Gothaer Polizei-Chef offenbart Details zu Eisenacher Bankraub

Michael Menzel, der Chef der Polizeidirektion Gotha, offenbart neue Details zu den Ereignissen in Eisenach. So war die Maschinenpistole der Täter aus Jena defekt. Erst durch das Umdenken der Ermittler konnte der Überfall auf eine Bank in Arnstadt im September 2011 mit der Serie in Verbindung gebracht werden.

In Stregda, einem Ortsteil von Eisenach, fanden die Ermittler das Wohnmobil der Neonazis. Als sich die Polizei näherte, schossen die Täter mit einer MPi auf die Beamten, wie Polizeidirektor Michael Menzel in der Rückschau berichtet. Foto: Sascha Willms

In Stregda, einem Ortsteil von Eisenach, fanden die Ermittler das Wohnmobil der Neonazis. Als sich die Polizei näherte, schossen die Täter mit einer MPi auf die Beamten, wie Polizeidirektor Michael Menzel in der Rückschau berichtet. Foto: Sascha Willms

Foto: zgt

Gotha. Drei Wochen nach dem Auffliegen der sogenannten Zwickauer Zelle, bei der die beiden rechtsextremen Täter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhard sterben, offenbart ein führender Ermittler neue Details.

Ein Schlüsselerlebnis in der Fahndung nach den Neonazis, so berichtete Polizeidirektor Michael Menzel auf einer Veranstaltung unser Zeitung am späten Donnerstagabend in Gotha, sei ein Banküberfall in Arnstadt gewesen.

Daraus lässt sich folgender Ablauf rekonstruieren.

7. September, 8.45 Uhr: Zwei Männer überfallen die Sparkasse in der Arnstädter Goethestraße. Ein Angestellter wird dabei verletzt.

"Die Täter waren ausgestattet mit einer Schreckschuss-Waffe und einer scharfen Waffe", sagt Michael Menzel in der Rückschau, "wobei die Schreckschusswaffe nur zur Ablenkung diente".

Sie flüchteten auf Fahrrädern, die sie nahe der Sparkasse abgestellt hatten. Trotz Einsatzes eines Spürhundes, zahlreicher Polizeifahrzeuge und eines Hubschraubers gelang es nicht, die Täter zu fassen.

Die Polizei gab eine Personenbeschreibung heraus. Beide Männer waren etwa 20 Jahre alt und zwischen 1,80 und 1,85 Meter groß. Der eine trug ein beigefarbenes Kapuzen-Shirt und eine dunkle Hose, der andere ein blaues Kapuzen-Shirt und eine dunkle Hose.

Mitte September: Ein Spezialteam der Polizei rekonstruiert den Fluchtweg in Arnstadt auf einer Länge von zwei Kilometern. Die Spur führt zu einem Döner-Imbiss. Ein Zeuge gibt zu Protokoll, dass die Täter mit Fahrrädern unterwegs waren.

Bei Michael Menzel und seinem Team Soko erwächst daraus eine ganz neue Idee, wie der Polizeidirektor später ausführt: "Die Täter sind gar nicht auf der Flucht, vielleicht wohnen sie hier."

"Vieles hat nach unseren Untersuchungen dafür gesprochen, dass sich die Täter am Ort verbergen", so Menzel weiter. Und genau das habe das Vorgehen der Polizei wenige Wochen später wesentlich beeinflusst.

In einer sogenannten Bundesanfrage wurden in den folgenden Tagen ähnliche Überfälle verglichen, bei denen die Täter mit einem Fahrrad geflohen waren. Es habe sich dabei um Fälle aus den Jahren 2001, 2002 und 2006 gehandelt. Allerdings sei die Fahndung bei den Altfällen zunächst ins Leere gelaufen.

4. November, 9.30 Uhr: In Eisenach wird die Sparkasse am Nordplatz überfallen. Die beiden vermummten Männer bedrohen das Personal. Sie verletzen einen Angestellten und flüchten zu Fuß.

4. November, 9.32 Uhr: Die bei der Polizeidirektion Gotha angesiedelte Soko unter Führung von Michael Menzel kommt zu ersten Schlussfolgerungen: "Uns war sofort klar, dieser Fall hat etwas mit dem Fall in Arnstadt zu tun."

4. November, 9.35 Uhr: Die Soko schickt alle verfügbaren Kräfte nach Eisenach. "Insgesamt 13 Funkstreifenwagen sind unterwegs, um direkt nach einem Transporter zu suchen", berichtet Michael Menzel in der Rückschau. In diesem Moment weiß noch niemand von den Beamten, was ihn erwartet.

4. November, 11 Uhr: In der Mittagszeit wird eine Streifenbesatzung im Eisenacher Ortsteil Stregda fündig. Der weiße "Sunlight" parkt am Straßenrand. Das Netz zieht sich zu. Die Polizeifahrzeuge sind in Richtung Caravan unterwegs.

4. November, nach 11.30 Uhr: Als sich die Beamten nähern, eröffnen die Täter sofort das Feuer. "Wir wussten, dass sie scharfe Waffen hatten. Sie haben mit einer MPi auf uns geschossen", erinnert sich Polizeidirektor Michael Menzel.

4. November: etwa 11.40 Uhr: Im Inneren des Wohnwagens müssen die Neonazis Böhnhardt und Mundlos gespürt haben, dass ihr 13-jähriges Leben im Untergrund dem Ende entgegen geht. Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen soll Uwe Mundlos seinen Kumpanen erschossen, dann das Wohnmobil in Brand gesetzt und danach sich selbst mit Kopfschuss getötet haben. er nahm die Waffe in den Mund.

4. November, Abend: Zwischen Sitzecke und Küchenzeile befinden sich die komplette Beute zweier Banküberfälle sowie die Dienstwaffen einer 2007 in Heilbronn getöteten Polizistin und ihres Kollegen. An manchen Geldbündeln sind noch die Banderolen mit Stempel zu erkennen. Später finden die Ermittler zwei weitere Pistolen sowie drei Gewehre. Und angeblich finden die Beamten auch Material, dass auf die rechte Gesinnung der beiden Täter schließen lässt. Bestätigen wollte das bislang niemand, bis heute werden die Funde untersucht. Auch Polizeidirektor Michael Menzel geht in seinen Ausführungen auf die Zahl der Waffen nicht weiter ein.

Doch warum sind die Täter, die zuvor zehn Menschen kaltblütig ermordet haben, nicht geflohen? Warum haben die beiden Neonazis nicht versucht, sich den Weg freizuschießen? Der Berliner Kriminologe und Experte für Rechtsextremismus, Bernd Wagner, glaubt, dass es innerhalb der Zwickauer Zelle schon lange Spannungen gegeben habe könnte. "In diesem Moment ist möglicherweise eine spontane Deradikalisierung eingetreten", ist Wagner überzeugt.

15 Uhr im Zwickauer Ortsteil Weißenborn. Komplizin Beate Zschäpe ist plötzlich allein. Vielleicht hat die 36-jährige gelernte Gärtnerin über das Radio von dem gescheiterten Banküberfall und dem Tod der beiden Freunde erfahren. Vielleicht aber wurde sie auch angerufen - aus dem Wohnmobil. Noch während Zschäpe zwei Katzen bei der Nachbarin abgibt und wegrennt, qualmt es aus der rund 120 Quadratmeter großen Wohnung in der Frühlingsstraße 26. Sekunden später erschüttert eine Detonation die beschauliche Straße. Sehr viel später entdecken die Ermittler Brandbeschleuniger.

8. November, kurz nach 13 Uhr: Beate Zschäpe, nach der europaweit gefahndet wird, stellt sich bei der Polizei in Jena. Ihren Aufenthaltsort in der Zwischenzeit hat sie bislang nicht verraten.

Jedoch muss sie im Raum Leipzig gewesen sein. Die Bekenner-DVDs, die sie noch in Richtung Dresden und Halle-Neustadt abschickt hatte, wurden im Briefzentrum Schkeuditz gestempelt.

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