NSU-Prozess: Was wusste Ace_79?

München. Auch diese Woche sind mehrere Neonazis aus Thüringen im NSU-Prozess als Zeugen geladen. Doch ob sie substanziell aussagen werden, erscheint mehr als fraglich.

Thomas G., der sich im Internet "Ace_79" nennt, ist am Dienstag als Zeuge im NSU-Prozess geladen. Archiv-Foto: Sascha Fromm

Thomas G., der sich im Internet "Ace_79" nennt, ist am Dienstag als Zeuge im NSU-Prozess geladen. Archiv-Foto: Sascha Fromm

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Vergangene Woche wurde der frühere Thüringer NPD-Funktionär und Verfassungsschutz-Spitzel Tino Brandt wegen des Verdachts des Kindesmissbrauchs verhaftet. Thomas G. fand dies offensichtlich ganz prima. "V-Mann Ratte und bundesrepublikanischer Agent Brandt endlich in U-Haft!", freute sich der Mann, der sich im Internet "Ace_79" nennt, im sozialen Netzwerk Twitter.

Die beiden Männer kennen sich seit langem. Als Brandt in den 1990er Jahren den "Thüringer Heimatschutz" (THS) aufbaute, war G. aus dem ostthüringischen Altenburg mit dabei. Besonders eng soll er damals mit Ralf Wohlleben befreundet gewesen sein – und natürlich auch die THS-Mitglieder Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gekannt haben.

Thomas G. entwickelte sich damals zu einem der wichtigsten Rechtsextremisten der Region und schaffte es mehrfach in Verfassungsschutzberichte. Er gründete etliche neonazistischen Gruppen oder gehörte ihnen an. Als er wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis saß, initiierte er einen sogenannten Kameradschaftsbund für rechtsradikale Häftlinge. Später versuchte er sich – dem allgemeinen Trend in der Szene folgend – mit Vereinen und sozialkritischen Demonstrationen eine zivilgesellschaftliche Tarnung zu geben.

Für diesen Dienstag ist G. vor das Oberlandesgericht in München als Zeuge geladen, wo er neben Beate Zschäpe auch ihrem Mitangeklagten Wohlleben wieder begegnen wird. Seinem alten Kameraden hatte er im Netz schon mehrfach Solidarität ("Freiheit für Wolle") bekundet. Zu Beginn des NSU-Prozesses im Mai 2013 twitterte er: "1. Tag der Schande! Die einzig positive Tatsache ist: JEDER Prozesstag in diesem unsäglichen AFFENTHEATER bringt uns näher ans Ende der brD!"

Ob G. in München freimütig aussagen wird, darf mithin bezweifelt werden. Auch wenn der Mann nahe Altenburg inzwischen eine Familie gegründet hat und nicht mehr stark in der Szene aktiv zu sein scheint, so hat er offenbar seine Einstellung nicht geändert. Der Staat bleibt sein erklärter Feind.

Dabei liegt die Vermutung nahe, dass der Neonazi auch nach dem Abtauchen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe im Januar 1998 zu dem sich damals bildenden NSU Kontakt hatte. So benutzte er mindestens im Jahr 2006 den Klarnamen von Mandy S. in mehreren einschlägigen Internetformen als Passwort. Die Frau hatte dem Trio in den ersten Monaten nach ihrer Flucht geholfen. Beate Zschäpe benutzte zudem ihren Namen jahrelang als Tarnidentität.

Thomas G. gilt deshalb als wichtiger Zeuge. Für ihn ist in München ein gesamter Tag reserviert, um auch der Nebenklage ausreichend Zeit für Nachfragen zu geben. Doch es dürfte dabei ähnlich zäh vorangehen wie bei der Aussage von Enrico T., der am Mittwoch bereits zum zweiten Mal vor Gericht geladen ist.

Der Lokführer aus Jena hatte in den 1990er Jahren zusammen mit Böhnhardt Diebestouren unternommen und auch Wohlleben eng gekannt. Und: T. spekulierte in einer polizeilichen Vernehmung nach dem Auffliegen des NSU darüber, dass sein früherer Freund Böhnhardt womöglich an einem Jenaer Kindesmord aus dem Jahr 1994 beteiligt war. Auch deshalb wurden zuletzt die noch laufenden Ermittlungen zu dem Tod des 9-jährigen Bernd Beckmann wieder verstärkt.

Enrico T. wird am Mittwoch mit einem Zeugenbeistand erscheinen. Der Rechtsanwalt soll ihm bei der Entscheidung helfen, wann er von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch macht. Nach Informationen unserer Zeitung handelt es sich bei dem Beistand um einen Juristen, der schon mehrfach Rechtsradikale vertreten hat.

Für den Donnerstagmorgen ist schließlich Juliane W. geladen. Die Ex-Freundin des Angeklagten Wohlleben hatte dem Trio bei der Flucht im Jahr 1998 geholfen und sich danach einige Male mit Beamten des Verfassungsschutzes getroffen. Da sich W. bei ihrer ersten Vernehmung nur wenig auskunftsbereit zeigte, hat das Gericht für ihre Aussage nur wenig Zeit eingeplant.

Die Lücken, die durch derlei Sprachlosigkeit entstehen, sollen in dieser Woche zwei Polizeibeamte füllen, die bei den Vernehmungen von Thomas S. dabei waren. Der Neonazi hatte dem Trio bei der Flucht geholfen und Sprengstoff besorgt.

Tino Brandt ist übrigens Mitte Juli für drei Verhandlungstage geladen. Die Strafprozessordnung ermöglicht es, ihn aus der Untersuchungshaft in Thüringen nach München zu überstellen. Doch es ist zweifelhaft, ob er umfangreich aussagt. Brandt wird nicht nur des Kindesmissbrauchs sondern auch der Zuhälterei und des Betrugs beschuldigt – wobei die mutmaßlichen Taten in engen Bezug zur rechtsextremen Szene stehen.

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