU-Prozess geladen, um über damalige Erkenntnisse der Polizei auszusagen.

Mundlos und Böhnhardt werden in dem Vermerk als Stellvertreter an der Spitze der "Kameradschaft Jena" genannt. Der Jenaer Neonazi André K. soll der "Führer" gewesen sein. Mit Zschäpe, Ralf Wohlleben und Holger G. tauchen drei der im Münchner NSU-Prozess Angeklagten als "aktive" Mitglieder der rechtsgerichteten Gruppierung in dem Schriftstück auf.

Und der Ermittler notierte damals, "dass von einer Täterschaft von Böhnhardt, K. und Zschäpe sowie weiteren Mitgliedern der Kameradschaft Jena ausgegangen" werden müsse. Gemeint sind zwei in Jena gefundene Bombenattrappen sowie drei Briefbomben, die 1996 an eine Zeitungsredaktion sowie die Stadtverwaltung und die Polizei geschickt worden waren.

Bereits im Oktober 1996 lag im Jenaer Fußballstadion eine Bombenattrappe. Peinlich war, dass diese bei einer ersten Suche vor einem Fußballspiel offenbar übersehen wurde. Auf der rot gestrichenen Holzkiste prangte ein Hakenkreuz.

1997 fanden spielende Kinder vor dem Theaterhaus in der Innenstadt einen rot bemalten Koffer ebenfalls mit Hakenkreuz. Erst einen Tag später erfuhr die Polizei von dem Fund, da anfänglich eine Kulisse angenommen wurde. Der Koffer enthielt eine nicht zündfähige Sprengvorrichtung. Diesmal alarmierte aber die Ermittler, dass sie in der Attrappe auch einige Gramm des militärischen Sprengstoffs "TNT" fanden.

An Briefen finden sich Speichelrückstände

Der Vermerk nennt mehrere Hinweise, die sich bei der Untersuchung der beiden Attrappen und der Briefbomben auf Böhnhardt, Zschäpe und André K. ergeben hätten. So sollen an einem der Briefe Speichelrückstände entdeckt worden sein. Allerdings reichte der genetische Fingerabdruck nicht für eine eindeutige Zuordnung aus.

Außerdem bezieht sich der Vermerk auch auf die Verurteilung von Uwe Böhnhardt aus dem Jahr 1997 wegen Volksverhetzung. Er hatte an einer Autobahnbrücke bei Jena eine Puppe mit einem Judenstern aufgehängt, die ebenfalls mit Bombenattrappen verbunden war. Die Attrappen spielten in der Verurteilung damals keine Rolle. Allerdings wurde darauf ein Fingerabdruck von ihm gefunden, der Böhnhardt als Täter überführte. Trotz rechtskräftigen Urteils war der Neonazi damals aber nicht ins Gefängnis gekommen, so dass er während der Razzia Ende Januar 1998 mit fliehen konnte.

Da die Anklage im Münchner Prozess der mutmaßlichen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) unter anderem zwei Sprengstoffanschläge, zehn Morde sowie 15 Raubüberfälle vorwirft, interessiert sich das Gericht auch für die hier geschilderte Vorgeschichte der Angeklagten. Vom Erfurter Zeugen werden vor allem Aussagen erwartet, ob und wie weit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt bereits vor ihrem Untertauchen auch mit Sprengsätzen und Bombenattrappen in Verbindung zu bringen sind.

Dass die Terminplanung des Gerichts inzwischen bis Juni 2015 reicht, hat auch mit dem Umstand zu tun, dass genau das Kapitel Bombenbau und -anschlag im Prozess noch kaum eine Rolle spielte. Auch wurde der Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße vom 9. Juni 2004 bisher noch nicht in die Beweisaufnahme eingeführt.

Allein bei der Explosion des mit Zimmermannsnägeln gespickten Sprengsatzes verletzten sich knapp zwei Dutzend Menschen teils schwer. Auch für dieses Verbrechen konnte die Polizei bis zum Enttarnen des selbst ernannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) im November 2011 keine Tatverdächtigen ermitteln.

Doch anders als bei den übrigen, dem NSU zugeschriebenen Anschlägen und Morden, existieren mehrere Stunden sichergestellter Aufzeichnungen zweier Überwachungskameras aus Köln. Auf den Bildern sollen auch die mutmaßlichen Täter zu sehen sein.

Zeugin erkannte Mundlos und Böhnhardt

Die bereits vor Gericht gezeigten Videosequenzen legen den Verdacht nahe, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die Bombenleger gewesen sein könnten. Einer der Verdächtigen ist unter anderem zu sehen, wie er ein Fahrrad mit einer Kiste auf dem Gepäckträger in Richtung Keupstraße schiebt.

Doch so unwissend wie es manchmal scheint, waren die Ermittler nicht. Eine Zeugin, welche zwei Verdächtige kurz vor und kurz nach dem Mord an Ismail Yazar genau ein Jahr später in Nürnberg gesehen hatte, sage damals der Polizei, dass es dieselben Männer gewesen seien, die auf den Videosequenzen aus Köln mit den Fahrrädern zu sehen sind.

Diese Angaben wiederholte die Zeugin im Vorjahr auch im Münchner Schurgerichtssaal. Dort zeigte sich die Frau sicher, dass es diese Männer waren. Zugleich erzählte die Zeugin, dass sich die Polizei von ihrer damalige Aussage nicht überzeugen ließ und ihr zur Vorsicht geraten hatte.

Diese Spur wurde nicht wirklich weiter verfolgt. Andernfalls hätten die Ermittler durchaus Chancen gehabt, zumindest auf Uwe Böhnhardt als möglichen Verdächtigen zu kommen. Er soll damals in Verbindung mit Bombenattrappen und Sprengstoff insgesamt achtmal in einer Datenbank des Bundeskriminalamtes (BKA) gespeichert gewesen sein.

Zu dieser Erkenntnis gelangte bereits der NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag. Die Kölner Ermittler fragten beim BKA damals aber nur Ereignisse ab, die bis zu fünf Jahren zurücklagen. Auch deshalb konnten sie nicht auf Böhnhardt und die anderen beiden aus Jena stammenden Flüchtigen als mögliche Verdächtigen treffen. Denn diese Einträge stammten aus den Jahren 1997 und davor.

Vermerk von 1997 dürfte das Gericht interessieren

Der Vorwurf, dass Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt womöglich vor ihrem Verschwinden am 26. Januar 1998 bereits mit Sprengstoff oder Bombenattrappen zu tun hatten, muss erst noch in den Prozess eingeführt werden. Benannt sind bisher nur die Anschuldigungen, die sich aus der Razzia am Tag ihres Untertauchens ergeben haben.

Ob die Zeit für die Befragung des Ermittlers aus dem Thüringer LKA ausreichen wird, ist zumindest fraglich. Denn der Ermittler trägt auch Mitverantwortung für die Razzia am 26. Januar 1998 in Jena, dem Tag der Flucht von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos. Zudem steht die Frage im Raum, wie die Ermittler überhaupt auf die Garage aufmerksam wurden. Den Akten ist zu entnehmen, dass dem Thüringer Verfassungsschutz bei einer Observation die Garage bekannt wurde.

Weil im Durchsuchungsbeschluss für die Razzia der Verfassungsschutz aber nicht als beteiligte Behörde genannt wird, hatte die Verteidigung von Beate Zschäpe beantragt, die Erkenntnisse aus der Durchsuchung nicht im Prozess zu verwenden, da diese verfassungswidrig zustande gekommen seien. Die Bundesanwaltschaft stimmte der Argumentation der Verteidigung im Prinzip zu, sah darin aber keinen Anlass, die Beweise grundsätzlich infrage zu stellen.

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