Thüringer Verein entwickelt 46 Möglichkeiten zur Deradikalisierung

Erfurt  Der Jenaer Verein Drudel 11 entwickelt und testet seit 2017 gemeinsam mit Violence Prevention Networks Strategien zur Arbeit mit radikalisierten rechtsextremen Straftätern.

Die Haftanstalt im ostthüringischen Hohenleuben ist eines der Thüringer Gefängnisse, die sich am „Zentrum Deradikalisierung im Strafvollzug“ beteiligt haben. Sollte beim künftigen Projekt die Altersgrenze strikt bei 26 Jahren enden, würde allerdings kaum noch mit Häftlingen in Hohenleuben gearbeitet werden können, da die meisten Insassen der Haftanstalt älter sind.  

Die Haftanstalt im ostthüringischen Hohenleuben ist eines der Thüringer Gefängnisse, die sich am „Zentrum Deradikalisierung im Strafvollzug“ beteiligt haben. Sollte beim künftigen Projekt die Altersgrenze strikt bei 26 Jahren enden, würde allerdings kaum noch mit Häftlingen in Hohenleuben gearbeitet werden können, da die meisten Insassen der Haftanstalt älter sind.  

Foto: Kai Mudra

In Halle erschießt am vergangenen Mittwoch ein 27-jähriger Deutscher wahllos zwei Menschen auf offener Straße. Eigentlich wollte er in seinem Hass und Geltungsdrang die Synagoge stürmen, um am Versöhnungsfest ein Massaker unter den Gläubigen anzurichten.

Der Angreifer scheitert an der schweren Eingangstür. Die Polizei kann den Rechtsterroristen nach mehrstündiger Flucht auf der Autobahn fassen. Er sitzt inzwischen in Untersuchungshaft.

Radikalisierte Rechtsextreme sitzen auch in Thüringer Gefängnissen. Für die Arbeit mit dieser Gruppe, zumeist junge Straftäter, fehlten bis vor wenigen Jahren deutschlandweit Programme und Strategien.

Auf radikalisierte Gefangene deuten im Gefängnis deren Geschäfte, Netzwerke und die Art der Kontaktpflege hin, weiß Sebastian Jende zu berichten. Nicht von allen verurteilten Straftätern ist bekannt, ob sie radikalisiert sind. Das zeige sich manchmal erst in einer veränderten Wortwahl von Häftlingen, wenn sie beispielsweise alte Gewohnheiten ablegen, ihr Aussehen oder ihre Kontakte ändern, erklärt der Vorsitzende des Jenaer Vereins Drudel 11.

Derartige Anzeichen müssen auch Justizbedienstete deuten lernen, um damit im Knastalltag umgehen zu können, ergänzt er.

Genau dieses Ziel verfolgt ein Pilotprojekt, das seit Februar 2018 in Thüringen mit Gefangenen arbeitet, aber auch mit den Justizbediensteten. Häftlingen wird in Einzel- und Gruppengesprächen Hilfe angeboten, um radikale Einstellungen zu überdenken und korrigieren zu können. Die Experten sprechen davon, sie zu „irritieren“, um sie zum Nachdenken anzuregen. Die Gefangenen sollen beginnen, sich mit ihrem Weltbild auseinandersetzen, ihre Vorstellungen zu hinterfragen.

Weniger als die Hälfte des Geldes ab nächstem Jahr

Doch die Kernaufgabe dieses knapp zweieinhalbjährigen Pilotprojektes sei die Entwicklung und Erprobung spezieller Angebote für radikalisierte Gefangene, deren Angehörige sowie für Fachkräfte im Strafvollzug und der Bewährungshilfe, erklärt Projektleiterin Alexandra Göpel dieser Zeitung. Allein für Gespräche mit diesen Strafgefangenen wurden in den vergangenen zweieinhalb Jahren 46 Methoden und 63 Arbeitsmaterialien entwickelt und in der Praxis getestet und stetig optimiert, ergänzt die Expertin.

Zudem entstanden eine Vielzahl von Schulungsmaterialien und Fortbildungsformaten für Justizvollzugsbeamte und Bewährungshelfer, um sie bei ihrer Arbeit mit radikalisierten Gefangenen und deren Angehörigen zu unterstützen.

In Thüringen konzentriert sich diese Arbeit auf rechtsextreme junge Gefangene und verurteilte Straftäter im Bereich der Bewährungshilfe. Radikalisierte Islamisten gebe es bisher in diesem Bereich im Freistaat nicht, heißt es immer wieder bei der Justiz.

Der Jenaer Verein Drudel 11 und Violence Prevention Network (VPN) aus Berlin erhalten 2017 für das Thüringer Modellprojekt gemeinsam den Zuschlag. Das Gros der Finanzierung kommt aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren und Jugend.

Zum Jahreswechsel versiegt der Geldfluss für das „Zentrum: Deradikalisierung im Strafvollzug“ vorerst. Ab nächstem Jahr soll die Arbeit mit den Gefangenen, aber auch die Schulung und Fortbildung der Justizbediensteten, im deutlich kleineren Rahmen fortgeführt werden. Das sehen die aktuellen Pläne im Land vor. Denn das dafür eingeplante Geld ist spürbar weniger geworden.

Um die im Modellprojekt gesammelten Erfahrungen mit den Gefangenen, aber auch um die geleistete Entwicklungsarbeit beim Aufbau des Programms, weiter nutzen zu können, hat sich Drudel 11 trotzdem für die weitere Finanzierung ab 2020 beworben. Die begonnene Arbeit wird der Verein allerdings künftig ohne Partner fortführen. Wie die Chancen stehen, ist aktuell schwer zu sagen. Thüringen unterstützt die Bewerbung. Eine Entscheidung über das Fortführen der Deradikalisierungsarbeit steht noch aus.

Die Pädagogik- und Extremismus-Experten von Drudel 11 arbeiten bereits länger als zwei Jahrzehnte unter anderem mit Ausstiegsprojekten, aber auch mit Programmen zur Gewaltprävention unter jungen Thüringer Strafgefangenen.

268 Justizbedienstete seit 2018 geschult

Bei einer erneuten Zusage wäre der Verein allerdings zu deutlichen Abstrichen gezwungen. Künftig würde weniger als die Hälfte des bisher geflossenen Geldes bereitstehen und das, obwohl der Bund seine Mittel nicht kürzt.

Drudel 11 konnte im ablaufenden Projekt gemeinsam mit VPN insgesamt mit 16 verurteilten Straftätern intensiv in den Gefängnissen, aber auch mit Unterstützung der Bewährungshilfe nach der Haftentlassung arbeiten, erklärt die Projektverantwortliche Alexandra Göpel. Das Besondere der Betreuung sei, dass der Übergang von der Haft in die Freiheit mit vollzogen werden könne und so eine Begleitung möglich ist. Mit weiteren 41 Häftlingen sei in Workshops gearbeitet worden.

Eines der wichtigsten Ziele ist, zu vermeiden, dass radikalisierte Gefangene andere Häftlinge in ihre Gedankenwelt hineinziehen. Auch deshalb wurden die Thüringer Justizbediensteten in den vergangenen Jahren besonders intensiv geschult und fortgebildet. Für elf von ihnen organisierten die Experten Einzelgespräche und -weiterbildungen, auch um die neu entwickelten Formate für die geplanten Fortbildungen zu testen. Allein im Rahmen des Modellprojektes konnten insgesamt 268 Justizbedienstete bei 26 Fortbildungsmaßnahmen erreicht werden.

Ein Aufreger für künftige Deradikalisierungs-Programme ist auch die Altersgrenze bis einschließlich 26 Jahre bei der Auswahl der zu betreuenden Gefangenen. Sie ergibt sich aus einer Formalie im Bundesfamilienministerium. So würde auch der Attentäter von Halle beispielsweise keine Berücksichtigung in dem Programm finden.

Auf einer Fachtagung von Drudel 11 und Violence Prevention Network Ende September in Erfurt wurde diese Einschränkung mehrfach von Experten kritisiert. Das Pilotprojekt legte die Altersbeschränkung nicht so streng aus. Künftig würde das aber bedeuten, dass nur noch in der Jugendstrafanstalt Arnstadt und bei der Bewährungshilfe Deradikalisierungsarbeit geleistet werden kann.

Die anderen Gefängnisse, wie das in Hohenleuben, würden womöglich leer ausgehen. Dabei arbeitete die Ostthüringer Haftanstalt intensiv mit dem „Zentrum: Deradikalisierung im Strafvollzug“ zusammen. Ob das Bundesfamilienministerium die Altersgrenze nach oben korrigieren wird, ist derzeit unklar.

Es wäre wichtig, weil zahlreiche radikalisierte Rechtsextreme in den Gefängnissen auch älter sind. Sollte die Beschränkung wegfallen, ist Thüringen bereit, noch einmal über eine höhre Fördersumme nachzudenken, teilte das Justizministerium gestern mit.

Gründe für die nachlassende Förderung:

  • Das Thüringer Justizministerium begründet das Reduzieren der Fördersumme für das Modellprojekt „Prävention und Deradikalisierung im Strafvollzug“ ab 2020 unter anderem mit den Vorgaben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
  • Danach soll das Projekt nach der Einführungsphase verstetigt und in einen regulären Ablauf überführt werden. Bisher habe ein Großteil der Projektarbeit in der Entwicklungstätigkeit gelegen. Diese Kosten und die Kosten für eine Evaluation würden danach künftig nicht mehr entstehen.
  • Das Thüringer Justizministerium sieht auch keinen größeren Bedarf für die Arbeit mit radikalisierten rechtsextremen Straftätern in Gefängnissen und bei der Bewährungshilfe. „Unter Berücksichtigung der Fördervorgaben des Bundes und der erfahrungsbasierten Bewertung der Bedarfslage ist eine Reduzierung des Projektumfangs unumgänglich“, heißt es in der Antwort vom Montag an diese Zeitung.

Weniger Geld für Thüringer Gefängnis-Projekt

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