Thüringer Zielfahnder spüren Verbrecher weltweit auf

Erfurt  Setzen sich Verbrecher ab und verschwinden, kommen meist die Zielfahnder des Thüringer Landeskriminalamts zum Einsatz. Wenn es sein muss, reisen sie um die halbe Welt, um die Gesuchten vor ein Gericht zu stellen.

Die Zielfahnder des Thüringer Landeskriminalamts (LKA) haben seit ihrer Gründung vor etwa 24 Jahren 239 mutmaßliche Straftäter festgenommen.

Die Zielfahnder des Thüringer Landeskriminalamts (LKA) haben seit ihrer Gründung vor etwa 24 Jahren 239 mutmaßliche Straftäter festgenommen.

Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

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Der Ausbruch muss filmreif gewesen sein: Im Oktober vergangenen Jahres flieht der Untersuchungshäftling Vasil T. aus einem Gefängnis bei Suhl, indem er sich bei der Arbeit in der Haftwerkstatt in einer Pappkiste versteckt und einfach abtransportieren lässt. Der Fall sorgt in Thüringen für Aufsehen – auch politisch.

Eine Expertenkommission soll später die Umstände der Flucht aufklären, Justizminister Dieter Lauinger (Grüne) gerät zwischenzeitlich unter Druck. Derweil setzt sich der Gesuchte ins Ausland ab – und wird zu einem Fall für die Zielfahnder des Landeskriminalamts (LKA), die ihn wieder einfangen sollen.

Vier Verdächtige haben die Zielfahnder im laufenden Jahr festgenommen – zwei davon im Ausland. Die Zielfahnder sind eine Art Elite-Einheit, spezialisiert auf das Aufspüren einzelner Personen. Vier Beamte arbeiten derzeit dort. Wenn es sein muss, reisen sie bis ans andere Ende der Welt, um einen Verdächtigen zu schnappen.

Wie im Jahr 2015, als Thüringer LKA-Beamte ein per Haftbefehl gesuchtes Paar in Mexiko aufspüren und nach Deutschland bringen. Gegen die beiden wurde unter anderem wegen des Verdachts des Betrugs und der Urkundenfälschung ermittelt. Die Polizei beziffert den Schaden auf rund 2,2 Millionen Euro. Aus Sicht der Zielfahnder war 2015 ein gutes Jahr: 14 Festnahmen, die Hälfte davon außerhalb Deutschlands.

Nicht alle Länder haben eine Auslieferungsvereinbarung mit Deutschland

Seit Gründung der Zielfahndung im Jahr 1994 haben die Ermittler 239 mutmaßliche Straftäter festgenommen, wie aus Daten des LKA hervorgeht. Acht Fälle sind nicht abgeschlossen. „In einigen Fällen wissen wir, wo sich die jeweilige Zielperson aufhält“, sagt Dezernatsleiter „Verdeckte Maßnahmen“, Jan Korb. Doch nicht immer sei eine Festnahme möglich – wenn sich der Verdächtige etwa in einem Land aufhält, in dem es den Straftatbestand gar nicht gibt, für den die deutschen Behörden ihn suchen. Den Hitler-Gruß zu zeigen etwa sei in vielen Ländern nicht verboten.

Und es gibt Länder, die keine Auslieferungsvereinbarung mit Deutschland haben. Auf Korbs Liste mit nicht beendeten Fällen wird einer wohl für immer stehen. Von der Fahndungsliste ist er jedoch gestrichen. Im Herbst 1995 sorgte ein brutaler Mord in Erfurt für Entsetzen. Ein türkischer Geschäftsmann wurde mit Maschinenpistolen niedergeschossen. Der sogenannte Erfurter Mafiamord war der Höhepunkt monatelanger Rivalitäten zwischen Türken und Ukrainern im Thüringer Rotlichtmilieu.

Die Zielfahnder sind dem Ukrainer Oleg S. auf der Spur. Er soll bereits vor dem eigentlichen Mord versucht haben, den Türken umzubringen. Die Ermittler finden im Dezember 2013 heraus, dass sich Oleg S. in Russland aufhält. Dort wird er zwar von den russischen Kollegen festgenommen, aber nicht ausgeliefert. In Russland war die Tat, der S. beschuldigt wurde, bereits verjährt.

„Das ist sehr unbefriedigend für die Kollegen. Der Mann wurde in Russland festgenommen, aber nicht ausgeliefert“, sagte Korb. Der mutmaßliche Mörder sei inzwischen auf freiem Fuß und hält sich vermutlich in der Ukraine auf. „Das muss man akzeptieren.“ Wäre der Mann noch am letzten Tag vor der Verjährung in ein EU-Land eingereist, hätten die Zielfahnder zugegriffen – wahrscheinlich direkt am Flughafen.

Spanien und Schweiz sind beliebte „Versteckländer“

Auf der Hitliste der beliebtesten Versteckländer für Verbrecher, denen die Zielfahnder auf den Fersen sind, steht mit 50 Festnahmen seit Gründung der Zielfahndung Spanien – gefolgt von der Schweiz (23 Festnahmen).

Nicht immer bearbeiten die Zielfahnder Fälle mit Verdächtigen, die sich ins Ausland abgesetzt haben. «Gerade bei langjährigen Ermittlungen oder herausragenden Sachverhalten unterstützen wir auch unsere Dienststellen im Land», sagt Korb. Seit 1994 haben die Ermittler auch in 992 Fällen unterstützt.

Den Untersuchungshäftling Vasil T. spürten die Zielfahnder im März dieses Jahres in Rumänien auf. Es wollte von Moldawien aus illegal über die Grenze. Rumänische Sicherheitskräfte fassten ihn. Vasil T. war den Zielfahndern bereits zum zweiten Mal ins Netz gegangen. Schon einmal – im Jahr 2013 – hatten sie ihn in Rumänien erwischt.

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