Explosion in Zwickauer NSU-Wohnung war Brandstiftung - Nebenkläger sieht Zschäpe schwer belastet

München. Das gleicht schon ein bisschen einer Provokation. Mit diesen Worten geißelte am Mittwoch Richter Manfred Götzl den Schlusssatz einer Erklärung des Kölner Nebenklageanwalts Eberhard Reinecke. Der Anwalt zeigte sich überzeugt, dass für Beate Zschäpe im Fall der Brandstiftung in der Zwickauer Frühlingsstraße am 4. November 2011 nur die Höchststrafe für versuchten Mord, eine lebenslange Freiheitsstrafe, in Frage kommen könne.

Auch Wochen nach der Explosion der letzten Wohnung von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Zwickau suchten Einsatzkräfte der Polizei im November 2011 noch immer nach Spuren und Beweisen. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Auch Wochen nach der Explosion der letzten Wohnung von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Zwickau suchten Einsatzkräfte der Polizei im November 2011 noch immer nach Spuren und Beweisen. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

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Götzl hatte den Anwalt bereits vor dieser Forderung darauf aufmerksam gemacht, dass diesem eine solche Einschätzung im Gerichtssaal derzeit nicht zustehe. Reinecke hatte nach den Ausführungen eines bayerischen Brandgutachters der Hauptangeklagten unter anderem vorgehalten, dass Schweigen nicht immer die beste Taktik sei. Das Gericht müsse in einem solchen Fall nach einer plausiblen Erklärung für die Ereignisse suchen, sei aber nicht verpflichtet, jede denkbare Möglichkeit zu prüfen. Die 39-Jährige verweigert seit Prozessbeginn Anfang Mai des Vorjahres die Aussage.

Der 61-jährige Sachverständigte erklärte am Mittwoch vor Gericht, dass die Explosion und das Feuer in der Zwickauer Frühlingsstraße 26 Brandstiftung gewesen sei. Nach seiner Überzeugung war eine größere Menge Benzin in der Wohnung ausgeschüttet worden. Der Experte lieferte auch eine Erklärung dafür, wie das Feuer entzündet worden sein könnte. Andere Gutachter in diesem Verfahren und die Anklage der Bundesanwaltschaft hatten bisher auf diese Frage keine Antwort gegeben.

Er könne sich zwar nicht zu 100 Prozent festlegen, so der 61-Jährige. Er schloss aber eine Gasexplosion oder Sprengstoff aus. Theoretisch sei auch ein in der Wohnung gefundener Toaster als Auslöser denkbar. Anhand der gefundenen Indizien gehe er aber davon aus, dass der Brand vom Treppenhaus aus gezündet wurde. Dort hatten Feuerwehrleute etwa einen Meter vor der Wohnungseingangstür entfernt auch einen schwarzen Benzinkanister entdeckt.

Der Gutachter hält es für wahrscheinlich, dass mit Benzin auch eine Lunte von der Wohnungstür in die Wohnung vergossen und diese dann entzündet wurde. Ein Täter hätte so gute Chancen gehabt, nicht verletzt zu werden. Für dieses Vorgehen spreche, dass es in dem Flur kaum Brand- und Explosionsschäden gebe, da die Lunte dort nur durchgezüngelt sei, bis sie im sogenannten Sportraum das Benzin-Luft-Gemisch zur Explosion brachte.

Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte in diesem Prozess, war unmittelbar nach der Explosion von mehreren Nachbarn auf der Straße vor dem Haus gesehen worden. Unter anderem soll sie zwei Katzenkörbe in einer Garageneinfahrt abgestellt haben. Bei ihrer Festnahme vier Tage später in Jena trug sie Socken, an denen Kriminaltechniker später noch Benzinspuren nachweisen konnten.

Die Bundesanwaltschaft wirft der 39-Jahrigen wegen der Explosion Brandstiftung im besonders schweren Fall aber auch versuchten Mord vor. Sie soll mit dem Feuer das Leben mehrerer Menschen gefährdet haben, unter anderem das ihrer damals 89-jährigen Nachbarin. "Ich denke, dass derjenige, der die Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Brand setzt, auch vom tödlichen Ausgang für die Mitbewohner ausgehen muss", betonte Anwalt Reinecke.

Die Bundesanwaltschaft zeigt sich in ihrer Anklageschrift überzeugt, dass durch den Brand Beweismittel vernichtet werden sollten. In der Wohnung in der Frühlingsstraße soll Beate Zschäpe gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gelebt haben.

Die drei Thüringer Neonazis waren Anfang 1998 untergetaucht, als bei einer Polizeirazzia in Jena in einer Garage Sprengstoff und eine funktionsfähige Rohrbombe entdeckt worden sein sollen. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass alle Drei danach den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) gebildet haben. Die Terrorzelle wird mit zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen sowie 15 Raubüberfälle in Verbindung gebracht.

Der bayerische Experte wies am Mittwoch im Gericht darauf hin, dass durch die Explosion zwei Wände der Zwickauer Wohnung herausgerissen wurden. Er sprach von einer "heftigen Explosion" und einem sich "rasant" ausgebreiteten Feuer. Durch herumfliegendes Mauerwerk habe eine ernste Gefahr für Passanten auf den angrenzenden Straßen bestanden.

Für die betagte Nachbarin bestand nach seiner Auffassung die Gefahr einer Rauchgasvergiftung. Bei der Explosion soll eine Trennwand zwischen den beiden Wohnungen Risse erhalten haben, so dass die Gase durch die Wand eindringen konnten. Auf Nachfrage der Zschäpe-Verteidigung räumte der Experte ein, seine Analyse nur aufgrund der Zwickauer Ermittlungsakten erstellt zu haben. Das sei sein Auftrag gewesen. Das Wohnhaus in der Frühlingsstraße war nach dem Brand abgerissen worden.

Die Explosion ereignete sich damals etwa drei Stunden nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt. Beide waren nach einem Sparkassenüberfall am Mittag von der Polizei in einem Wohnmobil in Eisenach entdeckt worden. Daraufhin soll Böhnhardt erst Mundlos und danach sich selber schossen haben.

Trotz des Feuers in der letzten gemeinsamen Wohnung in Zwickau konnten die Ermittler im Brandschutt noch zahlreiche Indizien sicherstellen, welche die Verbrechen NSU derzeit vor Gericht mit belegen sollen.

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