NSU-Trio besaß vermutlich 1998 schon Waffen - Akten wurden vernichtet

Erfurt. Die sächsische Justiz hat Ermittlungen eingeleitet, weil Akten zu einem bewaffneten Raubüberfall im Jahr 1998 in Chemnitz vernichtet wurden. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Görlitz bestätigte unserer Zeitung, dass "ein entsprechendes Verfahren hier anhängig und in Bearbeitung ist".

Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren vermutlich schon 1998 in Waffenbesitz. Archivfoto: dpa

Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren vermutlich schon 1998 in Waffenbesitz. Archivfoto: dpa

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Der Kölner Rechtsanwalt Eberhardt Reinecke, der im Münchner NSU-Prozess als Nebenkläger Opfer des Nagelbombenanschlags in Köln aus dem Jahr 2004 vertritt, hatte Mitte November eine Anzeige an das sächsische Justizministerium gesandt. Von dort wurde sie nach Information unserer Zeitung an die Staatsanwaltschaft nach Görlitz weitergeleitet. Der Rechtsanwalt wirft der Chemnitzer Staatsanwaltschaft "Urkundenunterdrückung" oder sogar "Strafvereitelung im Amt" vor.

Sollte sich der Vorwurf bewahrheiten, wäre es ein weiterer Fall von unzulässiger Aktenvernichtung beim NSU-Komplex. Der NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag hat bereits Fälle von Aktenvernichtung vor allem beim Bundesamt für Verfassungsschutz aufgedeckt.

Hintergrund der Anzeige ist ein in der Anklage der Bundesanwaltschaft für den NSU-Prozess erwähnter Raubüberfall vom 18. Dezember 1998. Danach sollen an diesem Abend Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt einen Supermarkt in einer Chemnitzer Plattenbausiedlung ausgeraubt haben. Laut Anklage forderten zwei mit Tüchern und Wollmützen vermummte Täter von einer Kassiererin die Tageseinnahmen. Einer der beiden jungen Männer soll die Frau mit einer Pistole bedroht haben.

Die Verkäuferin übergab das Geld. Als die Täter flüchteten, folgte ihnen ein 16-Jähriger. Laut Bundesanwaltschaft sollen die Räuber mehrfach gezielt auf dessen Brust und Kopf geschossen haben, so dass er von der Verfolgung abließ. Die Ermittler fanden damals Einschussspuren an einer Hauswand. Mundlos und Böhnhardt seien damals mit rund 30.000 Mark entkommen.

Anfang einer ganzen Serie bewaffneter Überfälle

Sollte der Vorwurf stimmen, dann wäre das der erste bekannt gewordene Raub einer ganzen Serie von bewaffneten Überfällen, die dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zur Last gelegt werden. Zum Zeitpunkt des Überfalls wohnten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt offenbar in Chemnitz.

Der Überfall wäre auch der erste Beleg dafür, dass sich das Trio bereits im Jahr 1998 Schusswaffen besorgt haben könnte. Doch was genau die sächsischen Ermittler damals herausfanden, ist nicht mehr nachvollziehbar: "Es existieren hierzu weder Datensätze in der Staatsanwaltschaft Chemnitz noch eine Ermittlungsakte, weil diese nach Ablauf der betreffenden Archivierungsfristen vernichtet wurde", zitiert Rechtsanwalt Reinecke in seiner Anzeige.

Allerdings fand sich der Vorgang noch im Auskunftssystem der Polizeidirektion, so dass eine Kassiererin als Zeugin für den Raubüberfall noch ausfindig gemacht werden konnte. Und die sächsische Polizei hatte drei am Tatort sichergestellte Patronenhülsen noch in ihrer Asservatenkammer gelagert.

Laut einem Gutachten des Bundeskriminalamtes sollen diese drei Hülsen und zwei weitere Hülsen, die Ende 2011 im mutmaßlich letzten NSU-Quartier in Zwickau gefunden wurden, aus der gleichen Waffe abgefeuert worden sein. Wegen dieser Übereinstimmung und der damaligen Täterbeschreibung geht die Bundesanwaltschaft davon aus, dass Mundlos und Böhnhardt 1998 den Überfall begangen haben.

Rechtsanwalt Reinecke sieht die Aktenvernichtung im Gegensatz zum Chemnitzer Oberstaatsanwalt als "unzulässig" an. Er verweist darauf, dass die Bundesanwaltschaft den Überfall wegen der Schüsse unter anderem als "versuchten Mord" bewertet. Dann hätten die Akten nicht vernichtet werden dürfen, weil diese Tat nicht verjährt. Auch bei einem "schweren Raub" hätten die Unterlagen nicht geschreddert werden dürfen. Dann würde die Verjährungsfrist 20 Jahre betragen.

Alle Infos zum NSU-Prozess in München

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