NSU-Prozess: Vom hartgesottenen Neonazi zum harmlosen Plattensammler

München. Jan Botho W., hartgesottener Neonazi aus Chemnitz in Sachsen, hatte die Polizei erwartet. Ziemlich genau seit dem. November 2011, dem Freitag, an dem Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die mutmaßlichen Zehnfach-Mörder, sich in Eisenach das Leben nahmen.

Blick in den Münchner Gerichtssaal. Foto: Peter Kneffel/dpa

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Als dann die Ermittler am 25. Januar 2012 seine Wohnungen durchsuchten, entdeckten sie so gut wie nichts. Nur bei seiner Ex-Freundin in Baden-Württemberg stand noch eine Kiste mit Skinhead-Musik. Er habe sie beim Auszug im Keller vergessen, gab W. zu Protokoll.

Dass er 1998 versucht haben könnte, dem NSU-Trio Waffen zu besorgen - kein Hinweis darauf. V-Mann "Piatto", der damals in der Chemnitzer "Blood & Honour"-Szene unterwegs war, hatte dies dem Brandenburger Verfassungsschutz berichtet. Er sei Schallplatten-Sammler und habe sich von der Neonazi-Szene gelöst, habe W. bei seiner Vernehmung 2012 betont. "Für die einen bin ich zu links, für die anderen zu rechts." An diese Worte konnte sich W.s damaliger Vernehmer gut erinnern. Seine Ex-Freundin gehöre eher zur linken Szene.

Die Wut auf "Piatto" in Neonazi-Szene ist groß

"Er hat die Sache relativ cool gesehen", sagte Kriminalhauptkommissar Jochen G., gestern Zeuge im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München. "Er machte einen abgeklärten Eindruck, als habe er sich vorbereitet, als habe er mit einer Durchsuchung gerechnet." So schätzte es auch der zweite Zeuge ein, der Kriminalbeamte Gerd St. aus Baden-Württemberg.

Nichts deutete am 25. Januar 2012 bei der Durchsuchung von W.s Wohnungen in Sachsen und Baden-Württemberg darauf hin, wer dieser Jan Botho W. war. Dass er in den 1990er-Jahren das neonationalsozialistische Netzwerk "Blood & Honour" in Sachsen gegründet und geleitet hat. Dass er als Organisator von Skinhead-Konzerten gute Geschäfte mit Hassmusik machte.

Dass W. eine Firma namens "Movement Records" hatte und so an der Produktion der berüchtigten Landser-CD "Ran an den Feind" beteiligt war. Dass er damit in direktem Kontakt zu den selbst ernannten "Terroristen mit E-Gitarre" stand, die der Bundesgerichtshof 2005 als "kriminelle Vereinigung" einstufte.

Auch kein Hinweis darauf, dass sich in der sächsischen "Blood & Honour"-Sektion, also in W.s engstem Umfeld, Neonazis herumtrieben, die eine besondere Nähe zum NSU-Trio hatten. Dann begann am 25. Januar 2012 die Raucherpause. Jan Botho W. und seine beiden Vernehmer gingen in den Innenhof der Polizeibehörde, wo kein Tonband mitlief. Plötzlich rückte W., so könnte man meinen, mit der Sprache raus. Damals, 1998, habe eine Person ihm eine Waffe angeboten. Die Person sei bezahlter V-Mann des Verfassungsschutzes gewesen und habe auch anderen Personen Waffen vermittelt.

Was Jan Botho W. damit ausdrücken wollte, lässt sich wohl am besten so erklären: Er geht in die Offensive und wirft dem Verfassungsschutz vor, dieser habe die Militarisierung der rechtsextremen Szene gezielt vorangetrieben. Diesen Vorwurf haben bereits andere Ex-Neonazis erhoben.

Die Frage bleibt: Wie ist die Nachricht zu deuten, die 1998 von W.s Handy verschickt wurde: "Was ist mit den Bums?" Sie landete auf dem "Diensthandy" des brandenburgischen V-Manns "Piatto" alias Carsten Szczepanski. Und der informierte umgehend seinen V-Mann-Führer.

Eines ist auch klar: Die Wut in der Neonazi-Szene auf "Piatto" ist groß. So groß wie der Wunsch auf Rache. Über 120 Neonazis soll "Piatto" den Behörden Informationen geliefert haben. Seit 2000 lebt er mit neuer Identität an einem unbekannten Ort. Die Polizei schützt ihn seit 14 Jahren.

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