Tödlicher Schießunfall in Afghanistan beschäftigt Landgericht Gera

Am 28. September beginnt vor dem Landgericht Gera der Prozess gegen einen früheren Hauptgefreiten aus Thüringen. Dieser soll im Dezember des vergangenen Jahres in Afghanistan einen Kameraden erschossen haben.

Der tödliche Schießunfall bei der Bundeswehr in Afghanistan beschäftigt Ende September das Landgericht Gera. Foto: Tino Zippel

Der tödliche Schießunfall bei der Bundeswehr in Afghanistan beschäftigt Ende September das Landgericht Gera. Foto: Tino Zippel

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Gera. Der junge Mann ist angeklagt wegen fahrlässiger Tötung und Ungehorsam in besonders schwerem Fall. Normalerweise reicht für solche Vorwürfe die Strafgewalt des Amtsgerichts aus - wegen der Bedeutung der Sache kann auch eine Anklage am Landgericht erhoben werden, heißt es.

Der Angeklagte war nach seinem Grundwehrdienst bei den Gebirgsjägern im bayerischen Bischofswiesen stationiert. Im Rahmen des Isaf-Einsatzes der Nato wurde der Bundeswehrangehörige seit Mitte Oktober 2010 im Außenposten OP North in der Unruheprovinz Baghlan in Afghanistan eingesetzt, heißt es in den Unterlagen der Staatsanwaltschaft Gera.

Am Abend des 17. Dezember soll sich der damals 21-jährige Hauptgefreite zunächst in seinem Unterkunftszelt aufgehalten haben, wobei er beabsichtigt habe, in das benachbarte Internet-Zelt aufzubrechen.

Beim Verlassen der Unterkunft muss laut Bundeswehr-Befehl die Dienstpistole immer teilgeladen mitgeführt werden. Der Angeklagte habe deshalb seine ungeladene Dienstwaffe, eine Pistole Heckler & Koch P8, an sich genommen. Das mit Patronen gefüllte Magazin habe zunächst noch auf dem Feldbett des Angeklagten gelegen, heißt es. Nachdem der Hauptgefreite wiederholt eine Funktionsprüfung der Waffe durchgeführt hatte, führte er vermutlich auch das Magazin in die Pistole ein.

Kurze Zeit später betrat ein anderer Soldat das Zelt - und beide Männer fingen laut Anklageschrift an, mit ihren Waffen herumzuspielen. Dabei sollen sie auch die Läufe ihrer Waffen aufeinander gerichtet haben. In dieser Situation habe das spätere Opfer, ein ebenfalls 21-jähriger Soldat, das Zelt betreten. Der Thüringer soll seine Waffe dann auf den Kopf des Geschädigten gerichtet und den Abzug betätigt haben.

Wobei er davon ausgegangen sein soll, dass die Waffe nur teilgeladen, ist, so die Anklage weiter. Oliver O. wurde durch einen Nahschuss in den Kopf getroffen - und verstarb noch in der Unterkunft.

Laut Staatsanwaltschaft sagte der Thüringer Schütze zunächst gegenüber Feldjägern aus, dass das Magazin seiner P8 klemmte, als er es in die Pistole einführen wollte. Daraufhin wollte er es hineingeschlagen - und dabei löste sich der tödliche Schuss. Ein Gutachten des Thüringer Landeskriminalamtes ergab jedoch, dass mit der Waffe alles in Ordnung war. Eine Fehlfunktion konnten die Ermittler nach ihren Untersuchungen ausschließen.

Bislang sind für den Fall insgesamt fünf Verhandlungstage angesetzt - Ende Oktober könnte ein Urteil ergehen. Insgesamt elf Zeugen sowie drei Sachverständige werden in dieser Zeit gehört. Im Prozess wird außerdem die Mutter des verstorbenen Hauptgefreiten als Nebenklägerin auftreten.

Nach dem tödlichen Unfall hat die Bundeswehr die Belehrungen über das Verhalten im Einsatz deutlich verstärkt. An der gängigen Praxis wiederum habe man nichts geändert - es gebe gültige Sicherheitsbedingungen, bestätigte gestern ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums. So würden die Soldaten in Afghanistan - derzeit rund 4600 Mann - weiterhin scharfe Munition erhalten, hieß es weiter: "Die Soldaten müssen jederzeit einsatzbereit sein." Gleichwohl seien die Männer verpflichtet, Waffe und gefülltes Magazin getrennt voneinander mit sich zu führen.