NSU-Prozess: Zeuge muss Nazi-Tätowierung mit Pflaster abkleben

München  München. Ein sächsischer Rechtsextremist provoziert – und kann sich ansonsten an wenig erinnern.

Richter Manfred Götzl leitet den Prozess um die Morde und Terroranschläge des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Foto: Andreas Gebert/dpa

Richter Manfred Götzl leitet den Prozess um die Morde und Terroranschläge des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Foto: Andreas Gebert/dpa

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Der Zeuge ist groß und kräftig, die Tätowierungen, darunter ein großer Totenschädel, reichen vom Kragen des Kapuzenpullovers bis weit hinauf auf den kahlen Kopf, den er unruhig hin- und herwiegt. Über der linken Schläfe steht „Blut und Ehre“, so wie es einst auf den Koppelschlössern und Fahrtenmessern der Hitlerjugend stand.

Die Parole gilt als Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Wer sie offen trägt, macht sich strafbar. „Mütze aufsetzen ist doch im Gerichtssaal verboten“, sagt André K., als er von der Bundesanwaltschaft darauf hingewiesen wird, und fläzt sich besonders breit in seinen Stuhl.

Später, in einer Verhandlungspause, muss er den Spruch mit einem Pflaster abkleben. Zudem teilt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl mit, dass die bayerische Landespolizei Strafanzeige gegen ihn gestellt habe.

André K. wurde erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen. 37 Jahre alt sei er und gelernter Bäcker, sagt er in Sächsisch. Beschäftigung? „Zurzeit nix.“

Der Zeuge gilt als wichtiger Helfer des Trios

Der Zeuge gehörte Anfang des vergangenen Jahrzehnts zur „Weißen Bruderschaft Erzgebirge“. Die Gründer der rechtsex-tremistischen Organisation, der etwa 20 Leute angehörten, waren die Zwillingsbrüder André und Maik E., die auch eine Postille herausgaben, in der sie sich über die Überlegenheit der arischen Rasse ausließen.

André E. ist im NSU-Prozess wegen der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Er gilt als einer der wichtigsten Helfer des Trios. Schon 1999 soll er ihnen in Chemnitz eine Wohnung besorgt haben. Später besuchte er sie regelmäßig in Zwickau, auch gemeinsam mit seiner Frau Susanne. Am 4. November 2011, als Beate Zschäpe aus der brennenden Wohnung flüchtete, soll er sie zum Bahnhof gefahren haben.

Die Vernehmung des Zeugen, der auf Antrag der Nebenkläger geladen ist, läuft so, wie sie bei vormaligen oder aktuellen Neonazis meistens in München läuft. Obschon er der Polizei in zwei Vernehmungen einiges erzählt hatte, will er sich jetzt, vor Gericht, an fast nichts mehr erinnern. Seine Lieblingsantwort an diesem Dienstagvormittag lautet: „Keine Ahnung“.

Zur Gründung der selbst ernannten Bruderschaft sagt er zum Beispiel: „Da hat man sich näher kennengelernt. Na, haben wir gesagt, wollen wir nicht irgendwas gründen? Und das hat man auch getan. Partys organisiert, Eigenprojekte geplant, Konzerte ausgewertet. So etwas.“

Alle zwei Wochen habe man sich getroffen, in Kneipen oder Sportlerheimen, in irgendwelchen Dörfern im Erzgebirge. Was man während der Treffen gemacht habe?, fragt Richter Götzl. „Nichts weiter, geredet über Partys, war’n geiles Wochenende und so.“

Nebenkläger droht mit rechtlichen Schritten

Gab es Hefte, die herausgegeben wurden? „Ja, da standen Berichte von Konzerten drin, nichts Weltbewegendes.“ Wie die Zeitungen hießen: „Weiß ich nicht.“ Haben Sie die gelesen? „Nicht wirklich.“ Wissen Sie, wer die Artikel geschrieben hat? „Ne.“

Die absurde Vorstellung, die im Schwurgerichtssaal des Münchner Justizzentrums aufgeführt wird, beobachten diesmal nur wenige Journalisten. In einem Nachbarsaal wird Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen der Prozess gemacht, dies erscheint vielen an diesem Tag interessanter.

Immerhin bestätigte der Zeuge auf viele, immer neue Nachfragen die zentralen Aussagen seiner polizeilichen Vernehmungen: dass die Brüder E. damals „die Chefs“ waren, dass es um die Herrschaft der weißen Rasse ging und auch dass über Gewalt gegen Ausländer diskutiert wurde.

Nachdem die Vernehmung vorbei ist, erklärt der Nebenklagevertreter Sebastian Scharmer, dass auch dieser Auftritt eine „dreiste Missachtung des Gerichts“ dargestellt habe. Er erwarte, dass spätestens nach dem Abschluss des NSU-Prozesses rechtliche Schritte gegen André K. und alle anderen Zeugen eingeleitet würden, welche die Aufklärung behindert hätten.

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