Das ganze Leben ist ein Tanz: Annett Louisan in Erfurt

Erfurt.  Annett Louisan stellte sich mit zwei Gitarristen in den intimen Rahmen von „20ff – twenty fast forward“ im Erfurter Kontor

Die Sängerin Annett Louisan am Abend beim ersten ihrer beiden Konzerte im Kontor Erfurt.

Die Sängerin Annett Louisan am Abend beim ersten ihrer beiden Konzerte im Kontor Erfurt.

Foto: Sascha Fromm

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Zuletzt, vor neun Monaten, füllte Annett Louisan in Erfurt eine Messehalle. Der Tourauftakt zum Doppelalbum „Kleine große Liebe“ dauerte drei Stunden, in denen sie auch mal zur Polonaise anstiftete.

Jetzt ist vieles anders. „Ich möchte euch heute Abend nahe kommen“, sagt sie zwar im Kontor Erfurt, wo sie zwei Mal vor jeweils hundert Leuten eine Stunde lang singt. Aber: „Natürlich nicht körperlich, sondern mit meinen Liedern.“

Es gelten jene eineinhalb Meter gebotenen Abstands, die Louisan fast exakt kontrollieren könnte, läge sie sich einfach hin. „Ich bin klein. Das lässt sich auch nicht wegdiskutier’n“, singt sie mit leichtem Blues, der zuverlässig sprachverspielt die Vorteile kurzer Wege und des „Weniger ist mehr“ preist.

Das kann sinnbildlich für den exklusiven und intimen Rahmen stehen, in den sich Annett Louisan mit Martin Kelly und ihrem Bandleader Hardy Kayser an akustischen Melodie- und Rhythmusgitarren stellt – und den sie mehrfach ausschreitet, singend durchs Publikum gehend.

„Es wurde Zeit. Ich habe es so vermisst“, so ruft sie, die leibhaftige Begegnung im Konzert betreffend. Deshalb war’s wohl ein Leichtes, sie für den vorsichtigen Neustart nach dem Lockdown zu gewinnen, wie ihn die Konzertreihe „20ff – twenty fast forward“ jetzt noch eine Woche lang im Kontor versucht. Die Veranstalter müssen Louisan erhört haben: „Schenk‘ mir ein zweites erstes Mal“ bittet sie in einem Lied; „20ff“ ist insofern eine Wunscherfüllung.

Dieses Lied ist, wie zuvor die Familienterrorerzählung „Wir sind verwandt“, ein Wiener Walzer. Überhaupt ließe sich der Abend in Tänzen erzählen. Er begänne mit einem Slowfox („Kleine große Liebe“), ließe zu „Klein“ eine Rumba zu, stellte „Eine Frage der Ehre“ im Quickstep-Tempo und führte zum Bossa Nova: in „Eternal Flame“, was Louisan soeben in Wien für ihr Cover-Album „Kitsch“ einsang.

Nur die Polonaise fehlt. Ansonsten erzählt der Abend vom Leben als ewigem Tanz. „Weil’s immer kommt, wie’s kommen muss, ist hin und her mir kein Verdruss“, heißt es in der Square-Rumba „Die schönsten Wege sind aus Holz“.

Alles ist gut. Auch das Schlechte. Das ist inzwischen die Grundhaltung der Annett Louisan, die uns einst mit unbeschwertem Schulterzucken und Augenzwinkern verführte. So leicht und luftig wie ihr kurzes Sommerkleid kann sie immer noch sein. Leichtfertig eher nicht. Sie tanzt nicht übers Leben hinweg, sondern mitten hindurch.

„Ich will doch nur spiel’n. Ich tu doch nichts.“ Das stimmt nicht mehr. Sie liebt dieses Lied, das 2004 ihr Urknall war, trotzdem: Und freut sich schon, es auch mit Siebzig noch zu singen, sagt die 43-Jährige.

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