NSU-Prozess: Schweizer Polizist hat kein schlechtes Gewissen wegen möglichem Waffengeschäft

München (Bayern). Anton Peter G. und Hans Ulrich M. stehen seit zwei Tagen im Mittelpunkt des Münchner NSU-Prozesses. Ihre Krankheiten, Gewohnheiten, persönliche Vorlieben oder Hobbys kennt inzwischen jeder Prozessbeteiligte und Zuschauer. Nur gesehen hat die Männer bisher niemand im Schwurgerichtssaal A101.

Im NSU-Prozess in München sollen auch die immer noch ungelösten Rätsel um die wichtigste Mordwaffe des NSU-Trios aufgeklärt werden. Foto: dpa

Im NSU-Prozess in München sollen auch die immer noch ungelösten Rätsel um die wichtigste Mordwaffe des NSU-Trios aufgeklärt werden. Foto: dpa

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Denn die beiden Schweizer waren einer Ladung des Staatsschutzsenats, als Zeugen auszusagen, schon vor einiger Zeit nicht gefolgt. Sie müssen das auch nicht. Deshalb führt das Gericht nun mühsam etwa ein halbes Dutzend Vernehmungen der beiden Männer in der Schweiz zwischen 2007 und 2012 in den NSU-Prozess ein.

Im Mittelpunkt der ersten Befragungen stand Anton Peter G. Er hatte sich 1996 bei den Schweizer Behörden zwei Waffenerwerbsscheine besorgt. Bis 2009 erklärte er der Polizei, dass diese ihm abhanden gekommen seien. Er zudem nicht wisse, wo sie abgeblieben wären. Und G. bestritt, 1996 zwei Pistolen der Marke "Ceska 83" in einem Berner Waffengeschäft bestellt und geliefert bekommen zu haben.

Doch diese Lieferung erfolgte am 11. April 1996. Das Bestandsbuch lässt daran keinen Zweifel aufkommen. Eine Erklärung, wo das Waffenpaket abgeblieben ist und wie es bestellt wurde, fanden die Ermittler bis Anfang 2012 nicht.

Denn erst nach Enttarnen des NSU wurde Anton Peter G. im Januar 2012 erneut vernommen. Diesmal allerdings liefen in der Schweiz gegen den heute 61-Jährigen Ermittlungen wegen des Verdachts der Unterstützung einer kriminellen Organisation. Damals erzählte er der Polizei, dass er 1996 seine beiden Waffenerwerbsscheine einem Hans Ulrich Müller, einem Kumpel vom Motorradfahren, gegen 400 Schweizer Franken verkauft habe.

G. bestritt aber weiter, dass er die beiden bestellten und ausgelieferten Pistolen "in den Fingern" hatte. Über diese Änderung der Angaben des Schweizers berichtete Patrick R. am Mittwoch dem Gericht. Der 43-Jährige, Beamter der Kantons-polizei in Bern, vernahm Anton Peter G. 2009, aber auch 2012. Mit Hans Ulrich M. lieferte G. den Ermittlern eine neue Spur und auch eine mögliche Verbindung nach Thüringen. Allerdings bestreitet er weiter, etwas über den Verbleib der Pistolen zu wissen.

Schweizer Zeuge hatte eine Firma in Apolda

Ob es ihm nicht zu denken gebe, dass wegen seines verkauften Waffenerwerbsscheines zehn Menschen indirekt ums Leben gekommen seien, fragte der Schweizer Polizist damals Anton Peter G. "Nein", soll dieser geantwortet haben. "Das gebe ihm nicht zu denken", zitiert Richter Manfred Götzl das Vernehmungsprotokoll. "Fragen sie doch einen Munitionsfabrikanten", fügte G. damals noch an. Zu denken gebe ihm, dass "Neonazis in Deutschland mithilfe von V-Männern einfach schalten und walten" konnten, erklärte er stattdessen noch.

In aller Ausführlichkeit führt Manfred Götzl die Vernehmungen der beiden Männer durch die Schweizer Behörden in den Prozess ein. Denn eine der beiden am 11. April 1996 an die Adresse von Anton Peter G. ausgelieferten Pistolen der Marke "Ceska 83" mit Schalldämpfer soll die mutmaßliche NSU-Mordwaffe sein.

Ermittler des Bundeskriminalamtes waren bereits 2007 auf die Spur dieser Pistole gekommen. Allerdings fehlte ihnen bis 2012 das Bindeglied nach Thüringen und damit zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU). Das lieferte G. erst mit seinen Angaben über Hans Ulrich M. Denn dieser soll in den 1990er-Jahren in Apolda einen Abschleppservice betrieben und auch einen Freund des mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt gekannt haben.

Hans Ulrich M. bestreitet 2012 allerdings nachdrücklich, dass er von seinem Kumpel G. die beiden Ceska-Pistolen erhalten habe. Da sei er sich hunderprozentig sicher. Das stimme nicht, soll er bei seiner ersten Vernehmung im Januar 2012 gesagt haben. Er hätte nie Waffengeschäfte mit "Tönu", wie er seinen Bekannten nennt, gemacht. Auch er betonte damals, dass ihr gemeinsames Interesse das "Töfffahren", also das Motorradfahren, gewesen sei.

Die eigentlich für Patrick R. geplanten anderthalb Tage Befragung vor Gericht reichten nicht aus. Deshalb wird der Schweizer Beamte Donnerstagvormittag kurzfristig weiter als Zeuge vernommen. Während der Verhandlung am Mittwoch musste die ganztägige Befragung des Polizisten durch Richter Götzl mehrfach von kleinen Pausen unterbrochen werden, weil sich der Angeklagte Ralf Wohlleben nicht wohl fühlte. Angaben zu dessen Zustand wurden aber nicht gemacht.

Der genaue Weg der mutmaßlichen NSU-Mordwaffe ist für den Prozess wichtig. Den Angeklagten Ralf Wohlleben und Carsten S. wirft die Bundesanwaltschaft Beihilfe zum Mord in jeweils neun Fällen vor. Sie sollen in Jena am Beschaffen genau dieser Pistole beteiligt gewesen sein und auch gewusst haben, für wen die Waffe bestimmt war. Carsten S. hatte vor Gericht gestanden, den Auftrag dafür von Wohlleben erhalten und die später gelieferte Pistole samt Schalldämpfer und Munition dann zu Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach Chemnitz gebracht zu haben.

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