Weitere Tarnidentität im NSU-Prozess offen gelegt

München. Mit einer weiteren Tarnidentität des Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhhardt und Beate Zschäpe beschäftigte sich gestern der NSU-Prozess in München.

Beim NSU-Prozess ging es am 87. Verhandlungstag um den Zeugen Max-Florian G., der dem NSU-Trio Unterschlupf gewährt haben soll. Foto: Andreas Gebert

Beim NSU-Prozess ging es am 87. Verhandlungstag um den Zeugen Max-Florian G., der dem NSU-Trio Unterschlupf gewährt haben soll. Foto: Andreas Gebert

Foto: zgt

Uwe Mundlos soll seit 1998 einen Reisepass auf den Namen Max-Florian B. besessen haben. Nur wenige Wochen nach ihrer Flucht aus Jena Ende Januar 1998 sollen die Drei auch mehrere Monate in der Wohnung von B. in Chemnitz untergekommen sein.

Doch der Zeuge Max-Florian G. schweigt inzwischen. Er berief sich gestern vor Gericht auf sein umfassendes Aussageverweigerungsrecht. Gegen ihn ermittelt derzeit die Bundesanwaltschaft. Dagegen hatte der heute 36-Jährige in den Wochen nach dem Enttarnen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) am 4. November 2011 in Eisenach mehrfach bei der Polizei ausführliche über seine Beziehung zu dem Trio ausgesagt. Im ausgebrannten Wohnmobil von Mundlos und Böhnhardt in Eisenach war 2011 neben Waffen und Geld auch ein Reisepass auf seinen Namen entdeckt worden.

So erzählte B. den Vernehmern drei Tage nach den Ereignissen von Eisenach, dass er 1998 zwei Leute, eine blonde Frau und einen Mann kennengelernt habe, die dann bei ihm in seiner Wohnung in Chemnitz übernachten durften. "Er habe auf die junge Frau gestanden", schilderte gestern ein 44-jähriger Polizeioberkommissar aus Thüringen seinen Vernehmungs-Eindruck. Der Begleiter der Frau soll Uwe Mundlos gewesen sein.

Zwei Wochen später erinnerte sich B. dann bei einer zweitägigen Befragung durch Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA), dass er im Frühjahr 1998 aus einem Ungarn-Urlaub zurückgekommen sei, als seine Freundin Mandy S. bei ihm in der Wohnung drei Leute untergebracht habe. Im Laufe der Zeit will Max-Florian B. erfahren haben, dass die Drei offenbar gesucht wurden.

Über den gesamten Tag rekonstruierte gestern das Gericht mühsam die damaligen Aussagen des 36-Jährigen bei der Polizei. Zwei Vernehmungsbeamte waren als Zeugen geladen, um sich an die einzelnen Aussagen von Max-Florian B. erinnern. Richter Manfred Götzl hielt den Beamten über Stunden die einzelnen Angaben aus den Vernehmungen vor, in der Hoffnung, dass den Kriminalisten dazu wieder etwas einfällt. Ein 34-jähriger BKA-Vernehmer erwies sich ganz fit im Zeugenstand.

Max-Florian B. überließ 1998 offenbar Mundlos für zehn Tage seinen Personalausweis. Als er dieser wieder zurück bekam, erfuhr er, dass Mundlos nun einen Reisepass auf seinen Namen besaß. B. hat sich auch nach 1998 offenbar noch mindestens drei Mal mit Mundlos und Böhnhardt getroffen. Zuletzt sollen die beiden Männer 2009 oder 2010 ihm in Dresden in seiner Wohnung besucht haben.

Zudem rief Mundlos ihn ein bis zwei Mal im Jahr an. Das letzte Telefonat war im Frühjahr 2011. B. hatte die Anweisung, mit Mundlos nie von seinem Handy aus zu telefonieren, sondern immer eine Telefonzelle zu nutzen. Max-Florian B. mutmaßte, dass es bei den Treffen und Telefongesprächen darum ging, die aktuelle Lebenssituation von Max-Florian B. zu erfragen.

Die Ermittler hatten im November 2011 im Brandschutt der letzten gemeinsamen Wohnung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in der Zwickauer Frühlingsstraße auch eine Geburtsurkunde von B. sichergestellt. Auf deren Rückseite waren aktuelle Angaben über dessen Lebenssituation notiert. Max-Florian B. reagierte entsetzt, als die BKA-Ermittler ihm diese Urkunde präsentiert hatten.

Er habe sich nicht erklären können, wie die Geburtsurkunde in den Besitz der Drei gelangt sei, sagte der 34-Jährige Ermittler. Laut Anklagesoll in mindestens einem Fall von dem Trio eine Wohnung auf den Namen B. angemietet worden sein. Dieser hatte davon aber nur erfahren, weil zur Mietzahlung auf seinen Namen auch ein Konto bei der Commerzbank eingerichtet worden war. In zwei Fällen seien bei Max-Florian B. Forderungen auf Nachzahlungen eingegangen.

Der 36-jährige will von den Verbrechen des NSU nichts gewusst haben. Vielmehr habe Mundlos ihm bei den Telefongesprächen ab 2003 erzählt, dass die Drei nicht mehr gesucht würden und dass sie eigentlich auch wieder nach Thüringen zurück wollte. Allerdings soll Mundlos ihm auch gesagt haben, dass sie sich schämen würden und keine Chance hätten, Arbeit zu bekommen. Die drei sollen deshalb mit einem Anwalt in Verbindung gestanden haben. so soll es B. den BKA-Beamten erzählt haben.

Max-Florian B. will sich vor mehr als 12 Jahren von der rechtsextremen Szene gelöst haben. Seit 2005 lebt er mit seiner Lebensgefährtin in Dresden zusammen. Beide haben inzwischen zwei Kinder. Seine Freundin soll eher aus dem linken Spektrum kommen, erklärte der BKA-Beamte. B. hatte nach dessen Angaben 2004 seien Meisterprüfung als Steinmetz bestanden und arbeitet seither bei einer Dresdner Firma. Dass die Vergangenheit ihn 2011 eingeholt habe, hätte ihn bei den BKA-Vernehmungen schwer beschäftigt, fügte der Ermittler an.

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