NSU-Prozess: Zeuge belastet Ralf Wohlleben schwer

München. Kay S. war 15, als die Mauer fiel, „ein typisches Wendekind“, wie er sagt. Er lebte dort, wo er immer noch lebt, in den Plattenbauten im Süden Jenas, nahe der Autobahn 4.

Im Bild zu sehen ist der Angeklagte Ralf Wohlleben (r.). Foto: Sascha Fromm

Im Bild zu sehen ist der Angeklagte Ralf Wohlleben (r.). Foto: Sascha Fromm

Foto: zgt

Nun ist er 40, ein überaus unauffälliger Mann mit Brille, der sich als „Vollzugsbeamter im Angestelltenverhältnis“ bezeichnet. Er ist an diesem Mittwoch als Zeuge vor das Oberlandesgericht München geladen, um darüber zu reden, wie es damals war, mit den drei Menschen, die heute oft nur noch das „NSU-Trio“ genannt werden.

Er redet stockend, macht viele Pausen. Er habe Angst, sagt er, durch seine Aussage „ins gesellschaftliche Aus“ zu geraten, seinen Job zu verlieren. Es tue ihm leid, was geschah. „Das Wissen, dass ich eine Grenze überschritten habe, beschäftigt mich.“

Aber Kay S. redet. Und nicht nur das: Er gesteht. „Als Jugendlicher denkt man oft schwarz-weiß“, sagt er. „Wir hatten gelernt, das Böse ist im Westen“, sagt er. „Dann war es anders rum. Ich habe gedacht, wenn das Linke falsch war, dann ist das Rechte richtig.“

Kay S. war rechts, ein Skinhead. Mit 17 flog er zu Hause raus und „schlief mal da, mal dort“. Ein Sozialarbeiter besorgte ihm in Jena-Winzerla einen Job im Jugendclub, wo auch Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe verkehrten. Man traf sich fast täglich.

Neben Mundlos habe ihm insbesondere Zschäpe beigestanden, wenn es ihm schlecht gegangen sei. Besonders sie sei stets „freundlich“, „offen“ und „selbstbewusst“ gewesen. Er könnte „nichts Negatives“ über sie sagen.

Zu Uwe Böhnhardt fällt hingegen Kay S. so einiges ein. Die Aggressivität gegenüber „Leuten, die nicht seiner Meinung“ gewesen seien und das „Faible für Waffen“ störten ihn. „Ich war der Meinung, dass er ziemlich sadistisch ist“, sagt der Zeuge. „Er muss ein Kaninchen gehabt haben, dass er lebendig begrub.“

Ab Mitte der 1990er Jahre, sagt Kay S., habe es eine „Radikalisierung in der rechten Szene“ gegeben. „Bis dahin waren wir Jugendliche mit einem bestimmten Kleidungsstil, die eine bestimmte Musik gehört hatte. Dann aber sollte man politisch aktiv werden, zu Schulungen und Aufmärschen gehen, um das rechte Weltbild zu festigen.“ Doch da habe er nicht mitgemacht.

Das heißt, mindestens einmal machte er doch mit. 1996 besuchte Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, die Stadt Weimar. Am Tag seiner Anreise hing eine Puppe von einer Autobahnbrücke nahe Jena, mit aufgenähten Davidsternen und der Aufschrift „Jude“.

Die Polizei fand am Tatort einen Fingerabdruck von Böhnhardt, der zuvor schon im Gefängnis gesessen hatte. Das Amtsgericht Jena veurteilte ihn auch wegen anderer Delikte zu dreieinhalb Jahren Haft.

Doch das Landgericht Gera reduzierte in zweiter Instanz die Strafe erheblich, weil die Urheberschaft der Puppe nicht zweifelsfrei belegt sei. Schließlich behaupteten ja mehrere Entlastungszeugen, sie alle seien gemeinsam zum Zeitpunkt der Tat ganz woanders auf einer Feier gewesen.

Die Zeugen hießen Uwe Mundlos, Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben – und Kay S. Er sei, sagt er in München, schon Wochen vor der Tat von Mundlos und Böhnhardt als „Alibi-Zeuge“ angeworben worden. „Ich habe zugesagt, obwohl ich hätte Nein sagen müssen.“

Worum es genau ging, will Kay S. dann erst am Tag der Tat erfahren haben. „Irgendwann kamen sie auf mich zu, sagten, jetzt ist es soweit. Aus dieser Nummer kam ich nicht mehr raus. Das Alibi war eine Feierlichkeit auf einem Dorf. Dann sind wir losgefahren und haben diese Puppe aufgehängt.“

Auch die anderen, die damals vor Gericht auftraten, seien mit auf der Brücke gewesen: Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe und Wohlleben. „Es tut mir leid, dass ich damals gelogen habe, auch vor Gericht“, sagt Kay S.

Für Wohlleben ist der Mann ein unangenehmer Zeuge. Nicht nur die neue Aussage, dass er bei der Aktion auf der Autobahnbrücke dabei war, belastet ihn schwer – zumal sie sich bisher nicht in den Akten findet. Kay S. beschreibt außerdem, wie Wohlleben ihn nach der Flucht des Trios aufforderte, Geld zu spenden, was er aber angeblich verweigerte.

Der Verteidigung der Hauptangeklagten wiederum dürfte zumindest nicht der gesamte Auftritt missfallen haben. Denn viel mehr als dass Zschäpe „rechts“ war, vermag Kay S. nichts über ihre politischen Ansichten zu sagen. Stattdessen berichtet er von dem letzten Gespräch, dass er mit Zschäpe kurz vor ihrer Flucht im Januar 1998 geführt habe. „Sie hatte ziemlich starke Probleme mit Mundlos und Böhnhardt, weil sie ihre ganze Familie als asozial bezeichnet hatten“, sagt er. „Das hat sie sehr belastet.“

Der Richter zitiert ergänzend einen Satz, den der Zeuge in einer polizeilichen Vernehmung vor drei Jahren sagte: „Von meinem Eindruck her wollte sie raus.“