Skandal um Sportmediziner: Trotz Hinweisen verzichtet Thüringen auf Dopingermittlungen

München  Die Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft reagiert auf einen Fernsehbeitrag. Ortsnamen wie Oberhof und Luisenthal erregen hierzulande dagegen kein Interesse.

Der Erfurter Sportmediziner Mark Schmidt (links).

Der Erfurter Sportmediziner Mark Schmidt (links).

Foto: Sascha Fromm

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Vergangenen Mittwoch rückten Zollfahnder in einer Erfurter Arztpraxis an. Sie durchsuchten Räume und weitere Objekte. Mit der Razzia wird ein Doping-Skandal publik, dessen Ausmaß nicht absehbar ist.

Es waren keine Thüringer Ermittler, die sich in der verdächtigen Arztpraxis umschauten. Die Zollbeamten kamen aus Bayern. Denn in der Sache ermitteln Zollfahnder aus Nürnberg und Lindau am Bodensee. Federführend ist die Staatsanwaltschaft München I. Dort beschäftigt sich eine Schwerpunktabteilung mit dem Thema Doping.

Und die Münchner Staatsanwälte hatte am 17. Januar genau hingehört. In der ARD erzählte der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr über sein Blutdoping. Er nennt München und die Raststätte Irschenberg als mögliche Dopingorte.

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Das reicht der Schwerpunktstaatsanwaltschaft, Ermittlungen gegen unbekannt einzuleiten, bestätigt Behördensprecherin Anne Leiding der Thüringer Allgemeinen. Die Münchner sprechen kurz darauf mit Johannes Dürr und erfahren offenbar weitere Details. Die Ankläger haben nun konkrete Spuren.

Doch Johannes Dürr erzählt in dem ARD-Beitrag auch über Oberhof und davon, dass dort Blutdoping nicht möglich war, weil er nicht allein auf seinem Hotelzimmer wohnte. Der Beitrag zeigt das Ortsschild von Luisenthal, einer Gemeinde im Kreis Gotha, die nur wenige Kilometer von Oberhof entfernt liegt. Offenbar bekam der Sportler dort sein zuvor manipuliertes Blut vor einem Wettkampf wieder zurück gespritzt.

Im Gegensatz zu den Münchner Staatsanwälten sehen Thüringer Ankläger keinen Anlass für Ermittlungen, beispielsweise um den Sportler intensiver zu vernehmen. Das ergaben Nachfragen der Thüringer Allgemeinen bei der Staatsanwaltschaft in Meiningen.

Die Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft treibt dagegen sechs Wochen lang ihr Verfahren voran. Um dem Verdacht des Blutdopings nachzugehen, werden auch „operative Maßnahmen“, eingeleitet, bestätigt Anne Leiding.

Denkbar sind unter anderem das Mithören bei Telefongesprächen bis hin zum Mitlesen von Textnachrichten. Die Ermittler sammeln so viel Informationen, bis die Faktenlage für Durchsuchungsbeschlüsse ausreicht.

Zudem stimmen die Münchner ihr Vorgehen eng mit den österreichischen Behörden ab. Am 27. Februar starten Durchsuchungen sowohl in Erfurt als auch im österreichischen Seefeld, am Rande der nordischen Ski-Weltmeisterschaft.

Mit Erfolg, vier deutsche Beschuldigte, die im Verdacht stehen, gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen zu haben, werden festgenommen: der Arzt Mark Schmidt und ein mutmaßlicher Helfer in Erfurt, ein Verwandter des Mediziners sowie eine mutmaßliche Helferin bei der Ski-WM. Zudem gehen an diesem Tag den österreichischen Fahndern fünf Sportler ins Netz.

Deutsche Athleten befinden sich bisher nicht unter den Beschuldigten. Allerdings steht die Auswertung der etwa 40 Blutbeutel noch aus, die in Erfurt sichergestellt wurden. Die Ermittler setzen derzeit alles daran, Namen zu erfahren.

Seit dem Bekanntwerden des Doping-Skandals sollen in München bei den Ermittlern immer neue Hinweise auf weitere Manipulationen eingehen.

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