NSU-Prozess: Ehemaliger V-Mann sagt zu Ex-Agent Andreas T. aus

München. "Fahrig und aufgewühlt" soll Ex-Agent Andreas T. gewesen sein, als er seinen V-Mann nach dem Mord an Halit Yozgat in Kassel traf. Das sagte der V-Mann am Mittwoch bei der Vernehmung durch die Polizei aus. Im Gerichtssaal wiederholte er das allerdings musste Richter Götzl ihm dabei auf die Sprünge helfen.

Der Zeuge und ehemalige Verfassungsschutz-Mitarbeiter Andreas T. a Montag vor dem Münchener Oberlandesgericht. Foto: Andreas Gebert/dpa

Der Zeuge und ehemalige Verfassungsschutz-Mitarbeiter Andreas T. a Montag vor dem Münchener Oberlandesgericht. Foto: Andreas Gebert/dpa

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Es ist der zweite Verhandlungstag in dieser Woche, bei dem sich alles um ihn dreht: Andreas T. - ehemaliger Verfassungsschützer aus Kassel. Er soll laut Ermittlungen der Soko "Bosperus" anwesend gewesen sein, als Halit Yozgat im April 2006 in seinem Internet-Café in Kassel erschossen wurde. Gesehen oder gehört haben will Andreas T. allerdings nichts. Ebenso meldete er sich nicht als Zeuge bei der Polizei.

Der Verhandlungstag beginnt mit der Vernehmung des früheren V-Mannes von Andreas T.: Benjamin G. war Andreas T.s Quelle in der rechtsextremen Szene. Laut Verbindungsprotokollen telefonierten Andreas T. und Benjamin G. zwei Mal am Tag des Mordes. Möglicherweise trafen sie sich auch an den Tagen nach dem Mord. Doch daran hat der Zeuge Benjamin G. nur schwache bis gar keine Erinnerungen.

Benjamin G. erscheint mit dem Rechtsanwalt Hoffmann aus Mainz. Der Rechtsbeistand, so einige Nebenkläger, sei eindeutig vom Landesamt für Verfassungsschutz bezahlt und beauftragt worden, um die Interessen des Amtes zu wahren. Offiziell ist der Anwalt anwesend, um Benjamin G. bei Fragen zu beraten, die seine Schweigepflicht als Ex-V-Mann des Inlandsgeheimdienstes betreffen.

Benjamin G. hat einen 7-Tage-Bart und kurze braune Haare. Er ist groß gewachsen, trägt ein schwarzes T-Shirt mit langen Ärmeln und Jeans. Früher sei er in der rechtsextremen Szene gewesen, aber nur kurz, sagt er. Sein Bruder sei der Anführer der rechtsextremen Gruppierung gewesen. Mit dem Politischen hätten sie es aber nicht so gehabt. Mit "politisch" meint G., sie seien nicht oft auf Demonstrationen gegangen. Es sei ihnen mehr um das Trinken, um Spaß und um die "dritte Halbzeit" beim Fußball gegangen. "Nur einige Ältere, die etwas mehr im Kopf hatten, haben sich für das Politische interessiert", sagte er. Im Jahr 2000 sei er aus der rechtsextremen Gruppe ausgetreten.

Irgendwann zwischen 2003 und 2004 habe er dann angefangen, mit dem Verfassungsschutz zusammenzuarbeiten, ohne dabei direkt in der Szene aktiv zu sein. Er habe lediglich Freunde gehabt, die Kontakte in der Szene hatten. Auch befreundete Hooligans in Thüringen habe es gegeben. Sie hätten sich öfter mit einer Gruppe aus Mühlheim getroffen. Das seien aber mehr "Saufbekanntschaften" gewesen, so Benjamin G. Die Namen der Thüringer Hooligans kannte er angeblich nicht. "Die hatten alle Spitznamen wie ‚Keule‘ oder ‚Mücke‘", sagte er. Böhnhardt, Mundlos oder die Namen der Angeklagten will er aber damals nie gehört haben.

Nach einiger Zeit bekam Benjamin G. einen neuen V-Mann-Führer. Der nannte sich "Alex". Das war offenbar niemand anders als Andreas T. Sie trafen sich einmal im Monat, in verschiedenen Restaurants in und um Kassel. Auch in Internet-Cafés sollen sie sich öfter getroffen haben, so Benjamin G. Im Laden des erschossenen Halit Yozgat waren sie aber angeblich nicht.

Benjamin G. erzählte dort davon, wo Treffen und Feiern der Hooligan-Szene stattfinden würden und wer davon wusste. In den Internet-Cafés habe er üblicherweise Bekannte aus der rechtsextremen Szene auf Fotos im Netz identifizieren müssen oder für den V-Mann-Führer "Alex" in einschlägigen Internetforen recherchiert. Andreas T. erzählt ihm derweil scheinbar ersonnene Geschichten aus seinem Privatleben: Von einer Freundin in Hannover und in Wiesbaden soll die Rede gewesen sein.

Der vorsitzende Richter, Manfred Götzl begann schließlich dem Zeugen aus einer Vernehmung vom 24.4.2012 vorzulesen. Darin hatte er ausgesagt, sich in den Tagen nach dem Mord mit Andreas T. getroffen zu haben. Der V-Mann-Führer habe dabei fahrig gewirkt, sei nervös gewesen, habe sich dauernd umgeschaut. "Zum ersten Mal bei unseren Treffen, war nicht ich es, der beobachtet wurde", sagte Benjamin G.

Aus Interesse habe Benjamin G. seinen V-Mann-Führer Andreas T. schließlich nach der Schießerei im Internet-Café gefragt. Laut Protokoll wohl, weil er annahm, dass der Verfassungsschützer dazu mehr Informationen habe, als in den Zeitungen stand. Daraufhin, so das Protokoll, sei "Alex" sehr fahrig geworden und habe aufgehört, sich auf seinem Block Notizen zu machen. Letzteres sei Benjamin G. an dem V-Mann-Führer als "sehr ungewöhnlich" aufgefallen. Allgemein habe er seinen Verbindungsmann immer als sehr locker und ungezwungen erlebt. Das Treffen sei dann schließlich abrupt beendet worden.

An diese Vernehmung durch die Polizei habe er nur noch mäßige Erinnerungen, sagte Benjamin G. Auf ihn hätten während der Befragung im Jahr 2012 "sieben Beamte gleichzeitig eingehackt", so der Zeuge. Er stimmte auf Nachfrage und sehr zögerlich den Fragen des Richters zu, allerdings immer erst, wenn dieser ihm eine entsprechende Stelle aus der Vernehmung vorhielt. Götzl musste oft mit Nachdruck fragen, ob das Protokoll der Vernehmung nun stimme oder nicht. Benjamin G. antwortete dann erst ausweichend und sagte dann, es müsse wohl so gewesen sein, seine Erinnerung sei weg.

Auch an die Telefongespräche, die er am Tag des Mordes mit T. geführt haben soll, könne er sich nicht erinnern. Er vermute aber, dass es dabei um seine Bezahlung gegangen sei. "Dem Alex musste man immer hinterhertelefonieren, wenn man sein Geld haben wollte", sagte er.

Andreas T. und Benjamin G. werden am Donnerstag erneut in das Oberlandesgericht München geladen. Dann werden auch die Vertreter der Nebenklage Gelegenheit haben, die beiden zu befragen.

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