NSU-Prozess: Pogromly-Spiele bei Zschäpe gefunden

München. Im Januar 1998 sollen Jenaer Ermittler in einer von Beate Zschäpe gemieteten Garage nicht nur Teile von Rohrbomben und Sprengstoff gefunden haben, sondern auch ein menschenverachtendes und antisemitisches Brettspiel.

Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe sollen mit Material aus dem Baumarkt mindestens Pogromly-Spiele gefertigt haben. Archivfoto: Marc Müller/dpa

Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe sollen mit Material aus dem Baumarkt mindestens Pogromly-Spiele gefertigt haben. Archivfoto: Marc Müller/dpa

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Ein zweites Spielbrett fiel der Polizei während der Razzia am Nachmittag dieses 26. Januars in der Wohnung der Hauptangeklagten im NSU-Prozess in die Finger. Es soll unter dem Sofa gelegen haben.

Am Dienstag nun beschreibt ein saarländischer Kriminalkommissar dem Gericht den Aufbau dieses Pogromly-Spiels anhand von Fotos. Der 46-jährige Ermittler hatte 2012 dazu für das Bundeskriminalamt (BKA) einen Bericht gefertigt. Menschenverachtend, antisemitisch: So die Einschätzung des Zeugen. Er lässt keinen Zweifel erkennen, dass Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an der Entstehung und Verbreitung des Spiels beteiligt gewesen seien.

Die Zuhörer im Gericht befinden sich lange Zeit auch im Glauben, dass die Ungeheuerlichkeiten, die Pogromly von der Originalversion des "Monopoly" unterschiedet, auch bei den bei Zschäpe gefundenen Spielen vorhanden sind. Statt der Bahnhöfe im Original müssen im Pogromly faschistische Konzentrationslager gekauft werden. Eines der Spielziele ist es, Städte "judenfrei" zu bekommen. Dafür müssten jeweils vier vorhandene David-Sterne auf den Städtefeldern mit Häusern abgedeckt werden.

Die im Gerichtssaal vorgestellte Variante des Spiels strotze vor Nazi-Symbolik, aber auch antisemitischen Darstellungen. Laut Bundesanwaltschaft sollen Zschäpe, Mudlos und Böhnhardt bereits vor der Gründung der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) den Entschluss gefasst haben, ein den Nationalsozialismus und den Völkermord an den Juden verherrlichendes Gesellschaftsspiel zu entwickeln.

Nach den Ausführungen des Kriminalisten erkundigte sich Olaf Klemke, der Verteidiger des Angeklagten Ralf Wohlleben, ob der Ermittler das Spiel einmal in der Hand gehalten habe. "Nein", kam als Antwort. Ob es mehrere Versionen des Spiels gebe und ob diese auf Unterscheidungen geprüft wurden, hakte Klemke nach. Das könne er nicht beantworten, erwiderte der Zeuge und torpediert mit einem Nebensatz seine bisherigen Ausführungen:

Die beiden bei der Razzia bei Beate Zschäpe sichergestellten Spiele seien 2008 in Thüringen vernichtet worden. Das wäre nach damaliger Aktenlage auch völlig korrekt gewesen, so der Zeuge. Für die aktuelle Untersuchung sei ein Spiel genutzt worden, dass der Thüringer Verfassungsschutz dem Bundeskriminalamt zur Verfügung gestellt hatte. Die Schlapphüte wiederum sollen das Spiel von ihrem V-Mann Tino Brandt erhalten haben. Dazu konnte der Zeuge aber nichts weiter sagen.

Dass sich der Ermittler für seinen BKA-Vermerk nicht einmal die Mühe gemacht hatte, die Aussagen des Mitangeklagten Holger G. und eines weiteren Zeugen zum Pogromly-Spiel genau durchzulesen, war am Dienstag eine weitere Steilvorlage für die Verteidigung. Olaf Klempke stufte den Wert der Aussage des Zeugen auf "Null" ein. Verteidiger Wolfgang Stahl wollte wissen, ob der Zeuge eigene Erkenntnisse gesammelt habe, was seine Mandantin, Beate Zschäpe, mit dem Spiel zu tun hatte. "Nein", räumte der 46-Jährige erneut ein.

Die Zschäpe-Verteidigung widersprach am Dienstag ausdrücklich der Verwertung der Aussage des Zeugen und damit natürlich auch der Einschätzung zum Pogromly-Spiel im BKA-Vermerk. Opferanwältin Edith Lunnebach sprach sich dafür aus, dass vorhandene Spiel vor Gericht in Augenschein zu nehmen. Zugleich forderte sie den Mitangeklagten Holger G. auf, doch endlich vor Gericht weitere Aussagen zu machen. Denn dieser hatte in seiner Zeugenvernehmung 2012 beim Bundeskriminalamt auch Angaben zu diesem Spiel gemacht.

Zudem hofft das Gericht auf die Zeugenaussagen von Max-Florian B. am Donnerstag. Dieser soll im Jahr 1998 dem flüchtigen Trio für einige Monate seine Wohnung in Chemnitz überlassen haben. Das erklärte am Dienstag ein zweiter BKA-Ermittler. Der Chemnitzer erzählte laut Anklage dem BKA auch, dass er damals beobachtet habe, wie Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe mit Material aus dem Baumarkt in seiner Wohnung Pogromly-Spiele gefertigt hätten.

Insgesamt sollen mindestens 30 dieser Spiele entstanden sein. Zu 27 gibt es offenbar Erkenntnisse. Wer im Einzelnen die Spiele gekauft hat, ist unklar. Allerdings soll auch der Thüringer Verfassungsschutz mehrere Exemplare über seinen V-Mann Tino Brandt erworben haben. Eines davon befindet sich derzeit wohl in der Asservatenkammer des Bundeskriminalamtes.

Bereits am Vormittag konnte die Verteidigung von Zschäpe am Dienstag einen kleinen Erfolg erzielen. Ein BKA-Beamter hatte die Erkenntnisse der Ermittler über die Wohnungen des Trios im Untergrund vorgetragen. Insgesamt soll das Trio sieben Wohnungen und Quartiere genutzt haben. Auf Nachfrage von Stahl musste der Beamte allerdings einräumen, dass mindestens für zwei der Wohnungen nicht eindeutig nachgewiesen werden könne, dass diese von Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt gemeinsam genutzt wurden.

Wolfgang Stahl erklärte anschließend, dass die Behauptung der Bundesanwaltschaft, die drei hätten seit Januar 1998 gemeinsam in verschiedenen Wohnungen gelebt und sich so konspirativ abgeschottet, nicht mehr aufrecht erhalten werden könne. Denn für zwei Wohnungen fehle dieser Nachweis.

Der BKA-Beamte hatte eingeräumt, dass für die letzte Wohnung in Chemnitz und die erste Wohnung in Zwickau keine Zeugen gefunden wurden, die alle drei als Bewohner bestätigt hätten. Das würde den Zeitraum zwischen April 1999 bis Juni 2001 betreffen.

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