NSU-Prozess: Interview mit Nebenklage-Vertreter Alexander Kienzle

Erfurt. Kienzle vertritt zusammen mit Thomas Bliwier und Doris Dierbach von der Hamburger Kanzlei bdk die Angehörigen des Kasseler Mordopfers Halit Yozgat. Das Gespräch führte Martin Debes.

"Ich glaube nicht an eine derartige Ballung von Zufällen. Es geht uns ausdrücklich um die Aufklärung der Zusammenhänge", so Alexander Kienzle. Archivfoto: Sascha Fromm

"Ich glaube nicht an eine derartige Ballung von Zufällen. Es geht uns ausdrücklich um die Aufklärung der Zusammenhänge", so Alexander Kienzle. Archivfoto: Sascha Fromm

Foto: zgt

Herr Kienzle, Sie sagen, Beate Zschäpe habe mit ihrem jetzt bekannt gewordenen Brief den NSU-Prozess unfreiwillig voran gebracht? Warum?

Das Entscheidende ist gar nicht mal der Inhalt des Briefes. Es geht uns um den Adressaten. Robin S. war ein gewalttätiger Neonazi. Es gehörte jedenfalls zum Umfeld einer militanten Gruppe in Dortmund. Der Brief belegt, dass Beate Zschäpe immer noch in Kontakt mit der gewaltbereiten Szene steht, was ein Indiz für ihre Einbindung in die Szene sein kann und bei der Bemessung ihrer Schuld eine Rolle spielen könnte.

Trotzdem nochmal zum Inhalt des Briefes: Manche Ihrer Kollegen meinen, rechtsradikale Codewörter darin entdecken zu können.

Das ist für mich momentan zu spekulativ. Es gibt ja zwei Satzteile, die interpretiert werden. Einmal schreibt Zschäpe, dass man bei 18 Grad friere...

... was ein Bezug zu den Initialen Adolf Hitlers ist, die im Alphabet die Positionen in 1 und 8 haben. Und war nicht Robin S. Mitglied einer sogenannten Combat-18-Zelle?

Ja. Aber dennoch benötigt man für diesen Zusammenhang schon viel Phantasie und die Interpretation bleibt offen. Zum Beispiel wenn man das Wort "Sonnenscheinchen" mit der Nürnberger Bar "Sonnenschein" in Verbindung bringt, in der möglicherweise Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos 1999 eine Rohrbombe platzierten. Ich bleibe dabei: Allein der Fakt, dass dieser offensichtlich vertrauensvolle Briefkontakt existierte, wirft ein ganz neues Licht auf die Mordtaten in Dortmund und in Kassel.

Weil Robin S. aus Dortmund stammt?

Nicht nur deshalb. Wir gehen fest davon aus, dass er und Zschäpe sich von früher persönlich kennen. S. wiederum bewegte sich in Dortmund im Umfeld einer Gruppe, die auf derselben ideologischen und taktischen Basis funktionierte wie der NSU. Das Drehbuch dafür sind ist der Roman "Die Turner-Tagebücher". Da geht es um rassistischen Terror nach dem Prinzip "Taten statt Worte", wobei explizit auf Bekennerschreiben verzichtet wird.

Und Sie vermuten eine Verbindung nach Kassel.

Exakt. Die Dortmunder und die Kasseler Szene standen in engem Kontakt. Man traf sich unter anderem auf Neonazi-Konzerten, so zum Beispiel in Kassel im März 2006. Auch Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wurden von Zeugen dort gesehen.

Gut zwei Wochen später wurde Mehmet Kubasik in Dortmund erschossen...

... und kurz darauf Halit Yozgat in Kassel. Im selben Jahr löste sich dann die Dortmunder Zelle auf. Und es gibt noch eine Parallelität. Sowohl in Dortmund als auch in Kassel hatte der Verfassungsschutz die Neonazis im Visier. Sebastian S., ein Freund von Robin S., war V-Mann des nordrhein-westfälischen Landesamtes. Der Kasseler Neonazi Benjamin G. wiederum arbeitete für den hessischen Verfassungsschutz. Und: Sein V-Mann-Führer Andreas T. saß im Internet-Café der Familie Yozgat, als dort Halit erschossen wurde.

Sie unterstellen also, der Verfassungsschutz habe da mitgemischt.

Ich unterstelle nichts. Ich glaube aber auch nicht an eine derartige Ballung von Zufällen. Es geht uns ausdrücklich um die Aufklärung der Zusammenhänge. Deshalb haben wir den Antrag gestellt, alle Beteiligten als Zeugen zu laden, darunter auch Robin S.

Sie wollen auch den ehemaligen Thüringer Neonazi-V-Mann Tino Brandt vorladen. Steht der nicht schon auf der Zeugenliste?

Ja, so wie ja auch Andreas T., der hessische V-Mann-Führer. Uns geht es aber darum, diesen gesamten Komplex als Einheit zu sehen. So hat ja der Angeklagte Carsten S. im Prozess bestätigt, dass er im Jahr 1999 Brandt darüber informierte, dass er mit dem untergetauchten Trio regelmäßig Kontakt hielt. Das heißt, der Verfassungsschutz muss auch hier im Bilde gewesen sein. Das ist ein Muster, das auch in Kassel und Dortmund zu erkennen ist.

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