Organisierte Kriminalität: Die abgeschottete Welt arabischer Clans

Berlin/Essen  Wegen Schwerverbrechen geraten Mitglieder von Großfamilien ins Visier der Polizei. Sie leben nach ihren eigenen Gesetzen.

Polizeibeamte suchen im Oktober 2014 nach dem Einbruch in eine Sparkassenfiliale in Berlin nach Spuren.

Foto: dpa Picture-Alliance/Wolfgang Kumm

In seinem bekanntesten Lied ist Khaled M. der „Schneemann“. Der Rapper inszeniert sich in dem Musikvideo-Clip als Kokain-Dealer. Schnelle Autos mit abgedunkelten Scheiben, ein Polizeiwagen mit Blaulicht fährt am Kottbusser Tor in Berlin vor. Vor dem „Schneemann“ liegen jede Menge 500-Euro-Scheine. Er singt: „Edelweißes unterm Lenkrad, für die Kunden frisch verpackt, und die Kapseln gehen zum Kunden“, heißt es. Oder: „Bei uns sprechen Waffen, ihr seht uns vor Gericht, Staatsanwalt grüßt, er kennt mein Gesicht.“ Wenn Khaled M. rappt, nennt er sich Dapharao. Der junge Mann gehört zu einer bekannten arabischen Großfamilie mit mehreren Tausend Verwandten, die vor allem in Berlin und im Ruhrgebiet leben. Einzelne Mitglieder sind der Polizei bekannt, mehrfach fielen Urteile gegen Angehörige. Es ging um Raub, Gewalttaten, Drogenhandel.

Bei dem Treffen in einem Café am Mierendorffplatz in Berlin-Charlottenburg wirkt Khaled M. weniger bedrohlich als in dem Video-Clip. Er trägt ein DFB-Trikot, Bart und Sonnenbrille. M. ist höflich, und wenn er einen Gedanken ausgeführt hat, erkundigt er sich, ob der Gesprächspartner verstanden hat. Er kennt die Welt der Familien nicht nur aus den Schlagzeilen. Khaled M. wirkt fast wie ein Sänger aus einer Boygroup. Wäre da nicht das Silberkettchen in Form einer Kalaschnikow.

Wie er auf die Idee gekommen ist, sich in dem „Schneemann“-Video als Drogenkurier zu inszenieren, darüber will Khaled M. nicht sprechen. Dafür erzählt er von seiner Familie. „Mein einziges Gesetz sind meine Eltern“, sagt M. Verpflichtet fühlt er sich den Verwandten. „Wenn mir was Schlimmes passiert, weiß ich genau, so, da stehen locker zwei, drei Hundertschaften hinter mir.“

In Berlin gibt es etwa 20 Großfamilien mit bis zu 500 Mitgliedern. Allein in Neukölln leben zehn. Es sind Stadtteile, in denen Familien mit Wurzeln im Libanon oder der Türkei Immobilien und Geschäfte besitzen. In denen sie sich in Cafés treffen und feiern, in denen sie Geschäfte machen – laut Polizei nicht selten auch illegale. Hotspots sind Berlin und Bremen, vor allem auch Nordrhein-Westfalen: Essen, Duisburg, Dortmund.

Verbrechen, die Mitglieder dieser Familien begangenen haben sollen, machen Schlagzeilen: Raubüberfall im Kaufhaus KaDeWe 2014. Einbruch ins Bode-Museum 2017 – Beute: eine 100 Kilo schwere Goldmünze. Die Ermittlungen laufen. Im Fokus: Familie R., die Mitte der Neunziger aus dem Libanon nach Berlin geflohen war. Im Juni 2017 kommt es in der westfälischen Kleinstadt Oer-Erkenschwick zu einer Schießerei verfeindeter Gruppen. Erst kürzlich entdeckten Zollfahnder 2376 Kilo Tabak für Wasserpfeifen aus illegalen Geschäften in einer Lagerhalle bei Düsseldorf. Im Visier der Ermittler: eine zwölfköpfige Familienbande.

Es gibt die Polizeimeldungen und die warnenden Stimmen von Politikern. Doch einen Blick in die Welt der Clans abseits der Schlagzeilen erhält nur, wer mit ihnen spricht. Das ist nicht leicht. Denn die Familien bleiben unter sich.

Ein Team der Berliner Morgenpost und des ARD-Politikmagazins „Kontraste“ vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) hat Einblicke in die Welt der Clans bekommen. Zu den wenigen, die nach langen Vorgesprächen zu einem Interview bereit sind, gehört Khaled M. Von dem Interview verspricht er sich vielleicht etwas Aufwind für seinen bisher überschaubaren Erfolg als Musiker. Vielleicht will er zeigen, dass hinter dem Rapper Dapharao die Geschichte des Khaled M. steht.

Aus mehreren Großfamilien machen junger Männer Geld mit Gangster-Musik, ihre Vorbilder sind Rapper wie Bushido und Kollegah oder Gzuz aus Hamburg. Und jeder schart seine Anhänger wie ein Schutzwall um sich. Khaled M. sagt: „Es ist nötig, es ist nötig in Deutschland. Weil sonst kommen die Haie, das ist ein Haifischbecken. Ja, und du bist so eine kleine Kaulquappe, was auch immer.“ Der Job, über den Khaled M. nur singt – Tarek macht ihn wirklich. Auch er gehört zu einer großen Familie aus Neukölln. Mit seinem „Koks-Taxi“ liefert er bis vor die Haustür. Bestellt wird per Handy – von Kunden aus allen Schichten. „Friedrichshain, Prenzlauer Berg halt. Ganz normale Leute. So Leute wie euch“, sagt Tarek.

Weil er Straftaten begeht, will er sich nicht offen zeigen. Er trägt einen Kapuzenpullover, als er seinen Audi durch die Berliner Straßen steuert und über seine Geschäfte spricht. Ein Anruf, und Tarek lenkt seinen Wagen zielsicher durch die Berliner Szenekieze. Ein Navigationsgerät braucht er nicht. Seine Kunden in den Ausgehbezirken kontaktieren ihn regelmäßig. Warum machen andere Deutsche den Job nicht? „Deutsche? Deutsche sind fleißig in der Schule, die meisten oder nicht? Die leben ja nicht von Hartz IV. Die meisten, die von Hartz IV leben, sind ja Araber, Türken. Und wer nicht mit Schule weiterkommt, fängt an, irgendwas auf der Straße aufzubauen“, sagt Tarek.

Viele Hundert Menschen gehören zu den bekannten Familien. Für Polizei und Politik ist „Clan“ mehr und mehr zur Chiffre für „kriminell“ geworden. Wer ihre Profile auf Facebook verfolgt oder von ihren Geschichten hört, trifft auch auf junge Männer, die Karriere als Kleinunternehmer, als Zahnarzt oder Apotheker, als Fitnesstrainer oder Ladenbesitzer gemacht haben. Ein junger Mann ist sogar Mitglied im Essener Stadtrat.

500 Kilometer entfernt steht Walid O. neben einem Sportplatz. Er ist mitgereist zum Auswärtsspiel nach Erkenschwick, ein paar Kilometer von seinem Zuhause entfernt, mitten im Ruhrgebiet. Auf dem Platz laufen sich die Spieler warm. Sie tragen lila Trikots mit weißen Rückennummern. Darüber stehen die Namen der Spieler, jeder heißt O. Alle gehören zu einer Familie.

Am Tag davor ist Walid O. mit einem älteren Mann unterwegs in Dortmund. Vor Jahren ist O. ins Ruhrgebiet gezogen. In dem Viertel kennt er viele Ladenbesitzer, grüßt den Friseur und den Döner-Verkäufer, trifft Freunde. „Die Jungs sind alles Bekannte von uns, unsere Jungs. Und das ist der Club für diese Jungs, respektvolle Jungs. Auch aus der Türkei“, sagt Walid O., sein Deutsch hat einen starken Akzent. Früher saß O. längere Zeit im Gefängnis. Er soll einen Konkurrenten mit mehreren Messerstichen verletzt haben. Heute lebt er ruhiger, aber sein Name hat im Viertel noch Gewicht.

Dortmund, Duisburg, Essen. Neben Berlin, Bremen und Niedersachsen ist NRW das Bundesland mit den größten Einwandererfamilien. Die Regierung spricht von 2800 Mitgliedern in insgesamt 70 Familien. Ein Richter von 5000 Libanesen in zwölf Familien.

Es wurde weggeschaut, es wurden Fehler gemacht

Was lief schief zwischen dem deutschen Staat und den Familien? Es wurde lange weggeschaut, es wurden Fehler gemacht. Bis 1990 tobt im Libanon ein Bürgerkrieg. Unter der Gewalt leidet auch eine Gruppe: die Mhallamiye-Kurden, die einst aus ihren Dörfern in der anatolischen Türkei ausgewandert waren. Als auch die Mhallamiye in die Gefechte geraten, fliehen viele nach Deutschland. Bis Ende der 1990er-Jahre kommen laut Schätzungen 100 000 bis 200 000 Menschen.

Zu den Mhallamiye gehören viele, die heute zu den Clans zählen. Doch statt auf Hilfe setzt Deutschland damals auf schärfere Gesetze. Jahrelang leben Familien isoliert in Asylheimen, ihren Zugang zum Arbeitsmarkt schränken die Behörden ein. Und wo sich der Staat zurückzieht, bleibt nur die Familie.

Und es bleibt oft ein eigenes Verständnis von Recht. Jamal A. ist ein sogenannter Friedensrichter, die moralische Instanz für mehrere Tausend Mitglieder, wie Gesprächspartner erzählen. Der ältere Mann sitzt in einem Essener Café, trägt ein schwarzes Sakko. Warum braucht es Männer wie ihn? „Weil wir die Angelegenheiten regeln können, die der Staat nicht lösen kann. Wenn ein, zwei Leichen auf den Boden fallen, klären wir das innerhalb von zwei Wochen. Wir sind doch eine Sippe, wir sind als Großfamilien unter uns.“ Jamal A. ist überzeugt, ohne dieses System der eigenen Justiz wären die Konflikte viel gewalttätiger. „Dann hätte es in Essen schon 50 Tote gegeben.“

Ermittler Thomas Jungbluth vom LKA Düsseldorf sieht es anders. „Kriminelle Mitglieder von Clans schaffen in Stadtvierteln mancher Großstädte ein Umfeld, in dem sie mehr und mehr nach eigenen Regeln leben wollen.“ Nicht nach den Gesetzen des Staates. Das, so Jungbluth, sei Nährboden für organisierte Kriminalität.

„Die Clans – Wie arabische Großfamilien in Deutschland herrschen“, heute in „Kon-traste“, 21.45 Uhr, ARD

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