NSU-Prozess: Carsten S. belastet erneut Wohlleben

München. Der Angeklagte Carsten S. hat am 269. Verhandlungstag im NSU-Prozess seine bisherige Aussage noch einmal bekräftigt und damit zugleich den Mitangeklagten Ralf Wohlleben erneut belastet.

Im NSU-Prozess hat der Mitangeklagte Carsten S. den mutmaßlichen Terrorhelfer Ralf Wohlleben erneut belastet. Foto: Sascha Fromm

Im NSU-Prozess hat der Mitangeklagte Carsten S. den mutmaßlichen Terrorhelfer Ralf Wohlleben erneut belastet. Foto: Sascha Fromm

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„Es bleibt, wie ich es gesagt habe“, betont der 36-Jährige einleitend und sichtlich nervös. Er hat sich Stichworte notiert, spricht aber - von häufigen Pausen unterbrochen - frei. An vielen Stellen seiner Ausführungen setzt er voraus, dass die Prozessbeteiligten die Zusammenhänge kennen und verstehen, was er meint.

Ralf Wohlleben und André K. hätten ihn beauftragt, den Kontakt zu halten und „Botschaften hin und her zu bringen“, betont er. Damals sollte Verbindung zu den inzwischen verstorbenen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehalten werden, die im Januar 1998 gemeinsam mit Beate Zschäpe während einer Polizeirazzia aus Jena verschwunden waren. Er habe sich angehört, was ihm am Telefon gesagt wurde und das an Wohlleben weiter gegeben, so Carsten S.. Anschließend habe er wieder Informationen per Telefon zurückgegeben.

Auftrag zur Waffenbeschaffung von Wohlleben erhalten

Den damaligen Auftrag zur Waffenbeschaffung will Carsten S. vom früheren NPD-Funktionär Wohlleben erhalten haben, nicht aber von Mundlos oder Böhnhardt. „Die haben mir nie den Auftrag gegeben“, so der 36-Jährige. Damit widerspricht er den Angaben Wohllebens. Auch das Geld für die beschaffte Schusswaffe habe er „von Wohlleben bekommen“. Dieser betonte in seiner Aussage vor Gericht, dass die Pistole, die ihm Carsten S. einmal gezeigt habe, nach Angaben von Böhnhardt „Schrott“ gewesen sei. Daran habe er keine Erinnerung, so Carsten S..

Deutlich widerspricht der 36-Jährige auch den Angaben des früheren Jenaer NPD-Funktionärs, dass er von einer ersten Waffenlieferung an Mundlos und Böhnhardt etwas gewusst habe. „Da weiß ich nichts von.“ Auch von den eingestandenen Besuchen Wohllebens bei den drei von der Polizei gesuchten Untergetauchten will er nichts gewusst haben. Carsten S. weißt zudem jegliche Kenntnis von sich, über Verbindungen der Eltern Böhnhardts zu den Flüchtigen und von den Kontakten Beate Zschäpes zu einem Anwalt.

Die Bundesanwaltschaft wirft Carsten S. und Wohlleben Beihilfe zum Mord in neun Fällen vor. Sie sollen Anfang 2000 mit einer Pistole der Marke „Ceska 83“ samt Schalldämpfer eine der NSU-Tatwaffe für neun rassistisch motivierte Morde mit beschafft haben. Wohlleben bestreitet die Tat. Carsten S. räumte das Waffengeschäft sowohl bei der Polizei als auch vor Gericht mehrfach ein und belastet so auch den Mitangeklagten immer wieder.

Verteidiger Jacob Hösl betont nach der Aussage seines Mandanten, dass dieser noch einmal verdeutlichen wollte, dass er nicht die „steuernde Figur“ gewesen sei sondern der Angeklagte Wohlleben. „Bei aller Vorsicht müssen wir zum jetzigen Zeitpunkt davon ausgehen, dass es die Waffe ist“, fügte der Anwalt an und meint die in der Anklage genannte NSU-Mordwaffe. Letztlich werde darüber aber das Gericht entscheiden.

Der Staatsschutzsenats aber auch die Verteidiger von Ralf Wohlleben hatten nach der erneuten Aussage von Carsten S. keine weiteren Fragen an den Angeklagten.

Geplante Verhandlungstage bis mindestens Januar 2017

Am Donnerstag gab das Gericht zudem geplante Verhandlungstermine für den NSU-Prozess bis Anfang Januar 2017 bekannt. Dieser Schritt war bereits erwartet worden, damit der Senat zeitlich nicht unter Druck gerät. Aus Sicht von Prozessbeteiligten bedeuten die Termine aber nicht, dass wirklich noch bis Jahresende verhandelt werden muss.

Die mutmaßliche Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) wird für zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge sowie 15 Raubüberfälle verantwortlich gemacht. Der mutmaßlichen Rechtsterroristin Zschäpe wirft die Bundesanwaltschaft unter anderem Mittäterschaft bei den NSU-Verbrechen vor. Insgesamt verhandelt das Oberlandesgericht in München seit Mai 2013 gegen fünf Angeklagte im sogenannten NSU-Prozess.

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