NSU-Prozess: Patenonkel der erschossenen Polizistin als Zeuge geladen

Erfurt. Anfang März beschäftigt sich der NSU-Untersuchungsausschuss in Erfurt mit dem Mord an Michèle Kiesewetter.

Die Vorsitzende des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses, Dorothea Marx (SPD), vor Beginn einer Sitzung im Landtag im Gespräch mit einem Juristen der Landtagsverwaltung, der das Gremium betreut. Foto: Marco Kneise

Die Vorsitzende des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses, Dorothea Marx (SPD), vor Beginn einer Sitzung im Landtag im Gespräch mit einem Juristen der Landtagsverwaltung, der das Gremium betreut. Foto: Marco Kneise

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Warum musste Michèle Kiesewetter sterben? Die 22-jährige Polizistin aus Oberweißbach in Thüringen wurde am 25. April 2007 in Heilbronn erschossen. Ihr Partner überlebte schwer verletzt mit Projektilteilen im Kopf.

Die Bundesanwaltschaft geht in ihrer Anklage für den NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München von Zufallsopfern aus. Beide Polizisten seien Vertreter des vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) gehassten Staates gewesen, hieß es.

Diese Auffassung teilen nicht alle. Einer der Gründe für Zweifel ist, dass die Polizei in Baden-Württemberg länger als vier Jahre ins Leere ermittelte. Erst 2011, mit dem Entdecken des NSU, ergab sich eine Spur zu den möglichen Tätern.

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sollen laut Bundesanwaltschaft 2007 den Mordanschlag auf die zwei Polizisten in Heilbronn verübt haben. Beide Männer wurden am 4. November 2011 nach einem Sparkassenraub in Eisenach von der Polizei in einem Wohnmobil entdeckt. Kurz darauf sollen sie sich erschossen haben.

Anfang März will sich der NSU-Untersuchungsausschuss in Erfurt mit dem Mord an der Polizistin befassen. Für den 6. März wurde unter anderen ihr Patenonkel geladen. Das bestätigte die Ausschussvorsitzende Dorothea Marx am Sonntag unserer Zeitung. Der Mann arbeitet bei der Thüringer Polizei als Ermittler.

Ebenfalls als Zeugen geladen sind eine frühere Lebensgefährtin des Beamten und ein Kollege von ihm.

Der Patenonkel soll die Ermittler in Baden-Württemberg bereits am 3. Mai 2007, also nur wenige Tage nach dem Mord, auf mögliche Verbindungen zur fremdenfeindlichen Mordserie an acht aus der Türkei stammenden Männern und einem Griechen in Deutschland hingewiesen haben.

Patenonkel gab Hinweis auf rassistische Mordserie

Nach Informationen unserer Zeitung verwies er auf ähnliche Kaliber der Tatwaffen sowie darauf, dass auch bei den fremdenfeindlichen Morden ein Radfahrer eine Rolle gespielt habe.

Die Tat in Heilbronn wurde unmittelbar neben zwei Radwegen begangen, sodass die Ermittler damals mutmaßten, die Täter könnten mit Fahrrädern gekommen und auch wieder geflüchtet sein.

Die Hinweise des Patenonkels blieben aber unbeachtet. Neben einem Phantom - weil Wattetupfer zur Entnahme genetischer Fingerabdrücke verunreinigt waren - verfolgten die Ermittler vor allem Spuren nach Osteuropa ins Milieu der Organisierten Kriminalität. Rechtsextreme als mögliche Täter fanden keine Beachtung.

Erst der Münchner NSU-Prozess machte deutlich, dass Michèle Kiesewetter auch an Dutzenden Einsätzen bei rechtsextremen Aufmärschen beteiligt war. Bei der Bereitschaftspolizei in Böblingen gehörte sie zu einer Gruppe Polizisten, in der sie für die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) auch als zivil gekleidete Beamtin Aufklärungsaufgaben am Rande dieser Demonstrationen versah.

Michèle Kiesewetter ermittelte auch verdeckt

Zudem soll die Beamtin mehrfach zum Schein Heroin gekauft haben, um so Rauschgifthändler zu überführen. Einige Male wurde sie auch in Nachtclubs oder Diskotheken eingesetzt, um vor Razzien für ihre Kollegen unauffällig die Notausgänge zu öffnen, damit diese Zugang hatten.

Mehrere Beweisanträge im NSU-Prozess sollen helfen, diese erst jetzt bekannt gewordenen Einzelheiten näher zu beleuchten. Aus Sicht einiger Opferanwälte könnten sich aus solchen Einsätzen Hinweise auf mögliche Konflikte der Beamtin mit der rechtsextremen oder der organisierten kriminellen Szene ergeben und so der Theorie des Zufallsopfers widersprechen.

Die Aufklärung steht hier erst am Anfang. Der Thüringer Untersuchungsausschuss wird sich vorerst mit dem unmittelbaren Thüringer Umfeld der Beamtin beschäftigen. Auch hier soll es in einem Fall eine Verbindung in die rechtsextreme Szene gegeben haben. Das wollen die Abgeordneten im März genau wissen.

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