Terror aus Thüringen (Teil 2): Die Rolle der Beate Zschäpe

Die Rolle von Beate Zschäpe in der Zwickauer Zelle wirft noch immer jede Menge Fragen auf. War sie Mitläuferin oder Mittäterin? Die kriminelle Karriere der Thüringerin begann in den 90er-Jahren in Jena-Winzerla.

Welche Rolle spielte Beate Zschäpe in der Zwickauer Terror-Zelle? Montage: dapd

Welche Rolle spielte Beate Zschäpe in der Zwickauer Terror-Zelle? Montage: dapd

Foto: zgt

Jena. Es ist Freitag, der 4. November. Gegen Mittag meldet sich Beate Zschäpe per Telefon - erst bei Familie Mundlos, später bei den Böhnhardts. Nur eine knappe Botschaft: Die Söhne sind tot. Erschossen in einem Wohnmobil nahe Eisenach.

Beate Zschäpe spürt, dass sie allein ist. Nach dem Anruf verteilt sie den Brandbeschleuniger in der Wohnung in Zwickau, sie legt Feuer und bringt zwei Katzen zur Nachbarin. Erst vier Tage später, in denen sie angeblich auch über Selbstmord nachdenkt, stellt sie sich der Polizei. Seitdem schweigt sie zu allen Vorwürfen.

Zschäpe, 36 Jahre alt, ist die Überlebende des Terror-Trios, das fast vierzehn Jahre lang mordend durch Deutschland zog und seine Wurzeln in Thüringen hat. Über Beate Zschäpe, geborene Apel, gibt es im Zuge der Ermittlungen jede Menge Gerüchte. Killer- und Nazi-Braut wird sie von einigen beschimpft, andere finden noch bösartigere Bezeichnungen.

Beate verbringt ihre Kindheit und Jugend in Jena-Winzerla. Das Wohngebiet mit den Hochhäusern ist ein Betonmeer, grau in grau. Beate selbst stammt aus einfachen Verhältnissen, die Eltern haben sich früh getrennt. Die Heranwachsende hat nur ihre Mutter, von der sie sich jedoch Stück für Stück entfernt.

Ihre Karriere, die sie später in den Untergrund treiben wird, beginnt mit kleineren Diebstählen in der Kaufhalle. Wiederholt wird Beate Zschäpe auch beim Schwarzfahren erwischt. Wenn die Mutter mit ihr reden will, knallt sie die Tür ihres Zimmers hinter sich zu.

In der Gruppe ist Beate mutig. Gemeinsam mit ihren Kumpels klaut sie im nahen Jugendclub einen Tresor. "Der Raubzug wurde damals schnell aufgeklärt, weil die Jugendlichen mit ihrer Tat prahlten", erinnert sich Sozialarbeiter Thomas Grund, der Beate noch aus dieser Zeit kennt. Die jungen Leute versprechen Besserung.

Etwa zu dieser Zeit, 1992/93, kommt die junge Frau erstmalig auch mit Polizei und Jugendgericht in Kontakt. Ein Richter verdonnert sie zu Arbeitsstunden - wegen Körperverletzung. Beate stellt sich eben in jenem Jugendclub vor, in den sie zuvor eingebrochen ist. Sie bekommt eine Chance, arbeitet die Strafe ab.

Doch eine Entwicklung ist kaum zu übersehen. Beate Zschäpe hat einen Hang zu Gewalt. Eines Tages - der evangelische Jugendpfarrer, Lothar König, spricht von Mitte der 90er-Jahre - ist sie bei einem brutalen Angriff auf die linke Stadtjugend dabei. Der Weihnachtsmarkt im Zentrum von Jena bildet den Rahmen für die Attacke der Jungnazis. Nach einer wilden Verfolgung tritt Zschäpe einem Mädchen brutal auf die Hand, immer wieder. Das Opfer wird später mit gebrochenem Arm ins Krankenhaus gebracht.

Beate ist eine widersprüchliche Person. Während sie auf der Straße aggressiv auftritt, beschreiben Nachbarn sie als ruhig, freundlich und offen.

Bereits seit dem Jahr 1992 ist Beate Zschäpe, die ungarische Wurzeln haben soll, mit Uwe Mundlos befreundet. Der junge Mann sieht gut aus, kann sich ausdrücken und wird respektiert. Der Professorensohn ist zu jenem Zeitpunkt bereits stramm unterwegs - hinein in die rechte Szene.

Zurückhaltend bei Diskussionen

"Mundlos verstand es, die anderen in seinen Bann zu ziehen", erinnert sich Thomas Grund. Aus seiner Einstellung macht er - wie so viele andere auch - keinen Hehl. Damals trug im Plattenbau Winzerla fast jeder Zweite Bomberjacke und Springerstiefel.

Zschäpe und Mundlos finden zueinander, werden ein Paar. Sie verbringen gemeinsam ihre Freizeit, treffen sich mit Gleichaltrigen. Im Wohngebiet ist die Gruppe bekannt - und gefürchtet. Die jungen Leute lungern herum, trinken Bier und pöbeln andere an. In das Jugendzentrum geht Beate hin und wieder, meist ohne ihren Freund.

Dann stößt der vier Jahre jüngere Uwe Böhnhardt zu der Clique. Beate ist hin und her gerissen zwischen den beiden Freunden. "Mal war sie mit Böhnhardt zusammen, mal mit Mundlos - so richtig konnte sie sich nicht entscheiden", erzählen Bekannte von einst.

Die Freundschaft der drei leidet darunter aber nicht . Im Gegenteil. Beate folgt den Männern in die Kameradschaft Jena, eine eingeschworene Gemeinschaft. Auch im Thüringer Heimatschutz fallen die drei später als "unzertrennlich" auf. "Bei Diskussionen hielt sich Beate Zschäpe aber immer zurück", erinnert sich Tino Brandt, der Kopf des Netzwerkes. Zschäpe sei auch äußerlich unauffällig gewesen. "Sie trug ganz normale Klamotten." Ab und an wird sie im Wohngebiet mit einem Kampfhund gesehen.

Nach einer Gärtnerlehre findet die junge Frau keine Arbeit. Fotos zeigen sie stattdessen bei diversen Nazi-Aufmärschen. Sie ist mit Ralf Wohlleben befreundet, der Ende November 2011 in Jena als Unterstützer des Trios festgenommen wurde.

Der Staatsschutz ist schon seit geraumer Zeit auf Zschäpe aufmerksam geworden. 1998 durchsuchen Ermittler des Landeskriminalamtes ihr Zimmer in der elterlichen Wohnung. Es geht um den Bau von Rohrbomben. Die Beamten beschlagnahmen verschiedene Waffen - und ein umgebautes Monopolyspiel. Das Gefängnis-Feld ist überklebt. Hier steht nun "KZ".

Einen Tag später ist sie untergetaucht. Mit ihren Freunden.

Zschäpe muss von den Morden gewusst haben

Ihre Rolle über die folgenden 14 Jahre ist unklar. Wahrscheinlich ist, dass sie die Wohnungen anmietete, in denen sich die drei versteckten. Jedoch soll sie nie getötet haben. Auch gibt es immer wieder Gerüchte, sie habe für den Thüringer Verfassungsschutz gespitzelt. Bewiesen ist das nicht.

Aber sie muss von den Taten gewusst haben, die so eiskalt verübt wurden. Bei einer Verurteilung droht ihr eine lebenslange Haft. Den Polizisten soll sie nach ihrer Festnahme gesagt haben, die beiden Männer seien "ihre Familie" gewesen.

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