NSU-Prozess: Bei Aussagen von Carsten S. hörten Polizisten aufmerksam zu

München. Parallel zum NSU-Prozess im bayerischen Untersuchungsausschuss: Beamter will schon 2007 vom NSU gewusst haben

Der Angeklagte Carsten S. sprach auch am gestrigen Verhandlungstag im Münchner NSU-Prozess. Hier kommt er mit einer Kapuze verhüllt in den Gerichtssaal. Foto: A. Gebert/dpa

Der Angeklagte Carsten S. sprach auch am gestrigen Verhandlungstag im Münchner NSU-Prozess. Hier kommt er mit einer Kapuze verhüllt in den Gerichtssaal. Foto: A. Gebert/dpa

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Als Hauptkommissar Konrad Pitz die vermeintliche Bombe platzen lässt, sind kaum Zuhörer im Saal. Die meisten Beobachter der Ermittlungen rund um das mutmaßliche Terror-Trio vom "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) sitzen an diesem Dienstagvormittag nicht im Saal 2 des Bayerischen Landtages, sondern im Münchner Strafjustizzentrum, wo Carsten S., "einer "der fünf Angeklagten im NSU-Prozess, weitere Fragen der Nebenkläger beantwortet. Neuigkeiten sind kaum dabei. "Die hat aber Pitz im Untersuchungsausschuss im Landtag zu verkünden.

Der Beamte, der als Spurensicherer bei der Sonderkommission gearbeitet hat, die die neun Morde an Migranten aufklären sollte, berichtet, dass bereits in einer Besprechung Ende 2007 über eine Gruppe mit dem Namen NSU gesprochen wurde. Das wäre eine Sensation, immerhin hieß es bislang bei der Polizei, man habe im November 2011 zum ersten Mal von der Existenz des NSU erfahren - nachdem sich Böhnhardt und Mundlos erschossen hatten.

Doch Pitz geht noch weiter. Ein Kollege, Hauptkommissar Karl Richter, der an diesem Tag ebenfalls vor dem Untersuchungsausschuss aussagen soll, habe wenige Wochen nach der Sitzung gesagt, dem NSU-Hinweis werde man nicht weiter nachgehen. "Die Spur ist gestorben", soll Richter gesagt haben. Und dass, obwohl in der Besprechung sogar gesagt worden sei, wofür die Abkürzung NSU steht und dass es sich um eine "rechte Terror-Gruppierung" handelt.

Vorgetragen habe das jemand aus der "Leitungsebene" der Sonderkommission; diese Informationen kämen vom Verfassungsschutz - entweder dem in Thüringen oder dem in Sachsen, so genau wisse er das nicht mehr, sagt Pitz. Kann das sein? Der Untersuchungsausschuss hat zahlreiche Zeugen befragt, auch viele von der Polizei, nie hat jemand angedeutet, dass der NSU schon früher bekannt gewesen sein könnte. Und jetzt das.

Zwei gegensätzliche Aussagen

Auch Richter bestreitet, je vor 2011 den Begriff NSU gehört zu haben. Er habe damals "viel Herzblut" in die Ermittlungen gesteckt: "Wir wären für jeden Hinweis dankbar gewesen." Der Untersuchungsausschuss steht nun mit zwei gegensätzlichen Aussagen da. Immer wieder fragen die Abgeordneten nach. Pitz verwickelt sich an einer Stelle "in Widersprüche, rudert zurück.

Außerdem gab es Ärger mit Kollegen. Erst wurde Pitz aus der Sonderkommission abgezogen, dann ein Kontaktverbot zu den Kollegen verhängt, später wurde Pitz versetzt. Der Ausschuss-Vorsitzende Franz Schindler (SPD) will sich nicht festlegen. "Die Aussage von Pitz ist so frappierend, dass man ihr nachgehen muss", sagt er.

Solidarität mit dem Jenaer Jugendpfarrer Lothar König

Die Nebenkläger im NSU-Prozess haben einen offenen Brief geschrieben, darin heißt es: "Die Nebenkläger und ihre Anwälte erklären sich solidarisch mit dem angeklagten Jenaer Jugendpfarrer Lothar König. Derzeit findet vor dem OLG München das sog. NSU-Verfahren gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte statt. Der NSU hat sich selbst zu 10 Morden und zwei Sprengstoffanschlägen bekannt. Seit Beginn der Hauptverhandlung sitzen wir im Saal 101 des Justizzentrums München fünf Angeklagten gegenüber, denen vorgeworfen wird, Mitglieder oder Unterstützer des NSU gewesen zu sein. Vier von den Angeklagten stammen aus Jena. Allen ist gemeinsam, dass sie aus einer neonazistischen Szene stammen. Parallel zum NSU-Verfahren findet vor dem Dresdner Amtsgericht ein Verfahren gegen den Jenaer Jugendpfarrer Lothar König statt. Er hat zu einer Zeit, zu der die Mehrheit noch weggesehen hat, wenn rassistische und rechtsextremistische Übergriffe stattgefunden haben, hingesehen, seine Stimme erhoben und Widerstand gegen die erstarkende neonazistische Szene geleistet. Wir fordern die Einstellung des Verfahrens gegen Lothar König."

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